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1:7

Die These, dass Nation und Fußball in Brasilien eine besondere Synthese bilden, steht seit langem im Raum – und unabhängig davon, ob sie stimmt oder nicht, sie war und ist sehr einflussreich. So liegt es nahe, die Frage zu stellen, ob historische Niederlagen wie das 1:7 gegen Deutschland etwas über Brasilien aussagen oder der Zustand Brasiliens gar die Niederlage zu erklären vermag. In Brasilien gibt es eine lange Tradition, sie zu stellen und sie zu beantworten.
Ausgangspunkt dafür ist natürlich die Mutter aller Niederlagen – das 1:2 gegen Uruguay im entscheidenden Spiel bei der Weltmeisterschaft 1950 im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. Der große Chronist des Schicksalspiels, der Journalist Paulo Perdigão, fasste die Stimmung nach der Niederlage folgendermaßen zusammen: „Wir waren minderwertig: Das verlorene Finale war nicht einfach nur eine Niederlage der Nationalmannschaft – es war eine Niederlage der Nation aufgrund eines undankbaren Schicksals.“ Hier ist sie klar erkennbar – die Gleichsetzung von Nation und Fußball. Der Ball wurde dankbar von Nelson Rodrigues aufgriffen, popularisiert und dramatisiert. Rodrigues war einer der wichtigsten brasilianischen Intellektuellen und Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Wie viel Ironie und wie viel Ernst in seinen oft übertrieben polemischen Chroniken zur Lage der (Fußball-)Nation steckte, ist selbst für Kenner_innen schwer zu beurteilen. Doch eines ist klar: Rodrigues genoss es, Brasiliens Fußball und die Nation als untrennbar miteinander verwoben darzustellen: „Ich kann nicht anders als mit mitleidiger Ironie auf diejenigen zu schauen, die jegliche Beziehung zwischen der Nationalmannschaft und dem Vaterland leugnen. Die Mannschaft ist nichts anderes als das Vaterland.“
Im Rückblick auf die 2:4-Niederlage Brasiliens in einem Spiel gegen die Engländer, das am 9. Mai 1956 in London stattgefunden hatte, entwickelte Rodrigues seine berühmte Theorie des sogenannten complexo vira lata, des Straßenköterkomplexes. „Unter Straßenköterkomplex verstehe ich das Unterlegenheitsgefühl, in dem der Brasilianer sich aus freien Stücken gegenüber dem Rest der Welt einrichtet. Und zwar auf allen Gebieten, vor allem aber beim Fußball. […] Warum haben wir in Wembley verloren? Weil die brasilianische Mannschaft vor dem blonden, sommersprossigen englischen Kader kuschte und winselte. […] Der Brasilianer muss sich klar werden, dass er kein Straßenköter ist. […] Ich wiederhole: Straßenköter sein oder nicht, das ist die Frage.“
Damit hatte Rodrigues die gesamte Nation auf die Couch gelegt und die wohl wirkungsmächtigste Kurzinterpretation Brasiliens formuliert. Seit 1956 zieht sich der complexo vira lata durch unzählige Artikel und Analysen. Je nach (fußballerischem) Erfolg und Misserfolg erhielt die Theorie entweder Auftrieb oder wurde zu den Akten gelegt. Durch die ersten WM Titel Brasiliens wurde der Komplex scheinbar besiegt. An seine Stelle trat etwas anderes: Die Hybris, Brasilien sei durch eben diese Überwindung nun so gut wie unschlagbar geworden. Als die seleção im Endspiel von 1958 mit 5:2 über Gastgeber Schweden triumphierte, schrieb Nelson Rodrigues euphorisch: „Brasilien hat sich selbst entdeckt. […] Der Sieg wird alle unsere Beziehungen mit der Welt beeinflussen. […] Der Brasilianer hielt sich immer für einen unheilbaren Halunken und beneidete den Engländer. Heute, mit unserer untadeligen Disziplin, der WM, haben wir bewiesen: Der wahre Engländer, der einzige Engländer ist der Brasilianer.“ Aber bereits 1966, als Brasiilien bei der WM-Endrunde vorzeitig scheiterte, überschrieb Rodrigues seine Kolumne schon wieder mit den Worten: Voltamos a ser vira-latas („Wir sind wieder Straßenköter“). Als Brasilien dann 2002 Deutschland (beziehungsweise Oliver Kahn) im Endspiel überwand, diskutierten die Fernsehreporter unmittelbar nach Abpfiff wiederum, ob Brasilien nun endgültig den complexo vira lata los sei. Und seit 2013 ist die Anspielung auf den Komplex ein Lieblingsthema der Präsidentin Dilma Rousseff geworden, die die Erfolge ihrer Regierung als dessen endgültige Überwindung sehen wollte und eine triumphalistische Rhetorik etablierte: Brasilien sei nun ein Siegerland, proklamierte sie in einer Rede im April 2013, kurz vor den Massenprotesten.
Nun das 1:7 im Halbfinale der WM ein Jahr später. Kann diese Niederlage durch den complexo vira lata erklärt werden? Kommt das alte Minderwertigkeitsgefühl in entscheidenden Augenblicken gegen die früher so überhöhten europäischen Mannschaften zurück?
Die klare Antwort lautet: Nein. Der Schlüssel für die Erklärung liegt woanders. Erhellend dafür war eine Äußerung von José Maria Marin, dem Präsidenten des braslianischen Fußballverbandes CBF. Gefragt nach der möglichen Einstellung eines ausländischen Trainers lautete seine Antwort: „Ich kann versichern, dass wir nichts von einem Ausländer lernen können, insbesondere beim Fußball. Wir hatten immer die besten der Welt in Brasilien. Wir haben schon fünfmal die WM gewonnen.“ Blinde Arroganz war schon vor der WM bei einigen Verantwortlichen Trumpf gewesen: „Der Weltmeister ist gekommen. Wir haben die Hand am Pokal. Die CBF ist das Brasilien, das Erfolg hat,“ verkündete der Technische Direktor der brasilianischen Mannschaft, Carlos Alberto Parreira. Diese Siegesrhetorik wurde täglich im Fernsehen verstärkt. Die WM wurde damit unglaublich emotional aufgeladen, die Emotion zum letzten gedanklichen Horizont, wie schon der argentinische Philosoph Pablo Alabarces messerscharf konstatierte. Dadurch verschwand jeder Blick auf eigene und fremde Schwächen und Stärken. Den brasilianischen Niedergang erklärt also in diesem Fall nicht der vira-lata-Komplex, sondern eher die andere Seite seiner Medaille – die Hybris. Diese hat offensichtlich trotz der Niederlage weiter Bestand. Beispielhaft dafür steht Brasiliens Fußball-Idol Pelé, das noch am Tag der Schmach in aller Bescheidenheit twitterte: „Jetzt werden wir eben 2018 unseren sechsten WM Titel holen!“
Aber noch etwas anderes hat sich gegenüber den Zeiten von Nelson Rodrigues geändert. Die imaginierte Identität von Fußball und Nation ist nicht mehr unumstritten. Fußball vereinigt nur noch im Erfolg. Die Nation ist gespalten, Opposition und Regierungsseite sind im Wahlkampf und dies ruft diverse Bewertungen der Niederlage hervor.
Symptomatisch ist hierfür der Brief einer brasilianischen Reiseführerin nach dem 1:7, den das Fachmagazin 11 Freunde veröffentlichte: „Das war mehr als nur ein Fußballspiel. Es ist der Endpunkt in der Geschichte von brasilianischen Schwindlern, die meinen, ihr Geld zu verdienen, ohne zu schwitzen, die Staatsmänner werden wollen, ohne ein Studium zu absolvieren.“ Ein deutliche Anspielung auf Brasiliens Ex-Präsidenten Lula, den die Opposition immer wieder als Semi-Analphabeten zu diffamieren versuchte. So ist es also nun für manche nicht mehr die Nation, die auf dem Spiel steht, sondern die aktuelle Regierung. Eine solche Kritik missbraucht den Fußball auf das Übelste.
Aber eine Parallele zwischen Politik und Fußball gibt es tatsächlich: Die Rhetorik vom „Siegerland“ und das Abtun aller Kritik als bloße Miesmacherei vereinigten Präsidentin Dilma Rousseff und die Führungsriege des brasilianischen Fußballs. Nutzen kann aus der Niederlage nur gezogen werden, wenn wieder ein realistischer, kritischer Blick auf das Land und seinen Fußball Einzug hält – jenseits aktueller politischer Kämpfe oder Triumphalismus und Aggressionen der rechten Opposition.

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