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Chiquitas Charmeoffensive

Es ist heiß, die Sonne steht fast senkrecht über der Finca La Estrella im costaricanischen Gualipes. Cavarria, „meine Freunde nennen mich Frankie“, rinnt der Schweiß von der Stirn. Es geht ihm gut. Gott gibt ihm die Stärke, auch mit 70 Jahren noch auf der Bananenplantage arbeiten zu können, so der vierfache Vater. An sechs Tagen der Woche, von 4.40 Uhr bis 15 Uhr, verdient er dort sein Geld. Und sein Chef, sagt er, gebe ihm 15 Dollar am Tag. Das ist mehr als der Mindestlohn. Und er lässt ihn so, wie viele Andere, die es ihm danken, in der Arbeitersiedlung wohnen, mietfrei. Zahlt für Strom und Wasser, hilft, wenn die Schwester mal krank ist. „Ich habe noch nie jemanden wie ihn getroffen“, sagt Frankie. Und er hat Viele getroffen. Die Augen in seinem faltenreichen Gesicht haben schon andere, elendere Zustände gesehen. Gestenreich erzählt er mit Erfahrung gesättigte Geschichten von der Ausbeutung des Menschen und dem Raubbau an der Natur. Jede Bewegung seiner von Schmutz und Schwielen gezeichneten Hände ist ein Ausrufungszeichen.
Glanz und Elend Costa Ricas sind grün. Regenwaldgrün im für Touristen attraktiven Teil des Landes, das so stolz ist auf seine Nationalparks und in dem die Vorsilben Öko- und Bio- einfach für alles gebraucht werden. Und bananenblattgrün in dem Streifen entlang der Karibikküste, der landwirtschaftlich genutzt wird. Endlos zieht man hier an den Feldern mit den krummen Früchten vorbei. Millionen großblättriger Stauden, in Reih und Glied, auf zehntausenden abgetrotzten Hektar einstigen Urwalds. Für Frankie ist die Banane die Paradiesfrucht, musa y paradisiaca, lecker, süß und nährreich, und das Produkt seiner Hände Arbeit. Gleichzeitig ist sie für ihn, wie für Viele, die mit ihr vom Sprössling bis zur erntereifen Frucht zu tun haben, aber auch ein „Erzeugnis der grünen Hölle“, wie ein costarikanischer Romanautor die Bananenplantagen seiner Heimat bezeichnete.
Frankie weiß um die ausgelaugten Böden, die nicht mehr zu gebrauchen sind. Von neuen Flächen, die erschlossen, von Regenwald, der dafür abgeholzt werden muss. Von Unmengen an Chemikalien: Fungizide, Nematizide, Herbizide, Insektizide, welche die Artenvielfalt des Landes bedrohen. Von Giften, die über die Flüsse ins Grundwasser und in die Karibik gelangen, wo sie die Korallenriffe zerstören. Und von Männern, die durch den Kontakt mit Antiwurmmitteln steril wurden.
Frankie kennt auch das Klima der Angst, über das Gewerkschaftsführer sich immer wieder beklagen. Kennt deren Verbitterung über Repressalien, Strafversetzungen, die Zuweisung schlecht bezahlter und gefährlicher Jobs für Gewerkschaftssympathisanten. Er weiß von den Entlassungen anderer Arbeiter. Angeblich wegen Verstößen gegen das Arbeitsrecht, tatsächlich aber wegen ihrer Nähe zur Gewerkschaft. Bei der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf stapeln sich die Beschwerdebriefe.
Von desolaten Verhältnissen ist beim Besuch auf Frankies Finca La Estrella nichts zu spüren. Offensichtlich handelt es sich um eine Modell-Finca. In der Vorzeigeplantage herrscht geschäftiges Treiben. Die embolsadores überziehen, mit Atemschutzmasken und Handschuhen bewehrt, einzelne Bananenbüschel mit blauen Plastiksäcken, die mit einem Insektizid imprägniert sind. Und damit die bis zu drei Meter hohen Pflanzen unter der Last ihrer hochgezüchteten Frucht nicht einknicken, verzurren sie diese untereinander mit Plastikseilen.
Zwischen den Stauden springen Erntearbeiter über die Entwässerungsgräben, huschen in Gruppen zu dritt von einer Pflanze zur Nächsten. Junge Männer, kaum älter als 25, ausgerüstet mit Machete und Funkgerät. Ihre Beine in kurzen Hosen und Gummistiefeln, darüber meist das Trikot irgendeines lateinamerikanischen Fußballstars, auf dem Kopf eine Art Piratentuch. Mit einem energischen Hieb köpft Antonio Cardenas Villacta die Pflanzen – der abgehackte Stumpf ernährt die nächste, schon in einem Jahr erntereife Generation. Er wirft sich das bis zu 50 Kilogramm schwere Bündel sehr grüner und fester Bananen über die Schulter und hängt es an einen Haken der Seilbahn. El tren klingt tatsächlich wie ein über Gleisschwellen ratternder Zug, wenn der carrero, ein schmächtiger Schlepper mit Seil um den Bauch, die Last von 25 solcher aufgehängten Büschel entlang eines Seilzugs im Dauerlauf durch die Plantage zur Packstation zieht.
Aus Lautsprechern dröhnt Musik in die offene Halle. Hier erhalten die Früchte die Behandlung, die sie eine dreiwöchige Schiffs- und Lkw-Reise überstehen und dabei so heranreifen lässt, dass sie erst im Supermarkt in Berlin, Bottrop oder Buxtehude gelb werden. Arbeiter in verschwitzten T-Shirts zerlegen die einfahrenden Bananenbündel. Die 46-jährige Norma Alvarado sortiert jene aus, die durch Insektenstiche braune Stellen aufweisen, die zu groß oder zu klein, zu krumm oder zu grade sind. Der Ausschuss wandert über ein Fließband auf Kleinlastwagen und wird zum nächsten lokalen Markt gefahren, zu Mus für Babykompott verarbeitet oder an Tiere verfüttert. Andere sind damit beschäftigt, die Bananendolme zu portionieren, zu baden, zu desinfizieren, zu etikettierten und in Kartons zu exakt 18,4 Kilogramm zu verpacken. Diese werden schließlich palettenweise auf einen jener 16 Meter langen Lkw mit Kühlcontainer verladen, die in den Hafen von Limon fahren, von wo aus die Schiffe der drei großen Bananenmultis Del Monte, Dole und Chiquita mit den empfindlichen Passagieren an Bord Richtung Europa auslaufen.
Augustin Herrera, der von Frankie so hoch gelobte Besitzer der Finca La Estrella, hat beizeiten erkannt, dass es so, wie es war, nicht weitergehen konnte. Um der Arbeiter Willen, um der Umwelt Willen, aber auch und vor allem um des Rufs der costaricanischen Bananenindustrie Willen. Deshalb ist der 79-Jährige auch nicht allein. Chiquitas Manager haben vom gleichen Baum der Erkenntnis genascht und werben seit eineinhalb Jahren mit dem Siegel der Rainforest Alliance. Nun tanzt ein grüner Frosch im Logo des Labels und verspricht eine nachhaltige Bananenproduktion. Die Zertifizierung durch die US-Nichtregierungsorganisation soll Umwelt- und Sozialstandards sichern. Wandelt sich der Ausbeuter zum Vorbild? Schließlich war es gerade die United Fruit Company, wie Chiquita bis 1970 hieß, die den Begriff der „Bananenrepublik“ prägte und als wirtschaftlich mächtiger US-Konzern in Zentralamerika politisch mehr zu sagen hatte als die jeweiligen Regierungen.
Nicht alle sind von Chiquitas Charmeoffensive überzeugt. Kritiker sehen darin vor allem ein erfolgreiches Ökomarketing. So hat der US-Konzern Anfang der 90er Jahre, in der Hoffnung auf einen Nachfrageboom durch die Öffnung der osteuropäischen Märkte, die Anbaufläche allein in Costa Rica von 37.000 auf 52.000 Hektar fast verdoppelt. Die Nachfragesteigerung blieb jedoch aus. Es kam zur Überproduktion. Dass jetzt kein Regenwald mehr abgeholzt werde und der Multi öffentlichkeitswirksam Bilder von kleinen Waldstücken präsentiere, in denen Vögel wieder zwitschern und Affen dösend in Bäumen hängen, folge mithin eher ökonomischem als ökologischem Kalkül. Diese Meinung vertritt zumindest Rudi Pfeifer von der deutschen Handelsorganisation Banafair. Womit nicht gesagt sei, so Pfeifer, dass Chiquita und andere nicht versuchten, vieles besser zu machen, und tatsächlich auch manches besser machten. An die Stelle von Werbetafeln für Pestizide seien Warnhinweise vor Agrochemikalien getreten. Wo früher wilde Abfallberge aus Pflanzen, Plastik und Giftfässern lagen, versuche man heute Folien, Seile, Container und Kunststoffe aller Art wieder zu verwerten.
Für die am großen Bananenbusiness in der „Schweiz Mittelamerikas“ Beteiligten hängen alle Sozial- und Umweltfragen letztlich aber an dem einen wirklich großen Problem: Und das heißt Black Sigatoka, schwarze Blattmasern. Der Pilz hat das Zeug, ihr Geschäft, ja ihre Existenzgrundlage in toto ernsthaft zu bedrohen. Er breitet sich buchstäblich in Windeseile aus und setzt, so der Produzentenjargon, ganze Plantagen in Brand, indem er Blätter befällt, die Photosynthese hemmt und die Pflanzen dadurch absterben lässt. Und bisher gibt es kaum ein anderes Mittel als den massiven Einsatz von Fungiziden. Der Kampf gegen den schlimmsten Feind der Banane kostet die Produzenten rund 1000 Dollar pro Hektar – die gesamte costaricanische Bananenindustrie mithin 50 Millionen Dollar im Jahr.
„Viel Geld“, sagt Jorge Sauma Aguilar, Direktor von Corbana, dem nationalen Verband der Bananenerzeuger Costa Ricas. „Zu viel Geld.“ Er weiß: Die Hauptursache für die schwarzen Blattmasern ist der monokulturelle Plantagenanbau, der übermäßige Einsatz von Chemikalien dessen Konsequenz. Denn je höher die Pflanzendichte, desto größer die Anfälligkeit für ansteckende Krankheiten. Sauma sieht aber auch: Das Vier-Millionen-Einwohnerland Costa Rica, dessen Landwirtschaft traditionell auf kleinbäuerlicher Subsistenzwirtschaft basiert, hat sich in den vergangenen Jahren zum weltweit siebtgrößten Produzenten und drittgrößten Exporteur von Bananen entwickelt. 2006 hat Costa Rica mehr als 100 Millionen Kisten im Wert von mehr als 450 Millionen Euro in die Welt verkauft, davon jede zweite nach Europa, fast jede zehnte nach Deutschland. Wenn es weiter am Riesengeschäft mit der gelben Frucht teilhaben will, dann kann es die Monokulturen nicht aufgeben. Wenn es bei der Produktivität Spitzenreiter bleiben und gleichzeitig der Pilzkrankheiten Herr werden will, dann braucht es den Einsatz von Chemikalien.
Daher arbeiten einige Forscher im Forschungszentrum von Corbana daran, den Anbau so zu verbessern, dass der Ertrag gesteigert und gleichzeitig Mensch und Umwelt geschützt werden können.
Alfonso Vargas Calvo und José Miguel Gonzalez gehören zu diesen Wissenschaftlern. Im lockeren Laufschritt führen sie durch ihre im Dienste der Wissenschaft erfolgten Anpflanzungen und erzählen. Sie wollen den Ertrag steigern, Pflanzen widerstandsfähiger machen, bis 2010 den Einsatz von Chemikalien halbieren, die Säure in den Früchten mindern, die Bodenqualität verbessern – und immer mal wieder den exotischen Wünschen mancher Konsumenten nachkommen, wie zum Beispiel dem des britischen Einzelhandelsriesen Marks & Spencer nach einer roten Banane. Nicht alles gelingt ihnen: Die rote Banane gibt es – die resistenten Pflanzen noch nicht. Warum? „Die Banane ist ein Klon, der seit Tausenden von Jahren keinen Sex mehr gehabt hat“, zitiert Alfonso Vargas einen Satz, den er in der Zeitung gelesen hat. Dadurch bleiben die züchterischen Möglichkeiten beschränkt.
Also hilft doch nur die chemische Keule? „Ja und nein“, sagt Herrera, der Finca-Besitzer. Sie sei unerlässlich, aber nur die halbe Miete. Ebenso wirksam wie der Fungizideinsatz ist die Waffe Aufmerksamkeit. Der Arbeiter, der die Augen aufhält und befallene Blätter abschneidet, erspart dem Betrieb einen nicht unerheblichen Ernteverlust. Weil Herrera weiß, dass er dafür auf die Loyalität seiner Leute zählen muss, sagt er: „Fair sein zahlt sich aus“, und baut ihnen Wohnungen, lässt ihre Kinder auf der Plantage zur Schule gehen, richtet ihnen Spiel- und Sportplätze ein. Sein Motto ist das Corbana-Motto: It’s not the way they look, it’s not the way they taste – it’s how they are produced.
Nun beschäftigt die costaricanische Bananenindustrie 40.000 Personen, 150.000 Menschen leben insgesamt von ihr. Längst nicht alle unter Bedingungen, wie sie auf Herreras Finca herrschen. Die haben eben auch ihren Preis. In Deutschland ist die Banane nach dem Apfel das beliebteste Obst: Fast 11 Kilo isst der Durchschnittsbürger und die Durchschnittsbürgerin im Laufe eines Jahres. Für jedes Kilo werden durchschnittlich 1,17 Euro gezahlt. Davon erhält der costaricanische Produzent ganze 23 Cent. „Wir sind die älteste Demokratie Lateinamerikas“, sagt Romano A. Orlich, Corbana-Vizedirektor und Plantagenbesitzer, nicht ohne Stolz. „Wir haben die Armee abgeschafft, wir haben einen Friedensnobelpreisträger als Präsidenten, und wir schätzen die Menschenrechte, aber so lange ihr die Bananen von jenen kauft, die sie am billigsten anbieten, so lange wird sich hier nur wenig ändern.“
Vielleicht ist das größte Hindernis für einen nachhaltigen Bananenanbau also gar nicht die Macht der Multis? Vielleicht sind es vielmehr die VerbraucherInnen hierzulande, die nach schönen, makellosen und günstigen Banane verlangen. Und die nur allzu oft ein Stück Obst ins Regal zurücklegen, das, bevor es dort landete, durch zig Hände ging und im Lkw und auf Schiffen um den halben Erdball gereist ist – und nun vielleicht „‚ne Druckstelle“ hat.

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