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ANARCHISMUS AUSSERHALB DER BLASE

Isabel (26) und Victor (28) leben in Temuco und arbeiten bei der Zeitschrift Mingako mit. Sie waren im April als Referent*innen einer von der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen mitorganisierten Infotour mit dem Thema „Anarchismus in Chile“ in ganz Europa unterwegs.

Isabel (26) und Victor (28) leben in Temuco und arbeiten bei der Zeitschrift Mingako mit. Sie waren im April als Referent*innen einer von der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen mitorganisierten Infotour mit dem Thema „Anarchismus in Chile“ in ganz Europa unterwegs.

Was ist die Idee hinter der Zeitschrift Mingako?
Isabel: Um das zu erklären, muss man beim Namen anfangen. Mingako ist ein Konzept, das vor allem im ländlichen Chile verwendet wird und ist eine Mischung aus einem Aymara- und einem Mapuchewort. Damit bezeichnet man solidarische Akte, bei denen kein Geld angeboten oder gefordert wird. Zum Beispiel, wenn jemand eine Mauer bauen oder Saatgut säen muss und Hilfe bekommt. Die Person, der geholfen wird, bietet im Austausch dafür eine Feier an. Es wird also solidarisches Arbeiten und Feiern verbunden. Die Idee der Zeitschrift geht von diesem Begriff aus und fängt damit an, wie wir uns organisieren. Am Projekt beteiligen sich verschiedene Einzelpersonen und Kollektive aus verschiedenen Regionen Chiles. Dabei konzentrieren wir uns auf die Kämpfe um Land, weil es in Chile in allen Regionen verschiedene Angriffe auf Land gibt. Diese gehen vom Bündnis des chilenischen Staates mit transnationalen Konzernen aus, wie dem Bergbau im Norden oder der Forstwirtschaft im Süden. Wir haben uns dann mit verschiedenen Kollektiven zusammengetan, um diese Problematik aus einer anarchistischen Perspektive zu analysieren.
Victor: Chile ist lang und schmal, dementsprechend ist es manchmal schwierig, mit Leuten in Kontakt zu treten. Die Zeitschrift dient auch dazu, uns mit Leuten aus anderen Territorien in Verbindung zu setzen, die ähnliche Kämpfe in anderen Kontexten führen. Die Zeitschrift ist auch nicht doktrinär anarchistisch, wir stellen uns nur Fragen aus dieser Perspektive. In mancher Hinsicht sind wir aber auch komplett unwissend und bitten dann Leute um Hilfe, die mehr Ahnung von bestimmten Themen haben, wie zum Beispiel Wassertechniker. Die Zeitschrift dient nicht nur der Vernetzung, sondern auch dazu, uns selber weiterzubilden. Denn in vielen Fällen kennen wir die Konzepte nicht, die nötig sind, um in politische Konflikte treten zu können.

Wie finanziert ihr eure Zeitschrift?
Victor: Bis jetzt haben wir uns durch Beiträge von Personen finanziert, die mit dem Projekt verbunden sind. Die Idee ist, unsere Zeitschrift in die Kioske zu bringen, um sie auch außerhalb der Blase, in der wir uns bewegen, zu verteilen. Wie wir das erreichen wollen, ist noch nicht ganz klar. Wir könnten die Zeitschrift auch zu einem festen Preis verkaufen, aber das wollen wir nicht. Bisher haben wir die Zeitschrift verschenkt.
Isabel: Als die Zeitschrift geboren wurde, war das eine der Diskussionen, die wir geführt haben. Verkaufen wir die Zeitschrift? Oder verteilen wir sie? Wir haben uns dazu entschieden, sie gegen Spende zu verteilen.

Verteilt ihr sie in ganz Chile?
Isabel: Im Allgemeinen gibt es sie dort, wo Leute aus dem Kollektiv sind. Aber wir verschicken sie auch an Leute, die uns danach fragen.
Victor: Es gibt sie auch im Internet und sie kann und soll selber ausgedruckt werden.

Der Großteil des politischen Lebens spielt sich in Santiago ab. Gibt es dadurch, dass ihr in Temuco aktiv seid, nicht Probleme, sich mit anderen Gruppen zu vernetzen?
Isabel: Klar haben wir Probleme. Aber auch wenn die Distanzen groß sind, gibt es Kontakt zwischen den verschiedenen Regionen und wir arbeiten zusammen. Ich habe beispielsweise in Valparaíso gelebt und kenne Leute dort.
Victor: Mingako ist ein Kollektiv ohne Leute aus Santiago. Das hat glaube ich damit zu tun, dass in der Provinz die Weltsicht nicht so dogmatisch ist. In Santiago gehen die Aktionen nicht über die kleine Welt dort hinaus. Das ist auch eine Selbstkritik, da ich an solchen Sachen teilgenommen habe.
Isabel: Es gibt aber auch Leute aus Santiago, die an Aktionen in den Regionen teilgenommen haben.

Teil eurer Infotour ist auch der Anarchismus in Chile heute. Wo sieht man diesen, abseits von euren Kollektiven?
Victor: Ich habe den Eindruck, dass der Anarchismus in Chile und überall auf der Welt immer sehr divers war. Es gab immer viele Strömungen und Gruppen. Das ist wichtig, um sich diesem Thema zu nähern. Der Anarchismus in Chile ist eine heterogene Bewegung die in den 90er Jahren wieder zum Leben kam. Während es in anderen Ländern, wie Spanien, Argentinien und Uruguay, Kontakt mit der älteren Generation von Anarchisten gab, gab es das in Chile nicht. Die jungen Leute, die zur anarchistischen Bewegung dazustoßen, mussten den Anarchismus neu entdecken und teilweise neu erfinden. Das lief dann zum Beispiel über die Kämpfe für die Freiheit der politischen Gefangenen der marxistischen Gruppen, über die ökologischen Kämpfe, die sexuelle Befreiung. Alles Themen, über die vorher nicht viel geredet wurde. Im Allgemeinen denke ich, dass in Chile in den letzten zehn Jahren mehr über Anarchismus geredet wurde, als dies seit Langem der Fall war. Der Anarchismus erschien wie etwas, das in den 1920er Jahren ausgestorben war.
Vor allem in den Kämpfen um Bildung im Jahr 2006 und 2011 kam das Thema mit allen Vorurteilen, die es schon immer gab wieder an die Tagesordnung: Die Medien fingen wieder an, den Anarchismus zu dämonisieren, auch weil dieser mit vielen Terroranschlägen verbunden wurde. Aber das Interessante ist, dass sich viele Jugendliche – ausgehend davon, dass wieder über Anarchismus geredet wurde – mit dem Thema beschäftigt haben. Und heute sind anarchistische Ideen einerseits in explizit anarchistisch organisierten Gruppen präsent, andererseits aber auch implizit mit den Ideen der Selbstverwaltung, der Horizontalität, dem Kampf gegen die Bürokratie, direkten Aktionen und so weiter verbunden. Diese Ideen werden heute selbst von post-marxistischen Gruppen aufgegriffen.
Ich denke, dass das alles mit der Bildungsbewegung angefangen hat, die einen Großteil ihrer Forderungen an den Staat gestellt hat. Es ist ja nicht sonderlich anarchistisch, etwas vom Staat zu fordern. Aber diese Kämpfe haben den Kontext geliefert, in dem die Basisversammlungen stattgefunden haben, bei denen es selbstverständlich ist, dass es keine Hierarchien gibt. Oder beispielsweise, dass, wenn man Geld auftreiben will, man das selber machen muss. Anarchistische Ideen haben sich also sehr weit verbreitet und ich denke, das wird auch noch weiter gehen.

Ist das nicht ein bisschen optimistisch, wenn zwar die Arbeitsweise anarchistisch inspiriert ist, die Forderungen aber nur an den Staat gerichtet und reformistisch sind?
Isabel: Ich denke, dass beide Situationen, 2006 und 2011, wie eine Eingangstür zu anarchistischen Ideen für viele Leute waren. 2006 war ein Schlüsseljahr, weil dort sehr viele junge Leute zum ersten Mal solche Ideen kennengelernt haben und das hat sich bis heute fortgesetzt. Innerhalb der Bewegung gibt es aber immer noch viele Strukturen, die von marxistischen Organisationen geprägt sind. Die Forderungen werden dann am Ende – wie schon immer in Chile – von Vertretern solcher Organisationen nach außen getragen, auch wenn in letzter Zeit der Organisierungsgrad in politischen Parteien bei jungen Leuten in Chile enorm abgenommen hat.
Victor: Das ist etwas, das sich auch bei den ökologischen Kämpfen beobachten lässt. Die Anarchistinnen und Anarchisten haben mit verschiedensten Gruppen zusammengearbeitet und die Arbeitsweisen verbreitet. Gleichzeitig gibt es aber eine staatszentristische Hegemonie, was die Forderungen der sozialen Bewegungen betrifft. Der Staat wird als die Institution betrachtet, an die man sich wendet, um Transformationen zu erreichen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Anarchismus von einer marginalen Minderheit vertreten wird. Zwar ist der Anarchismus am Erstarken, er bleibt aber eine Minderheitenposition. In den letzten Jahren war es vor allem so, dass sich der Anarchismus auf einen sehr kleinen Kreis an Leuten beschränkte, die sich mit sich selbst beschäftigten. Glücklicherweise hat sich das in den letzten zehn Jahren etwas geändert und es wird sich weniger mit einer anarchistischen Ästhetik – wie wir uns anziehen, welche Musik wir hören – als damit beschäftigt, wie wir unsere Ideen verbreiten können. Uns fehlen aber Freiräume, wo wir unsere Ideen in die Praxis umsetzen und experimentieren können. Und ich denke, das müssen wir machen, um nicht immer nur zu reagieren.

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