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Alles Gute zum Geburtstag!

LANA – Die Geschichte einer Jugendliebe

Ich war gerade 18, als ich das erste Mal von ihr hörte. Sie sollte ganz anders sein, einem geben, was einem die anderen vorenthielten, und ihrer Unmittelbarkeit sollte man sich nicht entziehen können. Derart angestachelt wollte ich sie unbedingt kennenlernen, doch gab es ein Problem. Sie wohnte im anderen Teil der Stadt, der durch hohe Mauern von meinen östlichen Gefilden getrennt war. Also versuchten wir zunächst, eine Brieffreundschaft herzustellen. Ab Mitte der siebziger Jahre schickte sie mir allmonatlich einen dicken, großformatigen Brief, der mich in den meisten Fällen auch erreichte, selbst wenn ich mehrere Wochen darauf warten mußte. Schließlich brauchten die fürsorglichen Genossen eben auch ihre Zeit für derart spannende Lektüre. Im Gegenzug versuchte ich ihr in Abständen kleine Dankespäckchen zu schicken, in denen die neuesten DDR-Veröffentlichungen zu Lateinamerika enthalten waren, wußte ich doch um ihre ausgesprochene Sammelleidenschaft und eine ständig wachsende Bibliothek. Anfang der achtziger Jahre begann ich für die Berliner Zeitung als Lateinamerika-Redakteur zu arbeiten, was mich zuweilen nach Cuba und Nicaragua führte, wo ich gemeinsame Freunde von uns beiden traf. Nach wie vor führte aber kein Weg direkt zu meiner Jugendfreundin nach Westberlin, denn diese „besondere politische Einheit“ lag außerhalb meines beruflichen Wirkungskreises. Nach dreizehn Jahren verzehrender Trennung verfiel meine Freundin auf eine List. Mit vielen amtlichen Papieren versehen, lud sie mich gemeinsam mit meinem Freund und Ko-Autor Hannes Bahrmann offiziell zu den Lateinamerika-Tagen 1986 nach Berlin-Kreuzberg ein. Die erste Begegnung war stürmisch und heftig, wenn auch nicht ohne Überraschungen. Jeder hatte sich im Laufe der Jahre ein Bild vom anderen gemacht, und bei der abendlichen Podiumsdiskussion um die Solidaritätsbewegungen in Ost und West zeigten sich unerwartet große Unterschiede. Während ich mich für Projektarbeit aussprach und von meinen guten Erfahrungen in Mittelamerika berichtete, lehnte sie dies als „Widersprüche verkleisternd“ ab und sprach sich vehement dafür aus, den Kampf in die imperialistischen Machtzentren selbst zu tragen, um das Monopolkapital an seinem Ursprung zu attackieren. Es war uns nicht vergönnt, dieses Problem wirklich auszudiskutieren, wie uns überhaupt die langersehnte erste Nacht versagt blieb, denn um Mitternacht mußte ich wieder im anderen Teil der Stadt sein.
Drei Jahre später war dann plötzlich alles ganz anders. Nach der großen Überraschungsnacht vom 9. November ging ich tags darauf prompt zu ihr, und sie schleifte mich prompt zu Radio 100, wo wir live darüber diskutierten, was die Maueröffnung wohl nun für die begonnenen Internationalismus-Projekte bedeute und ob es einen Anstieg nationalistischer und rechtsextremer Gefahren gebe. Die Frage verwunderte mich in diesem Moment allgemeinen Jubels etwas, aber wieder einmal stellte ich fest, daß meine Freundin ein sehr feines Gefühl für verdeckt laufende Entwicklungen hatte. Die rasanten Entwicklungen der Folgejahre brachten es mit sich, daß unser Kontakt etwas lockerer wurde. Ich gründete einen Verlag, der sich vorrangig mit jüngerer deutscher Geschichte beschäftigte – die Ereignisse in den Metropolen sind eben doch nicht ohne Bedeutung. Auch meine Bibliothek gruppierte ich um. So kam meine Freundin zu einem überraschenden Geschenk. Zum 20. Jahrestag unserer Bekanntschaft überreichte ich ihr meine sorgsam in Kunstleder gebundenen Jahrgänge all jener Hefte, die sie mir im Laufe der Zeit mal geschickt hatte und die ich wie einen seltenen Schatz gehütet und gepflegt hatte.
Inzwischen konnte ich mir die Hefte meiner Freundin selbst kaufen, und sie wurden zu etwas Vertrautem und Normalen, – wie das eben so ist, wenn man gemeinsam in die Jahre kommt. Trotzdem freue ich mich jedes Mal, wenn ich ihnen begegne. Gerade in letzter Zeit ließen mich Vortragsreisen nach Südamerika wieder länger als sonst in ihnen verweilen. Nach der Veröffentlichung unseres Buches „Das rebellische Wort“ mit Essays von Autoren der südlichen Hemisphäre ist mein Interesse für die aktuelle Literaturdebatte neu entfacht worden. Für das nächste Jahr bereitet unser Verlag zudem einen kritischen Band über die DDR-Solidaritätspolitik vor. Da gibt es dann bestimmt wieder einen Grund, ein wenig mit LANA zu streiten – und womöglich das nachzuholen, was uns vor zwölf Jahren nicht vergönnt war.
Daß meine Jugendliebe ernstlich altert, kann ich mir genausowenig vorstellen wie die Tatsache, daß wir uns einmal aus den Augen verlieren sollten. In diesem Sinne freue ich mich auf die nächsten 25 Jahre.

Christoph Links

Liebe Freunde,

Ich verfolge die LATEINAMERIKA NACHRICHTEN seit der Periode ihrer Gründung, als sie noch CHILE-NACHRICHTEN hieß und als Katalysator der internationalen Solidarität mit dem Widerstand und der Opposition gegen die Diktatur von Pinochet fungierte. Unter ihrem zweiten Namen LATEINAMERIKA NACHRICHTEN hat sie immer ihr linkes Profil aufrechterhalten und im Rahmen dessen den Pluralismus der Ideen und Meinungen gegen alle Dogmatismen bewahrt.
Es ist beachtlich, daß das Augenmerk von LATEINAMERIKA NACHRICHTEN nicht nur auf spektakuläre Ereignisse gerichtet wird, sondern auch auf soziale und kulturelle Prozesse, die den Alltag der LateinamerikanerInnen prägen.
Ich wünsche LATEINAMERIKA NACHRICHTEN in ihren reifen 25 Jahren ein langes, schönes und produktives Leben,

Mit freundlichen Grüßen
Fernando Mires

Liebe KollegInnen,

gern komme ich der Aufforderung nach, mit Euch das wirklich denkwürdige Ereignis zu begehen, das die 25jährige Existenz der LATEINAMERIKA NACHRICHTEN bedeutet.
Ich lese sie seit der zweiten Nummer vom 12. Juli 1973, als das Blatt noch ein hektografiertes war, CHILE-NACHRICHTEN hieß und keine andere Absicht verfolgte, als alternative Information über die sich zuspitzende Lage in Chile zu verbreiten. Nach dem Putsch wurden daraus sehr rasch die – noch immer hektografierten – Hefte, die schließlich zu einer Zeitschrift von erstaunlicher Dauer, den LATEINAMERIKA NACHRICHTEN, heranwuchsen. Es gibt, glaube ich, nur wenige Publikationsorgane aus der Solidaritätsbewegung, die diese Permanenz des Erscheinens erreicht haben. Aus dem lateinamerikanischen Kontext ist mir keines bekannt. Es muß also ein Bedarf nach dieser Art solider und engagierter Information und Analyse existieren. Bei mir jedenfalls, der ich alle Ausgaben gesammelt habe – von den frühen ‘Bleiwüsten’ bis zur optisch anregenden Gestaltung – und immer wieder auch auf ältere Nummern und Berichte bei meiner publizistischen Arbeit zurückgreife. Dabei ist mir aufgefallen, daß der leicht vergängliche ‘Soli-Standpunkt’ bei den Nachrichten sehr früh schon durch eine analytische Bewertung der Ereignisse ergänzt wurde, und darin sehe ich die überzeugende Stärke der Zeitschrift.
Ein weiterer für mich wichtiger Aspekt ist ihre Öffung zur Kultur, ein Zeichen der konzeptuellen Flexibilität. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war über die reichen Kulturen Lateinamerikas so gut wie nichts zu lesen, was ich immer als einen großen Mangel empfunden und auch reklamiert habe. Inzwischen hat dieser Bereich einen angemessenen Umfang erhalten und sich sogar zu einem Forum von Debatten entwickelt. Weiter so und mehr davon.
Nur mit einer Erneuerung kann ich mich überhaupt nicht anfreunden: mit der seit Nr. 281 eingeführten ‘Light-Grafik’. Lesbarkeit bei manchmal dröger Materie ist richtig und wurde allzu lange vernachlässigt, aber die neue Schrift hat bei mir genau den gegenteiligen Effekt erreicht: sie ist nur gefällig, aber nicht besser lesbar, das Schriftbild neigt sogar zum Verschwimmen. Ich finde auch, daß ihr ‘Light-Charakter’ eher einer Kunstzeitschrift entspricht als der engagierten Information und Analyse einer politisch/kulturellen Publikation. Deshalb bitte zurück zum klaren und soliden Schriftbild!!!!
Im übrigen: Respekt den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, die all die Jahre auf vorbildliche Weise dafür gesorgt haben, daß die LATEINAMERIKA NACHRICHTEN unverzichtbar sind.

Mit herzlichem Gruß Euer
Peter B. Schumann

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