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Das Dilemma mit der Solidarität

Am Anfang war es einfach, mit Nicaragua solidarisch zu sein. Nach den Grauen der Somoza-Diktatur und des Bürgerkrieges wurde Nicaraguas Entwicklung unter sandinistischer Führung weitgehend wohlwollend, enthusiastisch und voller Hoffnung verfolgt. KritikerInnen und SkeptikerInnen wurden als „ewige Unken“ verdammt. Komplizierter wurde es, als der Alltag einkehrte und die Sandinisten, von der US-Blockade und dem Contra-Krieg in die Enge getrieben, anders reagierten, als wir von ihnen erwartet hatten oder schlichtweg andere Vorstellungen hatten, ihre politischen Ziele zu verwirklichen, als wir hofften. Die Probleme mit den Misquitos an der Atlantikküste und Gerüchte über Menschenrechtsverletzungen zum Beispiel wollten viele von uns nicht wahrnehmen. Sie paßten nicht in unser Idealbild der sandinistischen Politik.
Die Solidaritätsbewegung reagierte verunsichert. Einige wandten sich enttäuscht ab. Andere ignorierten die Kritik oder taten sie als CIA-Propaganda ab. Wieder andere entschuldigten wohlwollend unpopuläre Entscheidungen mit dem Lernprozeß der Sandinisten (Demokratie will gelernt sein) und riefen zur Geduld auf. Vorwürfe über Zensur wurde (gleich dem Nica-Originalton) mit der politischen Unmündigkeit der Bevölkerung entschuldigt, die der Gefahr der Verhetzung ausgesetzt würden. Wir EuropäerInnen hätten keine Ahnung und kein Recht, uns einzumischen und unsere Visionen von Revolution auf Nicaragua zu übertragen. KritikerInnen liefen Gefahr, als Contras beschimpft zu werden und dem schwierigen Prozeß der sandinistischen Politik in Nicaragua zu schaden.
Für solidarisch-kritische BeobachterInnen wurde es Mitte der achtziger Jahre immer schwieriger, über die geschmacklosen Witze in der Barricada und die überwiegend sexistischen Anspielungen auf die Vertreter der Kirche zu lachen. Die endlosen Diskussionen über die Vorzüge der DDR (und die Rechtfertigung, im kapitalistischen Teil Deutschlands zu leben) konnten einem angesichts der blinden Unterstützung und schwarz-weiß-Malerei auf die Nerven gehen. (Aus welchem Deutschland kommst du? Aus dem guten oder dem bösen?)
Fruchtbare Diskussionen darüber, daß die Welt komplexer ist, waren kaum möglich. Spätestens nach der Tschernobyl-Katastrophe im April 1986, als die Barricada behauptete, die kommunistischen Atomkraftwerke seien nicht so gefährlich wie die kapitalistischen, und die westlichen Warnungen als hysterisch abtat, bekamen mehr und mehr Solimenschen Zweifel an der Glaubwürdigkeit einiger sandinistischer Führer. Interviews mit sandinistischen Politikern oder Experten wurden immer frustrierender. Unisono wurden interne Probleme oder Unmut in der Bevölkerung ignoriert. Selbstkritische Analysen gab es kaum. Sündenböcke waren der CIA und die USA.
Veranstaltungen wie die mit Ernesto Cardenal in der Berliner Kunstakademie 1987, auf der er vor einem wohlinformierten Publikum, das Nicaragua und die prekäre Wirtschaftslage des Landes und den Unmut der Bevölkerung kennengelernt hatte, in einem Gedicht die Bevölkerung seines Landes pries, die angesichts der leeren Regale in den Supermärkten trotzdem stolz auf die Fortschritte der Revolution sind, waren eher peinlich und machten das Klima der Verunsicherung in der Solibewegung nicht besser.
Was war politisch korrekt zu veröffentlichen und was nicht? Solidarität um jeden Preis? Mit wem? Ist Kritik Verrat, Eurozentrismus oder wichtig und lehrreich? Heißt Kritik üben, den Rechten in die Hände zu arbeiten und den Nicas zu schaden?
In diesem Solidaritätskonflikt war die Redaktion der LN für mich sehr wichtig. Hier war Raum für offene Diskussionen und die geheimsten Kritiken und Befürchtungen konnten geäußert werden. Den meisten Redaktionsmitgliedern waren diese Probleme aus eigener Erfahrung bekannt. Die Auseinandersetzung mit anderen Ländern des Kontinents relativierten die Probleme und ließen sie mit mehr Abstand und in einem historischen Gesamtkontext sehen. Die Lernprozesse aus der Geschichte des Kontinents (zum Beispiel die teilweise bitteren Erfahrungen aus der Chilebewegung mit tiefen Gräben zwischen verschiedenen Fraktionen) waren hilfreich in der Suche nach dem richtigen Maß an Solidarität.
Die LN war nie ein Sprachrohr der FSLN oder irgendeiner Partei oder Organisation. Ihre Philosophie ist die der Unabhängigkeit und kritischen Solidarität. Sie hat die Verpflichtung ihren LeserInnen gegenüber, ausgewogen zu informieren. Nachlässige Recherchen, Ignorieren von wesentlichen Fakten, überoptimistische Artikel (zumal in einer Zeit, in der viele LeserInnen selbst das Land bereist und die Realität erlebt hatten) kann sich die Zeitschrift nicht leisten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Was also tun mit Informationen, die kritisches Licht auf die Politik der ohnehin von Problemen gebeutelten Sandinisten werfen und vielleicht den reaktionären Kräften in die Hände arbeiten? Ignorieren, weglassen? Den Finger auf die Wunde legen? Diplomatisch verschönern? Kritisch dokumentieren? Die LN hat immer einen Mittelweg gefunden und ihre Unabhängigkeit und Integrität behalten.
Die LN wird neben aktuellen Ereignissen auch von den Menschen, die in der Redaktion mitarbeiten, geprägt. Mit dem Wechsel von Redaktionsmitgliedern ändert sich auch der Blickwinkel.

Mucho Machismo

Das Thema „Frauen“ zum Beispiel war lange Zeit unterrepräsentiert. Mit der Nicabewegung Anfang der Achtziger wurden mehr Artikel über Frauen aus Nicaragua, aber auch aus Chile, Peru und anderen Ländern abgedruckt. Anfangs war bei vielen Redaktionsmitgliedern eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, neben den wesentlichen Themen aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft Platz zu machen für banalere Themen von Frauen, wie Gewalt und Machismus. Aber diese Widersprüche sind uns hinreichend bekannt. Wer kennt schon Jenny von Westphalen?
Doch nachdem sogar Tomás Borge die Frauenfrage auf seine Fahnen schrieb: „Wir werden niemanden als revolutionär ansehen, der nicht bereit ist, gegen die Unterdrückung der Frau zu kämpfen“, schien es politisch korrekt und zeitgemäß zu sein, sich auch diesen Themen zu widmen.
Doch damit gab es ein weiteres Problem mit der Solidarität. Wer gibt schon gerne zu, daß ein geschätzter Politiker, der vielleicht eine clevere, fortschrittliche Politik betreibt und wesentliche gesellschaftliche Veränderungen eingeleitet hat, privat ein „hijo de puta“ sein könnte, der seine Frau hintergeht, nicht respektiert, unterdrückt oder gar übelst schlägt – und damit an Glaubwürdigkeit verliert? Andererseits, auch wenn viele Politiker die Frauenfrage aufgriffen, beweist das nicht viel. „Participación de la mujer“ ist leicht zu fordern. Schwierig wird es dann, wenn es um die eigene Frau geht.
Auch wir Frauen hatten unsere Probleme mit der Solidarität mit einigen unserer nicaraguanischen Schwestern. Das Bild der kämpfenden, sich für die Revolution und ihre Kinder aufopfernden Mutter, die noch am Grab ihres gefallenen Sohnes eine Lobeshymne auf die Sandinisten anstimmt und zum Kampf gegen die Contra aufruft, ist schwierig nachzuvollziehen. Wir mögen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts einer gestandenen Frau, die selbstbewußt ihr Leben meistert und ihre fünf Kinder alleine aufzieht, hart arbeitet, finanziell unabhängig ist, nebenbei vielleicht noch eine Ausbildung macht, sich dann doch wieder auf den (nach unserer Sicht) nächstbesten hoffnungslosen Trunkenbold einläßt, in der Hoffnung, ihn durch ein gemeinsames Kind an sich zu binden, um endlich die gewünschte gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, die ihr als ledige Mutter verwehrt wird, obwohl mehr als siebzig Prozent der Nica-Frauen alleinerziehende Mütter sind.

Probleme mit der Solidarität

Dann noch das Bild, das die Nicaraguanerinnen von uns Europäerinnen haben. Da ist die Angst vor Konkurrenz, daß wir ihr ihren Mann wegschnappen, vielleicht auch insgeheim Bewunderung, daß wir frei und unabhängig sind, zu gehen, wohin wir wollen, meist jedoch Unverständnis, wenn wir mit 30 noch keine Kinder haben (was sich in Mitleid verwandelt ab Mitte 30, wenn Unfruchtbarkeit als die Ursache vermutet wird).
Zwei Welten stoßen hier aufeinander und begegnen sich mit viel Unverständnis und wenig Toleranz für das Andere auf beiden Seiten. Eine ausgewogene solidarische Berichterstattung ist auch hier schwierig.

Sich treu bleiben und zur Wandlung fähig zu sein

Auch hier hatte die LN eine wichtige Funktion inne. Die bunte Mischung der Redaktion in Alter, Geschlecht, Erfahrung und Meinung hat interessante Diskussionen und Entwicklungen ermöglicht, die gleichzeitig die gesellschaftlichen Diskussionen und Entwicklungen widerspiegeln. Sind Anfang der achtziger Jahre Artikel über Frauen nur zögerlich veröffentlicht und als unwesentlich abgetan worden, sind Genderfragen jetzt integraler und unbestrittener Bestandteil der Berichterstattung. Eine Sondernummer zu Bevölkerungspolitik wie im Jahr 1993 wäre früher kaum möglich gewesen.
Die Entwicklung der LN zeigt, daß sie fähig ist, flexibel auf die aktuellen gesellschaftlichen Erfordernisse zu reagieren, ohne sich selbst untreu zu werden und sich in einem permanenten Veränderungsprozeß befindet, was sich nicht zuletzt an ihrem Outfit zeigt. Ich bin stolz darauf, zehn Jahre lang in der LN mitgearbeitet zu haben. In diesem Sinne „Feliz cumpleaños“und ein Hoch auf die nächsten 25 Jahre!!

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