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A toda Cuba le gusta

Beginnen wir mit der ersten Session: Gleich ein halbes Dutzend soneros, vom 43jährigen José Antonio ‘Maceo’ Rodríguez bis hin zum 80jährigen Pío Leyva, stellen hier ihre Gesangskünste unter Beweis, begleitet von Rubén González (Piano), Orlando ‘Cachaíto’ López (Kontrabaß), Juan de Marcos González (tres) und Miguel Angá (Congas), um nur einige herauszustellen. Zum großen Teil also Musiker, die die Blütezeit des son mit geprägt haben und wahrlich Rechtfertigung genug für den Namen Afro-Cuban All Stars. Die ausschließlich akustisch instrumentierten Titel auf A Toda Cuba le Gusta bieten einen Querschnitt durch den Formenreichtum der afrokubanischen Musiktradition. Arrangiert im Stil der legendären Orchester der fünfziger Jahre, klingen sie auf charmante Weise altmodisch, doch messerscharfe Bläsersätze und mitreißende Percussion lassen jeden Gedanken daran vergessen, daß hier Männer weit jenseits des Rentenalters musizieren. Einige willkürlich herausgegriffene Perlen: ein musikalischer Wettstreit der Leadsänger in ‘Alto Songo’, der Auftritt des 80jährigen Gastflötisten Richard Egües in ‘Habana del Este’, die gefühlvolle tres-Einleitung zu dem guagancó ‘Fiesta de la Rumba’.
Auf Buena Vista Social Club, dem zweiten Album (benannt nach einem Rentnerclub in Havanna), überwiegen ruhigere sones und boleros. Wieder treffen wir auf verschiedene Sänger, unter ihnen Compay Segundo, der mit seinen 89 Jahren (!) gerade einen neuen Exklusivvertrag unterzeichnet hatte (!!) und daher an den Aufnahmen beinahe nicht hätte teilnehmen können. Die einzige weibliche Stimme auf diesen Aufnahmen gehört Omara Portuondo, zu hören mit einer einfühlsamen Interpretation von María Teresa Vera’s bolero an eine verflossene Liebe ‘Veinte Años’. Produziert wurde das Album von dem Bluesgitarristen Ry Cooder, der auch auf allen Titeln dabei ist. Dank seines respektvoll zurückhaltenden Spiels klingt das Ergebnis aber keineswegs weniger kubanisch. Vollends in seinem Element ist der Gitarrist auf zwei Titeln, die eine wenig bekannte Seite der kubanischen Musik repräsentieren, nämlich den Einfluß US-amerikanischer Gospel- und Jazzbands in den dreißiger Jahren.
Die eigentliche Entdeckung jedoch ist für mich der auf beiden Sessions mitwirkende Rubén González, der schon in den frühen Fünfzigern für Arsenio Rodríguez am Piano saß, später über Jahrzehnte mit Enrique Jorrín zusammenarbeitete und hier ein atemberaubendes Solo nach dem anderen abliefert. Der 77jährige Pianist, der kein eigenes Klavier mehr besitzt, seit sein altes auseinanderfiel, erschien jeden Morgen als erster im Studio, wärmte seine arthritischen Finger auf, begann zu spielen und war nicht mehr zu stoppen. Seine Art, den Rhythmus gegen den Strich zu bürsten, sein perkussiver Anschlag und die schroffe Harmonik verleiteten Ry Cooder gar zu dem Vergleich mit der Bebop-Legende Thelonious Monk. Bei aller Liebe für den Jazz macht González jedoch unverkennbar kubanische Musik. Nach Fertigstellung der beiden Alben waren die Musiker perfekt aufeinander eingespielt, man wählte einige Standards aus (darunter ‘La Engañadora’, den Ur-cha-cha-cha von Jorrín), ließ im Stil der kubanischen descarga viel Platz für Improvisationen, und innerhalb von zwei Tagen war ‘Introducing Rubén González’ im Kasten. Wie auch schon auf ‘Buena Vista Social Club’ ist hier von der Bläsersektion nur noch Manuel ‘Guajiro’ Mirabal vertreten, der einige jazzige Trompetensoli beiträgt. Eine wunderbare CD!
Musik zum Tanzen, Träumen und Zuhören. Ergänzt wird das Hörvergnügen durch die sehr schön gemachten Begleithefte, mit allen Texten, englischen Übersetzungen und vielen Fotos und Hintergrundinformationen. Die Frage lautet eigentlich weniger: welche der drei? sondern allenfalls: welche zuerst? Die anderen folgen unweigerlich.

Vertrieb über Eastwest-Record:
Afro-Cuban All Stars: A Toda Cuba le Gusta, 1997, World Circuit WCD 047
Buena Vista Social Club, 1997, World Circuit WCD 050
Rubén González: Introducing Rubén González, 1997, World Circuit WCD 049

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