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Den Hunger aus den Augen verloren

Im vergangenen Oktober wurde offiziell, was sich zuvor bereits angedeutet hatte: In ihrem Welthungerbericht 2009 zählte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erstmals mehr als eine Milliarde hungernder Menschen. Die meisten davon leben in Asien und Afrika, doch auch in Lateinamerika nimmt der Hunger mittlerweile wieder zu. 2009 waren dort über 50 Millionen Menschen betroffen. Damit rückt das erste der acht Millenniumsziele, welche die Vereinten Nationen im Jahr 2000 beschlossen haben, in erschreckend weite Ferne. Dieses sieht vor, die Anzahl der in extremer Armut lebenden und hungernden Menschen bis 2015 zu halbieren.
Doch auch wenn in den Jahren 2007 und 2008 kurzzeitig Hungerrevolten in mehreren afrikanischen Ländern, in Mexiko und Haiti Eingang in die internationalen Medien fanden, ist das Thema Nahrungsmittelkrise derzeit kaum präsent. Die Titelschlagzeilen im Jahre 2009 gehörten vor allem taumelnden Banken und Rettungspaketen, sprich den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise aus Sicht der Wohlgenährten.
Das neue Jahrbuch Lateinamerika, das den Titel Über Lebensmittel trägt, beleuchtet die Ursachen dieser Dauerkrise, die von den MitherausgeberInnen Karin Gabbert und Michael Krämer im Editorial mit falscher Prioritätensetzung des Nordens und verfehlter marktwirtschaftlicher Agrarpolitik benannt werden. Für effiziente Hungerbekämpfung werde im Gegensatz zur Stabilisierung maroder Banken kaum Geld mobilisiert. Die Förderung industrieller Agrarbetriebe schädige zudem die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Dass die bisherige agrarpolitische Ausrichtung gescheitert und ein Paradigmenwechsel nötig sei, werde mittlerweile zwar sogar vom Weltagrarrat der Vereinten Nationen in seinem 2008 veröffentlichten Weltagrarbericht anerkannt. Doch setzten UN-Organisationen wie die FAO noch immer auf Freihandel, Großinvestitionen oder Exportstrategien. Zumindest habe aber der Begriff der Ernährungssouveränität erstmals Einzug in einen UN-Bericht erhalten. Dieser Begriff wird von dem Agrarhandelsexperten Armin Paasch im ersten Beitrag des Buches als eines von drei Paradigmen im Kampf gegen Hunger vorgestellt und auf Implikationen für die internationale Handelspolitik hin analysiert. Das bisher vorherrschende Konzept der Ernährungssicherheit betont alleine die globale und nationale Verfügbarkeit von Lebensmitteln, ohne die lokale Dimension im Blick zu haben. In diesem Rahmen sind somit auch die Öffnung von Märkten und unnachhaltige Produktionssteigerungen erwünscht. Das Menschenrecht auf Nahrung, das sich bereits in Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 findet, geht als zweites Konzept über Ernährungssicherheit hinaus. Es stellt eine qualitative, quantitative und kulturelle „Angemessenheit“ der Nahrung und somit den Zugang zu produktiven Ressourcen wie Land, Saatgut oder Wasser in den Mittelpunkt. Die Ernährungssouveränität gilt schließlich als Gegenentwurf sozialer Bewegungen zum Begriff der Ernährungssicherheit. Das 1996 von der Bauern- und Bäuerinnenorganisation Vía Campesina vorgestellte Paradigma sieht die Landbevölkerung, die paradoxerweise am meisten von Hunger betroffen ist, als Protagonistin der Hungerbekämpfungsstrategien. Es geht dabei darum, dass ländliche Gemeinschaften ihre natürlichen Ressourcen wie Land oder Wasser demokratisch kontrollieren, um Selbstbestimmung sowie eine nachhaltige und würdevolle Ernährung zu erreichen. In Lateinamerika ist das Konzept der Ernährungssouveränität heute nicht mehr nur innerhalb der sozialen Bewegungen populär, sondern wurde in den vergangenen Jahren von mehreren linken Regierungen aufgegriffen. Dies sei zwar als Erfolg zu verbuchen, doch laufen die Bewegungen Gefahr, die Deutungshoheit über ihr Konzept zu verlieren. Deshalb bestehe die große Herausforderungen laut Paasch darin, „jeder Verwässerung oder Instrumentalisierung ihrer Begriffe konsequent entgegenzutreten und auf einer starken und umfassenden Interpretation zu bestehen.“ Dass die Verwendung neuer Begriffe nicht automatisch zu grundlegenden Veränderungen führt, zeigt der Beitrag von Frank Braßel. Der Autor zeichnet die Geschichte bisheriger Landre-
formen sowie die aktuellen Debatten um Agrarpolitik in Lateinamerika nach. Die Ernährungssouveränität habe demnach ohne Zweifel Eingang in die agrarpolitischen Diskurse gefunden, real bewege sich hingegen wenig.
Nach einem Beitrag von Ingo Malcher über die argentinische Agrarwirtschaft, die fortwährenden Verteilungskonflikte und die profitable Rolle transnationaler Agrokonzerne wendet sich das Buch verstärkt kulturell-kulinarischen Besonderheiten des Subkontinents zu. Gemäß dem Titel des Jahrbuchs geht es nicht nur um die Mittel zum Überleben, sondern berichten die verschiedenen AutorInnen auch „über Lebensmittel“ in Lateinamerika. Den Anfang macht ein kurzer Essay des mexikanischen Agrarsoziologen und Anthropologen Armando Bartra über die milpa. Diese traditionelle Art der Maispflanzung, bei der Mais typischerweise mit Bohnen, Kürbis und Chili eine Symbiose bildet, wird von ihm als Inbegriff der mesoamerikanischen Kultur beschrieben. Es folgt ein Beitrag von der Historikerin Ute Schüren über das Aktionsbündnis Sin maíz no hay país (Ohne Mais gibt es kein Land) und die kulturelle Bedeutung des Mais in Mexiko. Dessen traditioneller Anbau ist unter anderem durch zunehmende Importe aus den USA und die Verwendung als Biokraftstoff gefährdet, wurde aber von den Eliten des Landes seit jeher als wirtschaftlich und kulturell rückständig betrachtet. Ein locker geschriebener Beitrag des Journalisten Thomas Schmid beleuchtet den Austausch von Kulturpflanzen zwischen Lateinamerika und Europa. So sind viele der heute als „typisch“ betrachteten Lebensmittel erst durch das Verbrechen der Conquista verbreitet worden, was zur Veränderung von Ernährungsgewohnheiten auf beiden Seiten des Atlantiks führte. Wie sich heute der Anbau regional untypischer, ausschließlich für den Export kultivierter Gemüsesorten auf regionale Strukturen auswirkt, beschreiben Edward F. Fischer und Mareike Sattler in ihrem leicht verwissenschaftlichten Beitrag zu Brokkolianbau in Guatemala, dem sie keineswegs nur Negatives abgewinnen können. Zwei Beiträge über konkrete Projekte im Kleinen runden den Themenschwerpunkt ab. David Höner stellt als Mitbegründer der Küche ohne Grenzen sein eigenes Projekt als „neues Instrument der zivilen Friedensförderung“ vor. Maria Dabringer beschreibt am Beispiel einer von Frauen gegründeten Cateringfirma die Probleme und Potenziale von Ernährungs- und Versorgungspraxen für Frauen in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Außerhalb des Schwerpunktes finden sich Beiträge zum Drogenkrieg in Mexiko, dem Putsch in Honduras und Kommunalräten in Venezuela.
Das Jahrbuch besticht durch seinen breiten Fokus, der sich nicht auf die Ernährungsproblematik beschränkt, sondern auch kulturelle Facetten der Ernährung in Lateinamerika gewinnbringend mit einbezieht. Als Kehrseite dieser thematischen Bandbreite lassen die für den Schwerpunkt ausgewählten Beiträge keinen durchgehend roten Faden erkennen. Das Buch stellt vielmehr ein äußerst lesenswertes Mosaik und somit eine glänzende Einführung in Agrarpolitik und Ernährungskultur in Lateinamerika dar.

Karin Gabbert, Michael Krämer et al. (Hg.) // Jahrbuch Lateinamerika 33. Über Lebensmittel // Westfälisches Dampfboot // Münster 2009 // 198 Seiten // 24,90 Euro

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