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„Der Schmerz vergeht, was bleibt ist die Mara“

Gleich zu Beginn des Spielfilmes Sin Nombre führt der Regisseur Cary Joji Fukunaga die ZuschauerInnen in die grausamen Rituale der Mara Salvatrucha, auch bekannt als MS 13, ein. Erst muss sich der zwölfjährige Neueinsteiger El Smiley (Kristyan Ferrer) von seinen zukünftigen Kameraden für 13 Sekunden verprügeln lassen. Als nächstes wird von ihm verlangt, einen Menschen zu töten, ein verfeindetes Gangmitglied der Mara 18. Smiley ist zwar stolz nun endlich dazu zugehören, fühlt sich aber trotzdem nach seinem ersten Mord miserabel. Lil‘Mago (Tenoch Huerta Mejía), der Anführer der MS 13, tröstet ihn daraufhin mit den irritierenden Worten: „Der Schmerz vergeht, was bleibt ist die Mara!“.
Fukunaga hat für seinen Film mehrere Monate im mexikanischen Chiapas, insbesondere in Tapachula nahe der guatemaltekischen Grenze, recherchiert: Er sprach mit Gangmitgliedern, besuchte Gefängnisse und fuhr sogar mit zentralamerikanischen Wirtschaftsflüchtlingen für einen Tag auf dem Dach eines Zuges in Richtung US-amerikanischer Grenze mit.
Denn der Film beschäftigt sich nicht nur mit den Maras, sondern soll auch auf die zahlreichen Menschen hinweisen, die sich täglich auf den Weg in die Vereinigten Staaten machen, in der Hoffnung dort ein besseres Leben anfangen zu können. Laut Fukunaga gibt es an der Grenze zu den USA viele Kartons, auf denen sin nombre (ohne Namen) steht. Damit soll den zahlreichen unbekannten Menschen gedacht werden, die bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, ums Leben gekommen sind.
Der Film erzählt von der schicksalhaften Begegnung zwischen Casper (Edgar Flores), einem Mitglied der brutalen Gang MS 13 in Tapachula
(Mexiko) und Sayra (Paulina Gaitan), einer jungen Frau aus Honduras. Caspar ist auf der Flucht, da er beschlossen hat, seiner Gang den Rücken zuzukehren. Die beiden treffen sich auf dem Dach eines Zuges, auf dem Sayra mit zahlreichen anderen MittelamerikanerInnen in Richtung USA fährt.
Zweifellos hat Fukunaga mit Sin Nombre einen imponierenden Kinofilm geschaffen. Das Drehbuch, die wunderschönen Landschaftsaufnahmen und insbesondere die mittelamerikanischen DarstellerInnen beeindrucken. Der Regisseur hatte sich extra vertraglich zusichern lassen, dass er ausschließlich mit zentralamerikanischen DarstellerInnen arbeiten darf. Somit wirkt die US-amerikanische Produktion authentisch.
Der Spielfilm erfüllt zwar alle Erwartungen an ein gutes Unterhaltungskino, über die sozialen Hintergründe der Maras erfährt das Publikum jedoch kaum etwas. Die Gangmitglieder in Fukunagas Erzählung bleiben die gleichen mordenden Bestien, die auch aus den mittelamerikanischen Medien bekannt sind. Nur anhand der Charaktere Casper und Smiley erscheint in ihnen auch etwas Menschliches. Dramaturgisch gesehen lebt der Film natürlich von diesem Schwarz-Weiß-Denken, als Grundlage für ein Verständnis der Hintergründe der Maras ist er jedoch ungeeignet. Denn neben den Gangritualen, gehört für alle Mareros die ständige Konfrontation mit dem Tod, eine
Perspektivlosigkeit und eine vollkommene Isola-tion von der Gesellschaft zum Alltag. Anstatt den Jugendlichen Unterstützung zu bieten, gehen die PolitikerInnen Zentralamerikas mit repressiven polizeilichen Maßnahmen gegen die Banden vor. In Honduras und El Salvador ist beispielsweise bereits die Mitgliedschaft in einer Gang eine Straftat – ein Tätowierung als Beweismittel genügt. Die Polizei sperrt verdächtige Bandenmitglieder willkürlich in die Gefängnisse, denn für einen Marero gibt es kein faires Gerichtsverfahren.
Wer sich nicht nur für gute Unterhaltung interessiert, sondern sich in den realen Alltag der Maras hineinversetzen will, für den bleibt Christian Povedas Dokumentation La Vida Loca derzeit die einzige Alternative. Der französische Filmemacher zeigt mit seiner preisgekrönten Dokumentation, dass eigentlich die Mareros die Verlierer der Gesellschaft sind. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich einer Gang anzuschließen – denn sie gibt ihnen sozialen Halt und hilft ihnen zu überleben. Sein einziger Drehort war ein Armenviertel in Soyapango (El Salvador). Dort dokumentierte er 16 Monate lang das Leben mehrerer Mitglieder der Mara 18, der rivalisierenden Gang der MS 13.
Die Tatsache, dass es bei den Leichen in diesem Film nicht um SchauspielerInnen handelt, lässt niemanden kalt. Indem Poveda ganz nah an den Menschen bleibt und sie in ihrem traurigem Alltag begleitet, gelingt es im, für das Thema zu sensibilisieren.
Die ProtagonistInnen erzählen jedoch ihre leidvollen Geschichten nicht direkt in die Kamera. Die ZuschauerInnen sollen vielmehr durch Handlungen und gefilmte Gespräche an die Situation herangeführt werden, was leider nicht immer gelingt. Die Dokumentation leidet auch darunter, dass Poveda sich nicht auf das Schicksal von ein oder zwei DarstellerInnen konzentriert, sondern die Geschichte acht wahrer HeldenInnen gleichzeitig erzählt. Die Menge der ProtagonistInnen sprengt jedoch den Rahmen der Dokumentation und verhindert so, dass das Publikum sich in die einzelnen Charaktere wirklich hinein fühlen kann.
Dem Regisseur selbst war dieses Manko bewusst. Die Handlung des Films nur auf eine Person zu beschränken, wäre einfach zu riskant gewesen, erklärte Poveda in einem Interview.
Seine Angst war begründet, insgesamt sieben Personen kamen bei den Dreharbeiten ums Leben. Christian Poveda selbst starb am 2. September 2009 in El Salvador durch Schussverletzungen. Sein Engagement für die „verlorene Generation“, wie er selbst die Maras nannte, musste er mit seinem Leben teuer bezahlen.

Sin Nombre // Spielfilm von Cary Fukunaga // USA 2009 // 94 Min. // Deutsch // Kinostart 29. April.

La Vida Loca // Dokumentarfilm von Christian Poveda // Spanien, Mexiko, Frankreich 2008 // 90 Min. // Deutsch und Spanisch // auf DVD ab 6. Mai.

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