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Argentinischer Triumph in Kuba

Einiges war anders am diesjährigen „Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films“ als in früheren Jahren. Aus kalendarischen Gründen kann der Anlaß für sich beanspruchen, mit Sicherheit das weltweit letzte große Filmereignis vor dem Millenium gewesen zu sein. Doch das war ein Detail und wurde nur in den Eröffnungs-und Schlußansprachen des charismatischen Festival- und Filminstitutsdirektors Alfredo Guevara wortreich gewürdigt. Auffallend gegenüber den Vorjahren war dagegen die bessere Organisation; chaotische Prügelszenen in den Warteschlangen vor den Kinos, in denen die Publikumsrenner liefen, gab es in diesem Jahr nicht. „Eyes Wide Shut“, der in einer der zahlreichen Nebensektionen außerhalb des Wettbewerbs seine Kuba-Premiere erlebte, wurde vom hiesigen Publikum heiß geliebt, er lief praktisch von Beginn des Festivals an in so zahlreichen Zusatzvorstellungen, daß die Nachfrage (fast) befriedigt werden konnte.
Neu war in diesem Jahr – für AusländerInnen – die fast freie Verfügbarkeit von Internet und e-mail im wenig kontrollierten Pressezentrum des Fünfsternehotels „Nacional“, dem traditionsreichen Knotenpunkt des Festivals. Und daß die Gesamtzahl der Filmtitel, in den letzten zwei Jahren jeweils 500, diesmal bei „nur“ noch 300 lag und daß in der Hauptkategorie des Wettbewerbs statt 50 nur noch 38 lange Spielfilme aus Lateinamerika figurierten, wurde allgemein eher als Wohltat, denn als Verlust empfunden. Traditionsreich sind am Festival von Havanna schließlich neben den Filmen die zahlreichen Zusatzveranstaltungen wie Seminare, Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte. Glanzlichter bildeten dabei die Auftritte des ewig jugendlichen Brasilianers Caetano Veloso am Eröffnungsabend und der Altherrenriege von Buena Vista Social Club (minus Ry Cooder) an der Abschlußgala.

Imperialistische Kinderräuber
Zusatzveranstaltungen der bizarren Art waren dann ab der zweiten Festivalwoche die allnachmittäglich durchgeführten „spontanen“ Massenmobilisierungen des „kämpfenden Volkes“, mit denen die kubanische Regierung ihrer Forderung nach Repatriierung des sechsjährigen Elián Nachdruck verleihen will. Der kleine Junge ist einer von drei Überlebenden einer Gruppe von 14 Bootsflüchtlingen, die Ende November versucht hatten, in die USA zu gelangen. Das Kind, dessen Mutter bei diesem Fluchtversuch ertrunken ist, lebt seither bei Verwandten in Miami und wird von seinem in Kuba verbliebenen Vater zurückgefordert. Die Tatsache, daß die US-Administration den Entscheid über den definitiven Verbleib von Elián den Juristen und nicht den Politikern überlassen will, wird von der kubanischen Regierung propagandistisch als „Entführung eines unschuldigen Kindes durch die Imperialisten“ dargestellt. Das tragische Schicksal des Jungen dient der Entfesselung von nationalistischen Massenmobilisierungen, die mittlerweile, da der Fall in seinen dritten Monat geht, ein Ausmaß angenommen haben, das ohne Beispiel ist in der jüngeren Geschichte Kubas.
Das Hotel Nacional, das etwas erhöht und nur einen Steinwurf von der in den Fall involvierten US-Interessensvertretung entfernt liegt, mutierte während des Filmfestivals mit seinem Park jeden Nachmittag zum Logenplatz für die Festivalteilnehmer.
Kuba war schon immer ein Land größter Gegensätze, das gehörte stets zum Reiz des Festivals. Deshalb werden jeweils die neuesten Filme aus einheimischer Produktion mit besonderer Spannung erwartet. Dieses Jahr waren sie eine Enttäuschung. Vier an der Zahl waren es. Zwei kubanisch-spanische Koproduktionen wurden präsentiert, „Un paraíso bajo las estrellas“ von Gerardo Chijona, der 1991 noch mit „Adorables mentiras“ begeistert hatte, und „Las profecías de Amanda“ von Pastor Vega, der 1979 mit „Retrato de Teresa“ bekannt geworden war. Zwei weitere internationale Koproduktionen liefen im Wettbewerb: „Cuba“, ein Historienfilm des Spaniers Pedro Carvajal, und „Operación Fangio“, ein Politthriller des Argentiniers Alberto Lecchi.
Nach dem künstlerischen Höhenflug des kubanischen Kinos mit Fernando Pérez’ „La vida es silbar“, beim letztjährigen Festival mußte man dieses Mal ernüchtert feststellen, daß es auch in Kuba Regisseure gibt, die den Weg des geringsten Widerstands gehen. Pastor Vegas Film über die Wahrsagerin Amanda ist ein Stück hausbackenes Erzählkino ohne inhaltliche oder stilistische Ecken und Kanten. Lediglich das Schauspiel von Daisy Granados, die 1968 in Tomás Gutiérrez Aleas Meisterwerk „Memorias del subdesarrollo“ debütiert hatte, in ihrer Rolle als Amanda reißt den Film ein wenig aus der Mittelmäßigkeit heraus. Und Gerardo Chijonas Musikkomödie aus Havannas weltberühmtem Klub „Tropicana“, der Filmtitel „Ein Paradies unter den Sternen“ ist direkt dem Werbeslogan für das Lokal entnommen – zeigt ein Kuba, das weitgehend der Tourismus-Werbung entspricht: Music, dance and funny and lucky people. Der Streifen ist hervorragend gefilmt, für die Fotografie zeichnet wieder Kubas Kameramagier Raúl Pérez Ureta verantwortlich, der schon in „La vida es silbar“, „Madagascar“, „Quiéreme y verás“ und anderen Meilensteinen des kubanischen Kinos der Neunziger Jahre brilliert hatte. Auch ist der Film gekonnt choreografiert und mit einer mitreißenden Musik und Tonspur versehen. Er konnte damit handwerklich einigermaßen überzeugen, avancierte zu einem der Publikumslieblinge und erhielt schließlich auch den entsprechenden Preis.
Ansonsten aber folgt der Handlungsaufbau von „Un paraíso bajo las estrellas“ so exakt den Hollywood-Schemen, daß das unvermeidliche Happy-End nur noch wie das Tüpfchen auf dem i wirkt. Wenn man sich überlegt, daß Gerardo Chijona fast sieben Jahre für diesen Film gearbeitet hat und dabei auch ziemlich viele der knappen Ressourcen des staatlichen kubanischen Filminstituts ICAIC beansprucht hat, muß man sich schon fragen, ob das der Weg ist, den das kubanische Kino in Zukunft einschlagen will.

Perspektiven für 2000

Als ob das ICAIC allfälligen zu harten Kritiken an seiner Förderpolitk den Wind aus den Segeln nehmen wollte, veranstaltete es während des Festivals erstmals eine Pressekonferenz, auf der ausschließlich und ausführlich Filmprojekte vorgestellt wurden, die bis zum nächsten Festival im Jahr 2000 fertiggestellt sein sollen. Juan Carlos Tabío, Daniel Díaz Torres und Orlando Rojas werden ihre neuesten Werke in „Havanna 2000“ präsentieren – und was sie da erzählten, klang vielversprechend. Wenn alles gut läuft, sollen darüberhinaus sogar noch zwei weitere neue kubanische Filme projektionsreif sein, einer von Juan Carlos Cremata und einer von Humberto Solás. Noch besteht also Hoffnung für das kubanische Kino. Trotzdem darf nicht übersehen werden, daß die finanzielle Lage des ICAIC desolater ist denn je, alles hängt von ausländischen Koproduzenten ab, ohne sie läuft gar nichts mehr. Wie leer die Kasse des ICAIC ist, zeigte sich in diesem Jahr denn auch drastisch daran, daß erstmals nach dem Festival kein einziger Festivalfilm in den Kinos der Hauptstadt im regulären Programm zu finden war. In Kuba ist das Filminstitut ICAIC auch für die Programmierung sämtlicher Kinos des Landes zuständig, und der Umstand, daß Produzenten und Verleiher immer weniger bereit sind, Filme zu Vorzugsbedingungen einer „armen“ Institution wie dem ICAIC zu überlassen, tat noch zusätzlich seine Wirkung.
Den stärksten Eindruck hinterlassen vom diesjährigen Festival schließlich eine Reihe von Filmen aus Argentinien, teilweise von Regisseuren, die noch kaum bekannt sind. Überhaupt fiel auf, daß im Wettbewerb in diesem Jahr größtenteils die bekannten Namen des gesamten lateinamerikanischen Kinos, nicht nur des argentinischen, fehlten. Eine Ausnahme bildete da fast schon der Kolumbianer Sergio Cabrera, einst weltbekannt geworden mit „Die Strategie der Schnecke“, dessen gefällige Fußballkomödie „Golpe de estadio“ (Stadionsstreich) einen zweiten Publikumspreis erhielt, ansonsten aber leer ausging.
Die internationale Jury, präsidiert vom Bolivianer Jorge Sanjinés, vergab in diesem Jahr sämtliche Hauptpreise an argentinische Filme. Nur zwei Ausnahmen sind zu verzeichnen: „Un dulce olor a muerte“, ein gekonnt inszeniertes, morbides Drama des Mexikaners Gabriel Retes, und das Erstlingswerk „Ave Maria“ von Eduardo Rossoff, ebenfalls aus Mexiko. Den Spezialpreis erhielt „Mundo grúa“ (Welt der Kräne), das Erstlingswerk des 28jährigen Pablo Trapero, eine an italienischen Neorealismus und an frühe sowjetische Filme erinnernde Low-Budget-Produktion. In expressiven Schwarzweißbildern von großer Schönheit erzählt „Mundo grúa“ die unspektakuläre Geschichte vom Schicksal eines arbeitslosen Kranführers im heutigen Argentinien und zeigt in lakonischer Weise ein Land ohne jegliche Zukunftsperspektiven.
Mit dem dritten Preis wurde das wunderschön-poetische Werk „Yepeto“ von Eduardo Calcagno, einem schon gestandenen Regisseur der älteren Generation, ausgezeichnet. Der argentinische Starschauspieler Ulisses Dumont spielt darin auf anrührende Weise einen alternden Literaturprofessor, der eine platonische Liebe zu einer jungen Schülerin und deren Freund beginnt. Im Verlauf des Films durchlebt er einen schmerzlichen Prozeß, der ihn erkennen läßt, daß sein Leben sich eigentlich nur noch in der Literatur abspielt. Schon lange gelang keinem Film mehr eine derart totale Synthese von Kino, Literatur und Poesie.
Ähnliches läßt sich auch von einem ungewöhnlichen Film sagen, der in der Sparte der Dokumentarfilme den ersten Preis gewann, obwohl er mit einem konventionellen Dokumentarfilm herzlich wenig zu tun hat: „Borges, los libros y la noche“ (Borges, die Bücher und die Nacht) des Argentiniers Tristán Bauer (vgl. die Rezension in dieser Ausgabe, d. Red.).

Arbeitsloser Kranführer

Der Hauptpreis des Festivals ging schließlich an „Garaje Olimpo“ von Marco Bechis, ein Werk, das mit beklemmender Intensität, größtmöglicher Sachlichkeit und ohne Voyeurismus den Horror nachzeichnet, dem eine junge Linksaktivistin in der „Garaje Olimpo“, einem Folterzentrum in der Zeit der Militärdiktatur, ausgesetzt ist, bevor sie von ihren Peinigern ermordet wird.
Am Ende dieses Jahrhunderts dem Andenken an die Opfer eines Jahrhundertverbrechens in Lateinamerika ein filmisches Denkmal zu setzen, ist das erklärte Ziel des Kosmopoliten Marco Bechis, der, in Chile als Kind argentinischer Eltern aufgewachsen, später in Brasilien und Argentinien wohnte, wo er selber in die Mühlen des Repressionsapparates geriet. Schließlich konnte er vor der Militärjunta fliehen und lebt seither in Italien. Die Jury hat diesen Film zu Recht mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

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