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DER SILBENREITER

Ende der neunziger Jahre sagte Gonzalo Rojas, damals schon über 80-jährig, sein Leben lang habe er nichts Anderes getan, als die Welt in Silben auszusprechen. Klangliche, rhythmische Physis ist es denn auch, was sein umfangreiches Werk kennzeichnet, während er von der Erotik bis zur Gesellschaftskritik eine Bandbreite an Themen zum Gegenstand seiner Dichtung machte. Nun ist es in erster Linie seinem Übersetzer und Freund, dem Bremer Romanisten Reiner Kornberger, zu verdanken, dass einhundert Jahre nach der Geburt des Dichters in Lebu im Süden Chiles und nach dem Band Das Haus aus Luft (Bremen, 2005) eine zweite zweisprachige Gesamtschau mit dem Titel Atemübung. Gedichte aus sieben Jahrzehnten erschienen ist.

Ein Drittel der Gedichte wurde, laut Vorbemerkung, aus Das Haus aus Luft übernommen, dagegen handele es sich bei den übrigen um bisher unveröffentlichte Übertragungen. In diesen ist in der Tat eine erstaunliche Treue zum Dichter zu erkennen, nicht nur im rhythmischen Fluss und den Zeilensprüngen, sondern auch, weil sich Kornberger an entscheidenden Stellen dichterische Freiheiten erlaubt und dennoch mit dem „Hohl des Meeres / Hohl des Himmels“ zu einer nahezu wörtlichen Übersetzung zurückkehrt. Die zweisprachige Ausgabe ist für Lyriklesende ein Geschenk, da für des Spanischen annähernd Kundige die Originalstimme des Dichters volltönend erfahrbar ist und zugleich das zuvor in seiner Bedeutung vielleicht nur vage Erahnte in der deutschen Version eines Kenners Präzision erlangt. Unterteilt ist das Buch in sieben Abschnitte, die nach emblematischen Gedichten betitelt sind und an sich schon neugierig machen. So finden sich gleich am Anfang bei „Rudernd im Rhythmus“ Gedichte, die der silben-malerischen Poetik von Gonzalo Rojas besonders entsprechen, während zum Beispiel unter „Der Hubschrauber“ seine politischen Gedichte zusammengefasst sind. Erhellendes bieten die sorgfältigen und dabei überschaubaren Anmerkungen im Anhang des Bandes, leichtfüßigen Genuss dagegen die Illustrationen des lebenslangen engen Freundes Rojas’, Roberto Matta, dessen durchscheinende Figuren-Miniaturen über die Seiten trippeln, hier dreiköpfig ein geflügeltes Lachen aufsetzen, dort den fragenden Zeigefinger heben.

Obwohl Gonzalo Rojas zu den herausragendsten und am meisten mit Preisen geehrten chilenischen Dichter*innen zählt, ist er in Deutschland kaum bekannt. Dabei verbrachte er nach Pinochets Militärputsch zwei Jahre im Exil in Rostock und kehrte auch danach immer wieder nach Deutschland zurück. Selbstverständlich fehlt auch in Atemübung nicht sein Gedicht „Domicilio en el Báltico – Ostsee-Domizil“, das ihm Kritik nicht zuletzt von Seiten seiner eigenen Landsleute einbrachte, weil er seinen Frust äußerte, als politischer Emigrant aus Chile von der DDR zwar in allen Ehren empfangen und mit einem Universitätslehrstuhl versehen worden zu sein, aber ohne Lehrerlaubnis, da er ungenehme Namen wie Borges und Octavio Paz auf seine Seminarliste setzte. Rojas entfloh der Enge und setzte sein Exil in Venezuela fort. Solcherlei Lebensdaten finden sich zum einen am Ende des Gedichtbands, zum anderen aber in der wunderbar plastischen Einführung zu Leben und Poetik des Dichters, verfasst von seiner französischen Biographin Fabienne Bradu. Ein rundherum schönes Buch, das sich immer wieder an beliebiger Stelle leselustvoll aufschlagen lässt.

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