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Black Power vom Rio Chota

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fußball in Ecuador an die Tür klopfte, dachten nur wenige, dass die ruhmreichsten Momente dieses Sports von Afro-Lateinamerikanern erreicht werden würden. Nicht nur, weil die Schwarzen in Ecuador in den Anfangsjahren des Fußballs keinen großen Gefallen daran fanden. Auch diejenigen, die ihn spielten, waren eher Ausländer, die auf der Durchreise an den Küsten des Landes vorbeikamen.
Selbst als die Professionalisierung des ecuadorianischen Fußballs begann, spielten nur wenige Afro-Lateinamerikaner in den Klubs. Erst nach und nach kamen sie dazu, und in einigen Städten verlief diese Entwicklung sehr langsam. Ulises de la Cruz, einer der prominentesten Spieler der ecuadorianischen Fußballgeschichte, erzählt vom Argwohn ihm gegenüber, als er beim Klub Liga Deportiva Universitaria zu spielen begann, weil „zu dieser Zeit ‚die Weißen‘ bei Liga spielen sollten“. Da schrieb man übrigens bereits das Jahr 1997.
Zu diesem Zeitpunkt befand sich das ecuadorianische Nationalteam in einem Match gegen die eigenen Vorurteile. Der Fußballverband, geleitet vom unvergessenen Galo Roggiero, hatte den kolumbianischen Ex-Nationaltrainer Francisco Maturana beauftragt, ein „Team für alle“ aufzubauen. Es wurde eine der bedeutendsten Entscheidungen für den Erfolg des ecuadorianischen Fußballs getroffen: Die Nationalmannschaft sollte sechs ihrer acht Heimspiele der WM-Qualifikation in Quito austragen und sich den Wettbewerbsvorteil, den dessen Lage in 2.800 Meter Höhe darstellt, zu Nutze machen. Mit Erfolg: Die Punktausbeute verbesserte sich erheblich, die Beschwerden der gegnerischen Teams konnten als Auszeichnung verstanden werden.
Bereits vorher hatte Dusan Draskovic, ein montenegrinischer Trainer-Stratege, der 1988 nach Ecuador gekommen war, um eine langanhaltende Laufbahn mit Nationalteams zu beginnen, einen Kampf gegen den tief verwurzelten Regionalismus eingeleitet. Aus diesem Grund hatte man jahrzehntelang zwei verschiedene Nationalteams für offizielle Spiele zusammenstellen müssen: Eines mit Spielern von der Küste, das hauptsächlich aus Fußballern von Barcelona und Emelec aus Guayaquil bestand. Und eines mit Spielern aus dem Hochland, in dem vor allem Spieler von El Nacional, Deportivo Quito, Aucas und Liga Deportiva Universitaria in den Spielen in Quito aufliefen.
Ein weiteres Ereignis spielte für die Entwicklung und das Selbstverständnis des ecuadorianischen Nationalteams eine entscheidende Rolle, obwohl man selbst gar nicht direkt beteiligt war. Am 5. September 1993 gelang dem kolumbianischen Fußball-Nationalteam eine der spektakulärsten Heldentaten im Weltsport: Unter dem Trainer Francisco Maturana brachte man dem zweimaligen Weltmeister Argentinien durch ein überwältigendes 5:0 im Estadio Monumental von Buenos Aires in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in den USA eine unvergessliche Erniedrigung bei. Namen wie Faustino Asprilla, Freddy Rincón, Adolfo Valencia und andere brachten schwarze Lateinamerikaner auf das Parkett des großen Fußballs, so dass dieses Team zum Mitfavoriten für den WM-Sieg 1994 aufstieg.
Obwohl Namen schwarzer Kicker wie der Brasilianer Pelé oder der Portugiese Eusebio bereits vorher Weltruhm erlangt hatten, legte vielleicht erst die räumliche Nähe der Entwicklung in Kolumbien das Fundament für die Zuversicht der afro-ecuadorianischen Fußballer. Diese trug in der Folgezeit dazu bei, dass sich eine feste fußballerische Identität im Land herausbildete. Ecuadorianische Fußballer wurden nun weltweit als kräftige und flinke Spieler wahrgenommen, die eventuelle technische Schwächen mit Geschwindigkeit kaschieren konnten. Erfolge stellten sich schnell ein: Nicht nur gelang die Qualifikation für die WM 2002, Ecuador stellte mit Agustín Delgado (gemeinsam mit dem Argentinier Hernán Crespo) auch den Toptorjäger der Südamerikagruppe.
Mit der ersten WM-Teilnahme (unter der Leitung von Hernán Dario Gómez – ebenfalls ein Kolumbianer) tauchte Ecuador endlich auf der größten Bühne des Fußballs auf. Die ganze Welt richtete die Blicke auf das Land und der Traum von Millionen wurde durch eine Mannschaft wahr, die in ihrer Mehrheit aus Afro-Ecuadorianern bestand. Bei diesen waren wiederum zwei regionale Zentren auffällig, denen diese Ballkünstler entstammten: Die Region Esmeraldas und das Tal des Flusses Rio Chota. Die Afro-Lateinamerikaner_innen machen in Ecuador nur ungefähr 7,2 Prozent der Bevölkerung aus und in der Provinz Esmeraldas befinden sich die meisten ihrer Siedlungen. Die großen schwarzen Fußballer in der Geschichte des Landes stammten normalerweise aus dieser Region. Aber während des Erneuerungsprozesses unter Trainer Maturana betraten die Fußballer aus dem Chota-Tal mit enormer Präsenz die Bühne. Auf diesem dünn besiedelten Streifen Land der Grenzregion zwischen den Provinzen Imbabura und Carchi mit seinen ungefähr 2.000 Einwohner_innen wohnen hauptsächlich afro-ecuadorianische Familien, die Landwirtschaft betreiben. Deren Kinder verfügen über das besten Trainingslager, das die Gegend zu bieten hat: Sie treten am Ufer des Chota gegen den Ball.
Wie konnten sich Spieler wie Agustín Delgado, Edison Méndez, Giovanny Espinoza, Cléver Chalá oder Ulises de la Cruz so gut auf dem Feld verstehen? Die Antwort liegt auf der Hand: Was diese Jungs über die Strategien von Maturana und die Ansprachen von Hernán Gómez hinaus gemeinsam hatten, waren die Lebensjahre, die sie gemeinsam verbracht hatten. Sie spielten als Kinder auf den gleichen Lehmböden und liefen mit dem Ball in den Händen zur gleichen schlecht ausgestatteten Schule. Ihre Eltern waren befreundet, verwandt oder Nachbar_innen, und gemeinsam teilten sie denselben Traum: Ein Auskommen mit dem zu verdienen, was sie am liebsten taten – Fußball spielen – und damit ein Haus oder zumindest ein paar Schuhe zu kaufen. Mit der erfolgreichen WM-Qualifikation wurden sie schließlich zu Helden ganz Ecuadors.
Dennoch bleibt das Glück einer großen Fußballkarriere auch in diesen Regionen nur Wenigen vorbehalten, wie Ulises de la Cruz in der Dokumentation ¡Mete gol, gana! („Mach das Tor und gewinn!“) zu bedenken gibt: „Professioneller Fußball ist ein Sport, in dem immer nur elf Spieler auf dem Platz stehen können. Und wenn du eine Frau oder ein bisschen zu dick bist, darfst du gar nicht mitspielen“. Deswegen setzt er sich dafür ein, den Kindern seines Dorfes Piquiucho eine bessere schulische Ausbildung zu ermöglichen, damit sie neben dem Traumziel Fußballer auch Karrierechancen in anderen Berufen haben.
Genau wie Ulises, der seine Klasse auf den Plätzen Brasiliens, Schottlands und Englands unter Beweis gestellt hat, haben auch andere erfolgreiche Fußballer soziale Projekte oder Stiftungen gegründet, um ihre Heimatdörfer bei den elementarsten Bedürfnissen zu unterstützen: Vom Bau einer einsturzsicheren Schule bis hin zu einer Einrichtung für Ultraschalluntersuchungen für die Frauen einer Gemeinde. Iván Hurtado und Carlos Tenorio arbeiten mit Kindern aus Esmeraldas, die Stiftung von Agustín Delgado kümmert sich um Kinder aus dem Chota-Tal. Sie sind nur einige von vielen Beispielen:
Ihre besondere Art, mit eigenen Mitteln soziale Hilfsleistungen in ihre Heimatregionen zu bringen, hat einigen von ihnen die Möglichkeit gegeben, sich auf die politische Bühne zu katapultieren. Nach einer erfolgreichen sportlichen Karriere kandidieren sie für Positionen als Bürgermeister, in Präfekturen oder sogar für die Nationalversammlung. Dort haben Agustín Delgado und Ulises de la Cruz momentan einen Abgeordnetensitz.
Nach dem Debüt bei der WM 2002 in Japan und Südkorea und der erneuten Teilnahme 2006 in Deutschland, als man in das Achtelfinale kam, spielt das ecuadorianische Nationalteam 2014 nun seine dritte WM. Und erneut wird es von afro-ecuadorianischen Spielern angeführt: Superstar Antonio Valencia von Manchester United, aber auch Felipe Caicedo (früher unter anderem bei Manchester City und Lokomotive Moskau), Walter Ayoví (CF Pachuca), Segundo Castillo (Puebla FC) und viele andere schwarze Cracks werden das Land vom Äquator vertreten. Inspiriert sind sie dabei laut Eigenauskunft vom Gedenken an Cristian „el Chucho“ („der Köter“) Benítez. Den Stürmer, der mit vier Toren maßgeblich zur Qualifikation für das Turnier in Brasilien beitrug, riss im Juli 2013 eine rätselhafte Erkrankung im Alter von 27 Jahren schlagartig aus dem Leben und machte ihn dadurch unsterblich.
Trainer Reinaldo Rueda, erneut ein Kolumbianer, setzt bei der WM auf ein rigoroses taktisches Konzept, das er sich während seines Postgraduiertenstudiums an der Universität Köln aneignete. Das Land erhofft sich bei dem Turnier viel von seinen Spielern. Besonders gespannt dürften die Verwandten in Esmeraldas und im Chota-Tal sein.

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