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Alles für die Exportwirtschaft

Hunderte von Familien leben im ländlichen Gebiet von Juruti, und mit der Mine wird sich ihr Leben grundlegend verändern. Ihr Schicksal wird in den vorgelegten Studien komplett ausgeblendet“, kommentiert Raimundo Moraes die Umweltverträglichkeitsstudie vom Aluminiumkonzern ALCOA zu dem in Juruti geplanten Bergbauprojekt. Moraes ist Mitglied des Umweltausschusses und arbeitet bei der Staatsanwaltschaft von Santarém. Er setzt sich für die Interessen der etwa 30.000 BewohnerInnen Jurutis gegenüber dem Aluminiummulti ALCOA ein.
Juruti liegt östlich von Santarém kurz vor der Grenze des Bundesstaates Pará mit dem Bundesstaat Amazonas am gleichnamigen Fluss. 280 Millionen Tonnen Bauxit lagern beim Juruti-See in der Erde. Der multinationale Konzern ALCOA wird für Investitionskosten in Höhe von 350 Millionen US-Dollar jährlich sechs Millionen Tonnen Bauxit in der Mine abbauen. Die geplante Mine soll ab 2008 die Aluminiumfabrik Alumar bei São Luis beliefern, an der ALCOA zu 35 Prozent beteiligt ist. Schon jetzt wird die Kapazität der Fabrik um 30% erweitert. Zugleich denkt das Unternehmen darüber nach, ab 2011 eine Aluminiumraffinerie bei Juruti zu errichten. Um die hierfür nötige Energie für die Aluminiumproduktion sicher zu stellen, will sich ALCOA am Bau des umstrittenen Staudamms Belo Monte beteiligen.
Erfahrungen mit dem Abbau von Bauxit wurden schon mit der weltweit größten Bauxitmine am Rio Trombetas gemacht. Ihr Eigentümer ist ebenfalls der Konzern ALCOA. Jährlich fielen dieser Mine 300 Hektar Regenwald zum Opfer, und der Bauxitschlamm verunreinigte die Gewässer. Die geschaffenen Arbeitsplätze reichten nur für wenige. Statt wie früher die Felder zu bewirtschaften, halten sich die Leute mit Gelegenheitsjobs über Wasser und kaufen im Laden der Mine.

Umweltkiller Bauxitabbau

Die AnwohnerInnen des Juruti-Sees befürchten nun, dass der See und das Grundwasser verseucht und die Ökosysteme, von denen sie leben, vernichtet werden. Zudem sind etwa 8.000 BewohnerInnen der um den See liegenden Dörfer von Zwangsumsiedlung bedroht, da die Landreformbehörde INCRA ihren Landbesitz nicht offiziell anerkennt. Zugleich breiten sich durch die massive Exportförderung der Regierung Lula illegaler Holzeinschlag, Rinderzucht und Sojaanbau in großflächigen Monokulturen immer weiter nach Amazonien aus. Landkonflikte nehmen zu und immer mehr Menschen verlieren ihr Land.
Für das Projekt Juruti hatte ALCOA im Januar eine Umweltverträglichkeitsstudie vorgelegt. Dieses umfassende Werk wurde jedoch erst Mitte Februar öffentlich zugänglich gemacht. Den BewohnerInnen blieb wenig Zeit sich auf die gesetzlich zugesicherte Anhörung zu den Plänen von ALCOA vorzubereiten.
Der Konzern nahm indessen auf seine Weise Einfluss auf die EinwohnerInnen: „Ab zwei Wochen vor der Anhörung in Juruti beschallte ALCOA die ganze Stadt mit Liedern aus dem Lautsprecherwagen, in denen sie eine rosige Zukunft mit der Mine anpriesen“, so Tamara Höcherl, die bei den Franziskanerinnen vor Ort arbeitet. Um die Bedenken der Bevölkerung noch vor der ersten Anhörung zu zerstreuen, stellte der Multi auf Versammlungen die Vorzüge dar, die das Projekt nach Juruti bringe. Dabei verbreiteten die VeranstalterInnen Fehlinformationen, die ihren eigenen Angaben in der Umweltverträglichkeitsstudie widersprechen. So räumt die Studie ein, dass durch die Erdarbeiten Wasserläufe zugeschüttet und das Grundwasser durch Schwermetalle kontaminiert werden könnte. Auch wird nicht ausgeschlossen, dass die Zuflüsse des Sees verschüttet werden oder austrocknen. „Oben auf den Plateaus gibt es keine Quellen“, hieß es dagegen auf Nachfragen, oder „Schwermetalle hat man nur bei der ersten Studie festgestellt“ und „im Amazonas gibt es genug Wasser“.
„ALCOA polarisiert die Bevölkerung. Das Klima in der Region ist vergiftet. Kaum jemand kommt zu unseren Informationsveranstaltungen, da die Leute befürchten, bei ALCOA auf die schwarze Liste zu kommen, wenn sie sich bei uns blicken lassen. Bei der Anhörung in Juruti verteilten sie massenhaft T-Shirts mit der Aufschrift ‘Ich bin für ALCOA’, so dass die Gegner des Projekts schnell sichtbar waren, weil sie keine ALCOA-T-Shirts trugen. Nach der Anhörung gingen wir nur in Gruppen nach Hause, da wir darum fürchten mussten, von ALCOA-Befürwortern mit Steinen beworfen zu werden“, so Tamara Höcherl.

Propaganda für die Mine

Bei zwei weiteren Anhörungen im März und April in Santarém und Belém wurden starke Zweifel an der Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudie des Unternehmens deutlich. ALCOA unterschlug, dass den BewohnerInnen der am stärksten betroffenen Siedlungen am Rand des Juruti-Sees die Lebensgrundlage entzogen werden würde. Diese leben von dem Wald, der für die Mine abgeholzt werden müßte. Auch der Landkonflikt in der Region blieb unerwähnt. Ferner hat das Unternehmen die Mehrzahl der ökologischen Auswirkungen des Projekts nicht quantifiziert, obwohl dies möglich und für eine Entschädigung der EinwohnerInnen auch nötig wäre.

Fragwürdige Hoffnungen

Etliche AnwohnerInnen versprechen sich Vorteile von der Mine. Doch die BewohnerInnen von Juruti werden selbst am wenigsten von dem Projekt profitieren. Als Arbeitskräfte kommen eher die zahlreichen ArbeitsmigrantInnen in Frage, die schon jetzt die Stadt wachsen lassen. Wenn erst die Mine erschlossen ist, wird die Stadt rasch anwachsen und ebenso die Nachfrage nach öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern oder der Wasserversorgung. In der Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudie aber betrachtet ALCOA sich hierfür nicht als verantwortlich. Dies sei Sache der öffentlichen Hand.
Von offizieller Seite wird das Projekt kaum in Zweifel gezogen. Der Bürgermeister von Juruti und auch die Bürgermeisterin von Santarém – beide von der Arbeiterpartei PT – unterstützen das Vorhaben. Die Regierung des Bundesstaates Pará verspricht sich von der Mine Exportchancen, neue Arbeitsplätze und Folgeinvestitionen.
Und nicht nur ALCOA will expandieren. Die Companhia Vale do Rio Doce (CVRD) plant eine neue Bauxitmine in Paragominas und weitet die Produktion der Aluminiumfabrik Alunorte in Barcarena aus. Bei São Luis will die CVRD zwei Stahlwerke und in Canaã dos Carajás eine Kupferfabrik errichten.
Raimundo Moraes unterstützte Ende Mai eine Delegation einer LandarbeiterInnengewerkschaft, die nach Belém reiste, um direkt mit ALCOA zu verhandeln. Sie wollen zumindest eine Entschädigung der EinwohnerInnen für die sozialen und ökologischen Folgen des Projekts erreichen.
Denn da auch die Regierung dem Projekt positiv gegenüber steht, vergab der Umweltrat von Pará am 14. Juni eine vorläufige Lizenz an ALCOA. Damit ist der Konzern mit seinem Vorhaben einen wesentlichen Schritt weiter. ALCOA kann voraussichtlich noch in diesem Jahr mit dem Bau der Mine beginnen.

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