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Auf der Spur von Chapo Guzmán

Badiraguato gilt als Wiege des mexikanischen Opiumanbaus. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gelangte der Schlafmohn von der Küstenregion ins arme Hinterland vom Bundesstaat Sinaloa. Die Pflanze verschaffte den Kleinbauern, die sich bis dahin als Tagelöhner auf den Baumwoll- und Tomatenplantagen der Großgrundbesitzer verdingen mussten, eine neue ökonomische Perspektive. Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert, denn die Gemeinde mit ihren rund 45.000 Einwohner_innen, davon rund 6.000 in der gleichnamigen Kleinstadt, gilt als Rückzugsgebiet. Nicht für irgendjemanden, sondern für Joaquín Guzmán. Der 1,68 Meter kleine Mann wird in unzähligen Drogenballaden, den Narco-Corridas, besungen und stammt aus La Tuna. Das windige Kaff, nur ein paar Kilometer von Badiraguato entfernt, hat kaum mehr als 200 Einwohner_innen. Hier soll der Chapo, der Kurze, wie Guzmán gern genannt wird, noch ein paar Opiumfelder in den zerklüfteten Bergen haben.
Daher kommen immer mal wieder Journalist_innen in die Stadt, um sich ein Bild zu machen, wo zentrale Figuren des Drogenhandels in Mexiko aufwuchsen. Ernesto Fonseca, Rafael Coro Quintera, aber auch die Brüder Beltrán Leyva und eben Chapo Guzmán stammen aus der Region. Laut den US-Geheimdiensten ist der Letztgenannte derzeit die große Nummer im mexikanischen Drogensumpf. Selbst auf die Forbes-Liste der mächtigsten Menschen der Welt hat es Guzmán, Chef des Sinaloa-Kartells, geschafft. Sehr zum Ärger der mexikanischen Regierung, denn die fahndet seit 2001 erfolglos nach Guzmán, der seit Jahren Kokain und Amphetamine en Gros durch Mexiko in die USA schmuggelt. Trotz des von Präsident Felipe Calderón ausgerufenen Krieges gegen die den Staat unterwandernden Drogenkartelle ist der Radius des Sinaloa-Kartells eher größer als kleiner geworden. Das hat seinen Grund wie Jeanette Erazo Heufelder in Drogenkorridor Mexiko aufdeckt. Von Culiacán, der Hauptstadt des Bundesstaats Sinaloa, ist sie auf den Routen der Kuriere gen Norden bis zur US-Grenze gereist und zeigt auf, wie Landkonflikte, Armut, Schmuggel, Korruption und Gewalt ineinandergreifen.
So trauen sich die Taxifahrer in Culiacán kaum mehr an der Ampel zu hupen, wenn der Wagen vor ihnen nicht anfährt. Schließlich könnte es ein Narco sein, der aussteigt und losballert. Keine Szene aus einem schlechten Film, sondern blutige Realität im mexikanischen Drogenkrieg, der von allen Seiten mit unglaublicher Brutalität geführt wird. Auch von den staatlichen Akteuren, ob Armee, Bundespolizei oder lokaler Polizei, ist für die Zivilbevölkerung nicht klar, auf welcher Seite die Staatsmacht steht. Soldaten, die die Seiten wechseln, sind genauso real wie Polizeibeamte, die auf der Soldliste der Kartelle oder Großgrundbesitzer und Unternehmensgruppen stehen, die mit ganzen Landstrichen spekulieren. „Der Kampf gegen die Drogenkartelle ist zur Zerreißprobe für den Staat geworden, gerade weil die Demokratisierung und Durchsetzung der Menschenrechte in Mexiko nie abgeschlossen wurde“, urteilt der mexikanische Historiker Jesús Vargas in einem der spannenden Kapitel. Die bringen Licht ins Dunkel des Drogenkriegs in Mexiko, zeigen Facetten auf, beleuchten aber auch Verbrechen, die unter dem Deckmantel des Drogenkonflikts unsichtbar werden wie die Frauenmorde von Ciudad Juárez oder die sozialen Säuberungen in Regionen mit klassischen Landkonflikten. Davon gibt es einige im Drogenkorridor den Jeanette Erazo Heufelder mit Anwält_innen, Kirchenvertreter_innen, Sozial­arbeiter_innen oder Menschenrechtsaktivist_innen bereist hat. Station in Ortschaften an der Drogenroute wie Creel, Namiquipa oder Madera hat sie gemacht, während die Federales, die Bundespolizisten, die Überlandstraßen kontrollieren und die Zivilbevölkerung mit ihrem martialischen Auftreten einschüchtern.
Doch nicht alle lassen sich einschüchtern, wie die Beispiele von Marisela Escobedo, die bis zu ihrem Tod nach ihrer verschwundenen Tochter suchte, oder Luz María Davila zeigen. Die streitbare Frau aus Ciudad Juárez stellte den Präsidenten Felipe Calderón öffentlich zur Rede, weil er ihre von einem Killerkommando ermordeten Kinder grundlos als Bandenmitglieder bezeichnete. Der Auftritt hat in ganz Mexiko Schlagzeilen gemacht, weil Davila auf die Versäumnisse der Politik hinwies. Die bilden schließlich den Nährboden für einen Krieg, für dessen Ende sich mehr und mehr Mexikaner_innen engagieren. Ein Hoffnungsschimmer am Ende einer Reise durch das Hinderland des Drogenkriegs.

Jeanette Erazo Heufelder // Drogenkorridor Mexiko. Eine Reportage // Transit Verlag // Berlin 2011 // 240 Seiten // 19,80 Euro

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