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Das Recht auf Kinderarbeit

Es geht Manfred Liebel nicht um Vergleiche, sondern um das Verständnis für das Andere. Unter „Kinder im Abseits“ versteht er Kinder, deren Lebensrealität nicht den überkommenen westlichen Mustern entspricht. Diese Kinder und Jugendlichen haben sich eigene Welten geschaffen, wo sie ihre soziale Anerkennung finden. Liebel gibt hier einen wichtigen Denkanstoß, der das geläufige Verständnis in Frage stellt. Er kritisiert die mangelnde Partizipation von Kindern in unserer Gesellschaft. Wenn sie aber versuchen, Funktionen auszuüben, die der Erwachsenenwelt zuzuordnen sind, heißt es, es hindere sie am Lernen oder sie seien nicht kompetent genug.
Auch andere Jugendkulturen sollten nach Meinung des Autors nicht kriminalisiert werden. So genannte Jugendbanden wie die maras oder pandillas sind mit der hiesigen Jugendsoziologie schwer zu fassen. Denn sie stellen weder den Versuch einer Abgrenzung zur Erwachsenenwelt dar, noch geht es um die „Inszenierung der eigenen Belanglosigkeit“. Liebels Meinung nach schaffen sich diese Jugendgruppen vielmehr eigene Territorien, als Antwort auf strukturelle und soziokulturelle Konstellationen, die sie ausschließen und dienen oft auch zur materiellen Absicherung der Existenz ihrer Mitglieder.
Wenn Kinderarbeit thematisiert wird, sollte laut Liebel nicht nur von Ausbeutung gesprochen werden, sondern von einer Kinderöffentlichkeit, von Qualifizierung durch Arbeit und von Einkommensmöglichkeiten für Selbstachtung. Es sei wichtig, die Kinderarbeit als einen Optionenspielraum zu sehen, um sich nicht ausbeuten zu lassen. Wenn man die Kinderarbeit vom Stigma der reinen Ausbeutung befreie, sei es leichter, soziale Bewegungen der Kinder zu unterstützen, Projekte und Institutionen, die sich für sie einsetzen. Die Lohnarbeit trage zur Autonomie der Kinder bei.
Dazu gehöre es auch sich über die aktive Rolle der Kinder Gedanken zu machen. Kinder seien keine bedürftigen, noch zu entwickelnde Wesen, die man schützen oder ausbilden müsse. In dieser Hinsicht müssten auch Globalisierungskritiker umdenken, um sich für eine rechtliche und soziale Anerkennung der Kinderarbeitsbewegung einzusetzen, statt für Illegalisierung, Diskriminierung und Entlassung (wie es beispielsweise durch Fair-Trade-Gruppen geschieht). Kinder würden eben nur als Opfer, aber nicht als Partner oder handlungsfähige Subjekte anerkannt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches ist die Situation von Jugendlichen an den Grenzen Mittel- und Nordamerikas. In diesem Zusammenhang stellen sie die besagten Pandillas oder Maras in Zentralamerika, werden vorgestellt: Ihre Geschichte, wie sie leben, ihre Aktivitäten und ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Hierbei geht es um Verständnis, ohne zu stigmatisieren oder zu kriminalisieren. Zudem wirft Liebel noch einen kurzen Blick auf die Rolle der Educación Popular, die auf der Befreiungspädagogik beruht. Die bedeutet selbst organisiert zu leben und ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, das die Kinder im Alltag stärkt. Der Autor nennt Beispiele von Lern-Werkstätten aus Nicaragua und Peru, in denen Kinder lernen und arbeiten.
Ganz zum Schluss geht Liebel noch auf die Bedeutung von Prinzipien der Solidarischen Ökonomie für die Kinderarbeit ein: Das Recht, ob und wie man arbeitet, das Recht auf Kinderarbeit und das Recht, selbstbestimmt und füreinander zu arbeiten.
Die im Buch aufgeworfenen Denkansätze sind leider kaum in der gängigen Jugendsoziologie und noch viel weniger in den Kampagnen gegen Kinderarbeit berücksichtigt. Umso wichtiger ist dieses Buch, das wie viele andere Veröffentlichungen von Liebel die Kinderarbeit differenziert betrachtet, und vor allem die Rechte der Kinder in den Mittelpunkt stellt: das Recht auf Arbeit, auf Selbstbestimmung, auf soziale Anerkennung, auf die Anerkennung als aktives Subjekt in der Gesellschaft.

Manfred Liebel: Kinder im Abseits. Kindheit und Jugend in fremden Kulturen. Juventa-Verlag 2005, 280 Seiten, 23,50 Euro

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