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Aufruf zur Selbstreflexion

Im Jahr 2012 erschütterte der homophob motivierte Überfall an Daniel Zamudio die chilenische Gesellschaft. Nach Wochen im Koma erlag er seinen Verletzungen. Auf Daniels Beerdigung wurde die Musik des chilenischen Musikers Alex Anwandters gespielt, dessen Fan Daniel gewesen war. Für Anwandter war dies eine emotionale und körperliche Erfahrung, die ihn dazu drängte, das Drehbuch für seinen Debutfilm Nunca vas a estar solo zu schreiben. Es ist nicht die Geschichte Zamudios, die er darin erzählt, sondern die eines anonymen Jugendlichen und gleichzeitig die der vielen anonymen Jugendlichen, die Opfer von Gewalt werden. Herausgekommen ist ein Film, der in die Knochen geht. Er erzählt von Gewalt, ohne dass er sich auf das Opfer, sondern auf das Umfeld konzentriert, das diese Gewalt erst ermöglicht. Er redet von Verrat, Feigheit und Freundschaft und zeichnet zugleich ein Bild von einer starren, verlogenen und rassistischen Gesellschaft. Nachdem Pablo, der Protagonist des Films, von den Nachbarsjungen ins Koma geschlagen wird, weil er schwul ist, widmet sich der Film mehr und mehr Pablos Vater Juan und dessen Versuch, der Situation Herr zu werden. Grandios spielt der Schauspieler Sergio Hernández die Metamorphose des Vaters, von anfänglicher Ohnmacht und Apathie, die sich ganz langsam verwandeln, so langsam, dass es kaum auszuhalten ist. Man sieht den Vater grübeln, mehr und mehr frustrieren, verzweifeln und leiden und man kann seiner langsamen Veränderung verfolgen, bis seine stoische Fassung schließlich erlösend in Wut umschlägt und er endlich zu handeln beginnt.
Musik ist auffallend präsent in diesem Film, was daran liegen mag, dass der Regisseur eigentlich selbst Musiker ist.. Der Filmmusik gelingt es, die verschiedenen Stimmungen stark in Szene zu setzen. Feinfühlig begleitet die Kamera den jungen Pablo und seinen Vater, Charaktere, die wir ohne viele Worte, mehr über ihren Ausdruck und ihre Mimik kennen lernen.
Nunca vas a estar solo reiht sich ein in eine Vielzahl erfolgreicher chilenischer Filme der letzten Jahre, die sich nicht scheuen, soziale Problematiken aus dem lokalen Kontext zum Thema zu machen. Auch Nunca vas a estar solo ist laut Regisseur Anwandter ein Film, der für die chilenische Gesellschaft selbst gemacht ist und dazu aufrufen will, in der Betrachtung der Charaktere des Films über eigene Rassismen zu reflektieren. Denn Chile ist „gesellschaftlich in bestimmten sozialen Aspekten ein vollkommen unterentwickeltes Land“, erklärt Schauspieler Hernández, „vor allem was Rassismus und Diskriminierung angeht.“ Der Mord an Daniel Zamudio hat zumindest ein Anti-Diskriminierungsgesetz hervorgebracht. Mehr als nur Gesetze, braucht es aber auch einen kulturellen Wandel, zu dem dieser Film nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit der Einladung zur Selbstreflexion beitragen will. Und das beschränkt sich nicht nur auf die chilenische Gesellschaft.

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