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Der lange Schatten von Aristide

Dominique Myrthil starb am späten Vormittag des 9. November in Poste Marchand, einem Vorort der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince an einer Schussverletzung. Myrthil war Mitglied der haitianischen Polizei Police Nationale d’Haiti (PNH). Stimmt die Erklärung des Polizeisprechers, dann wurde der Polizeibeamte von militanten Mitgliedern der Fanmi Lavalas, der Familie Lavalas, ermordet. Lavalas heißt in der Landessprache Kreyól Erdrutsch. So hatte der im südafrikanischen Exil lebende Ex-Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide seine Basisbewegung genannt, die ihn in den neunziger Jahren an die Macht gebracht hatte.
Seitdem der zum Schluss immer autokratischer herrschende Aristide am 29. Februar diesen Jahres mit US-Hilfe zur überstürzten Abreise aus Ayiti, dem „Land der Berge“, gebracht wurde, hatte man kaum noch etwas von seinen AnhängerInnen gehört. Führende Mitglieder der „Erdrutsch“-Bewegung machten sich rar. Die einen hatten ihre Mobiltelefone abgeschaltet und waren auf Tauchstation gegangen. Andere sprachen plötzlich nur noch Kreyòl, obwohl sie vorher dreisprachig in englisch, französisch und spanisch über die Errungenschaften der Aristide-Bewegung parlieren konnten. Dritte hatten sich aus nicht ganz unberechtigter Angst vor Repressionen durch die nach wie vor im Land mächtigen Mitglieder der Anti-Aristide-Rebellen ins Ausland abgesetzt.

Aktion Bagdad
Aber Totgesagte leben bekanntlich länger. Seit Ende September spricht man wieder von Lavalas. Und vor allem machen die Chimère genannten Lavalas-Militanten mit bewaffneten Aktionen von sich reden. Ob der knapp sieben Monate nach dem Abgang von Aristide angezettelte Aufstand der Anhänger des Ex-Präsidenten aber wirklich den Namen „Operation Bagdad“ trägt, wie die haitianische Presse unisono schreibt, oder der Name nur aus propagandistischen Gründen vergeben wurde, lässt sich hingegen nicht mehr herausfinden. Es gibt Lavalisten, die behaupten, damit wolle man die Bewegung für die Rückkehr des gestürzten „Titid“ diskreditieren. Andere wiederum bestätigen, dass der Name bewusst gewählt wurde. Schließlich sei Haiti von ausländischen Truppen besetzt und von einer Marionettenregierung verwaltet. „Ohne Lavalas wird es keinen Frieden in Haiti geben“, hieß es knapp.
Seit in Port-au-Prince Armenvierteln Bel-Air und Cité Soleil der Aufstand ausgebrochen ist, vergeht kein Tag, an dem es nicht zu Schusswechseln zwischen Mitgliedern der haitianischen Polizei, der UN-Blauhelmtruppe MINUSTRAH und den Chimère gekommen ist. Polizisten wurden mit durchgeschnitten Kehlen aufgefunden und die Blauhelme, die von brasilianischen Militärs kommandiert werden, mussten sich bereits mehrmals angesichts des heftigen Widerstandes aus den aufständischen Vierteln zurückziehen. Diese sind sehr unüberschaubar und die eng bebauten Gässchen sind ideal für den militanten Straßenkampf. Immer wieder hallt hier den ausländischen Truppen der Ruf entgegen: „Besatzer raus.“
Eigentlich sollen die Mitglieder der UN-Blauhelmtruppe seit Juni dieses Jahres für Sicherheit in Haiti sorgen. Davon sind sie aber noch weit entfernt, da unter anderem erst die Hälfte des 6.700 Soldaten zählenden Militärkontingents eingetroffen ist, das aus Truppeneinheiten aus Argentinien, Uruguay, Chile, Spanien und Marokko besteht. Nach wie vor sind die Anti-Aristide-Rebellen im Norden des Landes bewaffnet und dominieren dort einige Regionen. Im August besetzten sie sogar einige Polizeistationen und forderten von der Interimsregierung um Gérard Latortue die Integration in eine neu zu schaffende Armee. Seit Anfang September müssen die Blauhelme zudem auch in der ehemaligen Rebellenhochburg Gonaïves für Ordnung sorgen. Dort riss zu dieser Zeit eine Flutwelle etwa 3.000 Menschen in den Tod. Seitdem herrscht dort Hungersnot und immer wieder kommt es zu Überfällen auf Lebensmitteltransporte und Vorratslager.

Die verschiedenen
Gesichter der Lavalas
Nach Angaben der haitianischen Menschenrechtsorganisation CNDH sind in den letzten zwei Monaten bei den Unruhen rund 170 Personen eines gewaltsamen Todes gestorben, 246 wurden verletzt. Mehrere führende Mitglieder der Lavalas-Bewegung wurden seither als angebliche Hintermänner der Unruhen verhaftet. Darunter auch Gérard Jean-Juste, einer der Vertrauten von Ex-Präsident Aristide. Dieser ist Pfarrer der Sainte Claire-Kirche in Petite Place Cazeau, einem Armenviertel in Dalmas, einem der Vororte von Port-au-Prince. Unklar ist aber, ob er Mitverantwortung für die Unruhen trägt. Amnesty international wirft daher den haitianischen Behörden vor, bisher keine Beweise für die Behauptung vorgelegt zu haben, dass der Pfarrer hinter dem bewaffneten Aufstand der Aristide-AnhängerInnen stecke.
Derweil äußern sich auch wieder andere Mitglieder von Lavalas. „Wir gehörten der Basisbewegung Lavalas an, der früheren Volksorganisation“, betont Antoine Augustine, um sich zu Beginn des Gesprächs von der heutigen Aristide-Partei Lavalas zu distanzieren. Der 46 Jahre alte Soziologe lehrt an der Ethnologie-Fakultät der staatlichen Universität in Port-au-Prince und ist Koordinator eines Volksbildungszentrums in der Umgebung der haitianischen Hauptstadt. „Aber die historische Bewegung besteht nicht mehr, wenn auch der Geist noch heute virulent unter der Bevölkerung ist.“
Schon bei der Entstehung von Lavalas 1989 habe es vier Tendenzen gegeben, die jedoch nie von der internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen worden seien. Es habe die christlich-sozialen VertreterInnen der Befreiungstheologie neben den AnhängerInnen einer „authentischen“ Volksbewegung gegeben, die auf eine Rückbesinnung auf die kulturellen Werte Haitis gedrängt hätten. Außerdem gab es MarxistInnen, die sich demnach mit dem bürgerlichen Lager innerhalb der Lavalas-Bewegung stritten. „Letztendlich war Aristide“, sagt Augustine, „bereits seit seinem Amtsantritt im Jahre 1991 zwischen den vier Tendenzen innerhalb der Volksbewegung gefangen.“

Versuch der
Verteufelung
Mit der Gründung der Partei Fanmi Lavalas im Jahre 1999 habe der aus dem Salesianer-Orden ausgeschlossene Aristide dann versucht, die Volksbewegung zu spalten und in den Griff zu bekommen. „Er wollte sich des Drucks und Einflusses der verschiedenen Tendenzen entziehen und Lavalas für seine Interessen umfunktionalisieren“, analysiert Augustine die Taktik Aristides.
Auf Proteste gegen seine Politik habe der im Jahre 2000 zum zweiten Mal zum Staatschef gewählte Aristide dann mit der im „historisch autokratischen Haiti“ üblichen Weise reagiert: „Es gab Übergriffe gegen Oppositionelle. Dem wurde vom Staat kein Einhalt geboten und die Übergriffe wurden nicht von der Justiz verfolgt“, räumt Frederic ein. „Aber wenn Aristide ein Diktator gewesen wäre, hätte er die Proteste nicht zugelassen.“
Emmanuel Cantave, ein 40 Jahre alter Jurist und Direktoriumsmitglied von Lavalas verteidigt die militanten Lavalas-AnhängerInnen. Die Schimären seien die Antwort der armen Bevölkerung auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Elend des Landes seit 200 Jahren. So wie der gestürzte Aristide den „Willen des haitianischen Volkes“ repräsentiert habe, so hätten die Militanten auf der Straße die Verantwortung dafür übernommen, „ihre Wahl Aristides gegen die bürgerliche Opposition zu verteidigen.“
Die damalige Opposition versuche nun unter ausländischem Einfluss, die Fanmi Lavalas zu verteufeln. Aber „wenn jemand gegen den Staat die Waffen erhebt, dann muss man den Staat und sein Land verteidigen“ unterstreicht Cantave.
Trotz Repression und Verfolgung stehe die Organisation geschlossener denn je zusammen, versichert Francky Exius, ein weiteres Direktoriumsmitglied. Zu diesem Resultat führt gerade die für eine friedliche Lösung gewünschte Einbindung der Lavalas in den zukünftigen politischen Prozess des Landes. Am bereits konstituierten provisorischen Wahlrat, sagt Cantave, werde sich Lavalas nämlich nur beteiligen, wenn die führenden Lavalas- und Ex-Regierungsmitglieder befreit würden und die Verfolgung von Lavalas-Mitgliedern beendet werde. Diese sitzen im Gefängnis, weil sie zu Aristides Zeiten extralegale Hinrichtungen angeordnet und Übergriffe von Lavalas-Gefolgsleuten gegen damalige Oppositionelle angeordnet haben sollen. Vor allem müsse außerdem aber Jean-Bertrand Aristide wieder nach Haiti zurückkehren dürfen.
Die Militanten der Erdrutsch-Bewegung haben durch ihren Aufstand in den letzten Wochen vor allem eins bewiesen: Ohne Lavalas wird es keine politische Lösung und auch keinen Frieden in Haiti geben. Das scheinen auch die UN begriffen zu haben: Sie wollen eine Delegation nach Südafrika zum exilierten Lavalas-Chef Aristide schicken.

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