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Blutspenden gegen Diskriminierung

Wird man als DeutscheR in Costa Rica beim Warten auf den Bus angesprochen, wie liberal Deutschland doch sei, so entspinnt sich daraus leicht ein Gespräch. Seit der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr kreist der deutsch-costaricanische Austausch zunächst meist ums Thema Fußball und die Begegnung im WM-Eröffnungsspiel. Dieses Mal geht es um etwas anderes: Die Rechte von Schwulen im Land. Mein Gesprächspartner Alberto Cabezas Villalobos ist nicht nur studierter comunicador, also eine Mischung aus Journalist und Geisteswissenschaftler, sondern auch – was er als den zur Zeit wichtigeren Teil seiner Arbeit betrachtet – Verfechter einer Kampagne für die rechtliche und soziale Gleichstellung von Homosexuellen in Costa Rica.
„La lucha“, wie Alberto sagt, „den Kampf“, gibt es seit November 2006, ganz genau: seit dem 18. November 2006. An diesem Tag wollte Alberto Blut spenden und wie jedeR andere BürgerIn Costa Ricas damit etwas Gutes tun. Doch aus Angst vor Aids wurde vor 23 Jahren von der costaricanischen Regierung ein Dekret erlassen, das „Promiske, Homosexuelle, Bisexuelle, Prostituierte und Drogenabhängige“ von der Blutspende ausschließt. Im besagten November 2006 hatte Alberto das entsprechende Formular vor der Nase, als er selbst Blut abgeben wollte. Er roch die Diskriminierung förmlich, weigerte sich, Blut zu spenden und nahm sich einen Anwalt.
Die Effizienz und Klarheit, mit der Alberto in „der Sache“ vorgeht, sind beeindruckend und werden nur noch von seinem offensichtlich ausgeprägten Instinkt für Kampagnenarbeit übertroffen. Das Ziel ist eindeutig – es geht um einen Gesetzesentwurf, der die Rücknahme des Dekrets von 1983 und damit die Gleichstellung aller BlutspenderInnen festlegen soll. Alberto hat bereits die notwendige Anzahl von 15 Abgeordneten aus allen Parteien überzeugt, den Entwurf zu unterschreiben, und ihn noch im selben Monat, am 30. November, beim Parlamentssekretariat eingereicht.

Strategie und gute Argumente

Die Initiative wird von einer Reihe teilweise namhafter Einzelpersonen unterstützt – darunter die amtierende Gesundheitsministerin María Ávila, der Vorsitzende der costaricanischen StudentInnenorganisation Franky Gonzalez Conejo oder Yesenia Ramirez Postilla, die Mutter eines Sohnes ist, der dreimal wöchentlich eine Bluttransfusion benötigt. Es ist Albertos zweite Kampagne – er greift auf den Erfahrungsschatz und die Integrität zurück, die er mit dem Kampf für das Recht von Blinden, geheim zu wählen, erlangt hat. Mit diesem Hintergrund kann er, ohne Misstrauen zu erregen, bei all den Prominenten und PolitikerInnen vorsprechen, die sich zwar gerne für Menschenrechte engagieren, eine direkte Unterstützung der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben jedoch zunächst scheuen.
Es liegt auf der Hand, dass ein erfolgreicher Ausgang von Albertos Kampf einen großen Nutzen für die costaricanische Gesellschaft bringen würde. Dem kann sich auch die Front der GegnerInnen nicht erwehren. Blutspenden werden dringend benötigt, soviele wie möglich. Und dies ist Albertos Hebel, mit dem er, da ist er sicher, Erfolg haben wird und die Diskriminierung verringern kann. Dass es sich dabei lediglich um die gesetzgeberische Ebene handelt, ist ihm klar. Die Situation auf der Straße und im Alltag ist eine völlig andere.
Als wir in der Stadt unterwegs sind, fragt er mich plötzlich mit Genugtuung in der Stimme: „Und, hast du sie gesehen?“ Ich weiß nicht genau, was er meint, verneine also und lasse mich aufklären: die zwei Frauen, die uns in der Fußgängerzone entgegengekommen sind und Händchen gehalten haben. In der Verfassung ist Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung zwar verboten, das homosexuelle Leben in Costa Rica bleibt jedoch besser geheim – sich in der Öffentlichkeit als gleichgeschlechtliches Pärchen zu zeigen, ist derzeit quasi völlig unmöglich.
MitbegründerInnen von Tríangulo Rosa, einer der zentralamerikanischen Schwulen-Organisationen, vergleichen den derzeitigen Stand der Schwulen- und Lesbenbewegung in Costa Rica mit der Situation in den 1960er Jahren in den USA. Allerdings trägt der starke Einfluss des lokalen Machismo dazu bei, dass jegliches Liebesleben von Schwulen und Lesben fernab der Öffentlichkeit ablaufen muss. Diese Marginalisierung führt oft zu Depressionen, zu Alkohol- und Drogenproblemen.
„Hasta que los maten“ – „bis hin zu Mord“, so erklärt Alberto, reiche das Spektrum an Homophobie in Costa Rica, das eigentlich als eines der freizügigsten Länder Lateinamerikas im Umgang mit den „gays“ gilt. In den Nachbarländern Nicaragua und Honduras steht Homosexualität noch unter Strafe. Ob sich in Nicaragua unter dem neu gewählten Exrevolutionär und Sandinisten Daniel Ortega am so genannten „Sodomiegesetz“ etwas ändern wird bleibt abzuwarten. Artikel 204 des nicaraguanischen Strafgesetzes verlangt die Verurteilung nicht nur von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender-Personen, sondern auch die Verfolgung derer, die sich aktiv für deren Rechte engagieren oder Informationen sowie Dienstleistungen zu deren sexueller Gesundheit verbreiten. Katholizismus und Machismo sind Erzfeinde sexueller Selbstbestimmung – und beide dominieren die lateinamerikanische Kultur.
Die costaricanische Schwulen- und Lesbenszene befindet sich, anders könnte es kaum sein, vorrangig in San José. Und sie hat eine Geschichte. 1998 wurde ein Gay-Lesben-Festival in der Hauptstadt angesetzt, das allerdings aufgrund des Drucks von Seiten des katholischen Establishments abgesagt werden musste. Ähnlich erging es einer schwul-lesbischen Rundreise durch den Nationalpark Manuel Antonio: Homophobe GegnerInnen hatten das Restaurant, in dem die TeilnehmerInnen essen wollten, blockiert. Ein anderer Vorstoß des konservativen Establishments war das Statement des Präsidenten des costaricanische Tourismusinstituts ICT 1999, der sich mit Blick auf die Homo-Gemeinde gegen Sextourismus in Costa Rica aussprach. VertreterInnen von Tríangulo Rosa distanzierten sich öffentlich vom Sextourismus und begegneten so der Diffamierungsattacke.
Mit Triangulo Rosa arbeitet Alberto nur am Rande zusammen, er ist der Meinung, dass inzwischen andere Organisationen wie Comunidad Arco Iris, die Bewegung der Vielfalt (Movimiento Diversidad) oder das Zentrum für Forschung und Förderung der Menschenrechte in Zentralamerika (CIPAC) bedeutsamer geworden sind. Er scheint bei aller Professionalität ein wenig Einzelkämpfer zu sein. Vielleicht verfolgt er auch nur eine andere Strategie.

Wen geht es was an

Bei unserem Treffen lässt Alberto sein Lieblingsstück spielen, es ist von der kolumbianischen Sängerin Shakira. Er gibt der Bedienung eine wenig Trinkgeld und wir hören den Refrain: „A quien le importa“ – „Wen geht es etwas an“ – für Alberto eine Hymne der individuellen Selbstbestimmung. Er erklärt mir die Initiative zur Gesetzesänderung. Nicht nur die Widersprüche zum Gleichbehandlungsartikel 33 in der Verfassung sind im Entwurf Nr. 16.494 genannt, sondern es wird auch in aller Ausführlichkeit auf die fehlenden Grundlagen des diskriminierenden Dekrets hingewiesen: Der weltweite Anteil der an Aids erkrankten Schwulen liegt bei 30 Prozent, bei den Heterosexuellen sind es 70 Prozent, Schwule sind also keine „Risikogruppe“. Der Text legt außerdem die Bedeutung der Blutspende dar. Fünf Prozent der Bevölkerung sollten Blut spenden, insbesondere in einem von Naturkatastrophen betroffenen Land, in dem es nach Aussage des Entwurfs im Jahr 2006 bereits 524 Erdbeben gegeben hat.
Alberto ist sich im Klaren über die Macht derer, die sich gegen die freie Wahl der SexualpartnerInnen wenden, und die somit seine Gegner sind. Er selbst geht mit seinem Coming Out auch recht vorsichtig um – seine ganze Familie weiß aber Bescheid und alle, seine Großeltern eingeschlossen, unterstützen ihn. Er selbst habe als Person, wie er betont, noch nie Diskriminierung erfahren.
Kaum hat er ausgesprochen, klingelt sein Handy. Es ist ein kurzes und unaufgeregtes Gespräch, das Alberto professionell abwickelt. Danach erklärt er, dass er gerade mit dem Präsidenten des hiesigen „Lions-Club“ gesprochen habe, einem weltweit existierenden Wohltätigkeitsverein nach elitär-konservativem Vorbild, in dem Alberto Mitglied ist. Der Präsident habe ihm den Austritt nahe gelegt, wegen des Engagements für die Rechte von Homosexuellen. Alberto teilt dies, nicht unerstaunt, aber in aller Ruhe mit. Zunächst möchte er die Erwähnung des Vorfalls im Artikel vermeiden, kurz darauf aber ändert er seine Meinung. „Schreib das doch, es spielt eigentlich keine Rolle, wenn ich von einem schwulenfeindlichen Präsidenten aus einem Club ausgeschlossen werden soll. Wenn der sich durchsetzt, brauche ich diesen Club nicht.“
Alberto ist überzeugt, dass er eines Tages qua Heirat in Costa Rica eine Familie gründen kann. Er sprüht vor Selbstbewusstsein und Elan. Das nächste Treffen in Sachen Blutspendenkampagne ist für den folgenden Tag anberaumt: Er hat eine Verabredung mit der Gewerkschaft der Krankenhausangestellten. Alberto grinst und sagt: „In diesem Beruf sind 70 Prozent gay, die werden das Anliegen auf jeden Fall unterstützen.“
Um seine Selbstsicherheit zu unterstreichen, lässt er sich zudem zu weiter reichenden Prognosen verleiten: „Ich will der erste schwule Abgeordnete Costa Ricas sein.“ Zieht man Albertos Alter von 26 Jahren, sein Selbstbewusstsein und seine Zielstrebigkeit in Betracht, so stehen die Chancen gar nicht schlecht. Sollten die Wege, die Alberto mit seiner Kampagne beschreitet, zu nichts führen, weiß er, wie es weitergeht: Der nächste Schritt wird dann sein, die Interamerikanische Menschenrechtskommission zu informieren, um dann beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage einzureichen. „Ich bin wie ich bin, und so mache ich weiter, niemals werde ich mich ändern“ lautet die letzte Zeile des Refrains von Shakiras Lied, das Alberto so gut gefällt.

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