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BEVÖLKERUNG ALS FEIND

Das Militär patroulliert. Panzer fahren durch die Straßen, Hubschrauber kreisen über den Köpfen, Schüsse knallen. Das ist der Alltag in Maré. „Sie haben immer die Finger am Abzug“, sagt Yvonne Bezerra de Mello, Protagonistin des Films, über die Soldat*innen, die die Favela im Norden Rio de Janeiros in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele „besetzt“ haben. De Mello leitet ein alternatives Schulprojekt für die Kinder des Viertels, die mit der Gewalt aufwachsen: Gewalt zwischen Drogenbanden, Militär und Polizei, die sich am helllichten Tag Schießereien liefern – ohne Rücksicht auf die Bewohner*innen. Gewalt in den Familien, die oft in großer Armut leben. „Es gibt Kinder hier, die verüben mit sechs Jahren Überfälle. Mit zwölf Jahren laufen sie dann mit einem Maschinengewehr herum“, erzählt de Mello.
Seit den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele ist die Militärpräsenz in der Favela unter dem Vorwand der Sicherheit massiv verstärkt worden. Die Folge ist eine noch stärkere Eskalation der Gewalt.
Vor diesem Hintergrund leitet de Mello das Schulprojekt Uerê, in dem Kinder aus Maré aufgenommen werden und durch Bildung Möglichkeiten bekommen sollen, ihr Leben selbst zu gestalten. Dafür hat sie ein eigenes Lern-Konzept entwickelt, das traumatisierten Kindern helfen soll, Spaß am Lernen zu entwickeln. Vor fünfzehn Jahren widmete die Regisseurin Monika Treut bereits den Film Kriegerin des Lichts dem Beginn des Projektes Uerê und der Arbeit de Mellos mit Straßenkindern. In Zona Norte kehrt sie nun zurück, um zu dokumentieren, wie sich das Projekt entwickelt hat und begibt sich auf die Suche nach den Protagonist*innen von damals.
Dabei trifft sie zum Beispiel auf die sechs Schwestern Joice, Gisele, Gessica, Roselaine, Joselaine und Pamela Moraes, die de Mello kennenlernten, als sie noch auf der Straße lebten. Heute führen sie stolz durch die eigenen vier Wände, haben Familien oder Partnerschaften gegründet und besitzen, wie Joice, die zur Röntgenassistentin ausgebildet wird, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz.
In Zona Norte verflechten sich mehrere Fäden collagenartig: die Erzählungen der Kinder und Mitarbeiter*innen aus dem Projekt, Kommentare einer Medienaktivistin und des Pressesprechers des Militärs sowie die wiederkehrenden Aufnahmen der bewaffneten Soldat*innen, die sich durch den gesamten Film ziehen.
Der Stadtsoziologe Christopher Gaffney, der untersucht, wie Sportgroßereignisse sich auf die Stadt und ihre Bewohner*innen auswirken, erklärt: „Sicherheitspolitik ist in Brasilien eng verknüpft mit der Idee von der Bevölkerung als Feind.“
Die Stärke des Films liegt darin, dass er Menschen zu Wort kommen und ihre Geschichten erzählen lässt. Geschichten von abwesenden Vätern und Müttern, die für die Gesellschaft unsichtbar sind. Von Schlafplätzen unter Brücken und Essen aus Mülltonnen. Vom kleinen Bruder, der von einer verirrten Kugel getroffen wird und stirbt. Von der großen Schwester, die Mutter für fünf Geschwister sein muss. Von der Angst, vor die Tür zu gehen. Vom Traum, zu reisen. Nach Paris oder in die USA. Geschichten davon, zu kämpfen und davon, glücklich zu sein.
Ganz allmählich verdichten sich Stimmen und Bilder dabei zu einer Kritik an der Regierungspolitik, die, anstatt Armut und soziale Probleme zu bekämpfen, lieber Geld in die Aufrüstung des Militärs investiert, um Olympia zu feiern.
Zona Norte ist in Hinsicht auf die filmische Inszenierung vielleicht nicht der innovativste Dokumentarfilm. Trotzdem lohnt es sich, den Film zu sehen, denn er zeigt, dass Engagement, wie das der Menschenrechtlerin de Mello, Erfolg hat: Gisele und Joice Moraes als auch vielen anderen Ehemaligen aus Uerê hat das Schulprojekt Perspektiven eröffnet, die undenkbar erschienen.

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