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DIE BANK DES GUTEN LEBENS

Wie entstand die Idee, eine Mapuche Bank zu gründen?
Unser Ziel ist es, der armen Bevölkerung des wallmapu, dem Land der Mapuche, bei ihren ökonomischen Problemen zu helfen. Gleichzeitig wollen wir den Konzepten unserer Vorfahren wieder eine Bedeutung geben. Viele solcher indigenen Konzepte sind in Vergessenheit geraten. Stattdessen haben wir die Logik des Neoliberalismus verinnerlicht: Wir wollen immer besser sein als andere, helfen uns nicht mehr gegenseitig, arbeiten alleine und auf uns selbst konzentriert, um möglichst viel Reichtum anzuhäufen. Daran wollen wir ganz praktisch etwas ändern.

Was sind das für Konzepte?
Es geht dabei zum Beispiel um das keyuwün, die Zusammenarbeit, Solidarität und gegenseitige Hilfe. Oder das mingako und das trafkintu, die gemeinschaftliche Landwirtschaft und den Austausch von Saatgut und Ernte. Außerdem das misegun, das Teilen von Wissen und notwendigen Dingen, wie Lebensmitteln. Wir wollen andere Menschen unterstützen und gleichzeitig diese alten indigenen Konzepte des Kooperativismus weiterentwickeln.

Die Kooperative bietet Sparkonten und Kredite an. Wie passt das mit indigenen Konzepten zusammen, bei denen Geld überhaupt keine Rolle spielt?
Wir sind keine normale Bank, uns geht es in erster Linie um das Soziale. Wir versuchen einen Weg zu finden, uns gegen die Politik und das herrschende Wirtschaftssystem zusammenzutun und einen Moment der Solidarität zu schaffen. Die Kooperative soll eine Alternative zu den staatlichen und kirchlichen Strukturen schaffen, die nicht mehr in die heutige Zeit passen und keine Lösungen für die Probleme der Menschen bieten. Das ist kein einfaches Vorhaben, deswegen arbeitet die Kooperative in Kommissionen: Die Bildungskommission kümmert sich zum Beispiel darum, Schülern die kostenpflichtigen Vorbereitungs- und Aufnahmekurse für die Universität zu ermöglichen oder um die Verteidigung unserer Sprache Mapudungun. Es braucht Momente, in denen unsere Sprache gelehrt und weiterentwickelt wird, denn wenn die Sprache stirbt, stirbt auch die Kultur.
In der Projektkommission geht es darum, kleinen Gruppen dabei zu helfen, ihre Vorhaben zu realisieren, dabei geht es oft um die Gründung neuer kleiner Kooperativen. Wir helfen entweder selbst bei der Finanzierung oder zeigen auf, wie staatliche Mittel akquiriert werden können. Im letzten Jahr haben wir etwa zehn Kooperativen unterstützt, die verschiedene Dinge produzieren, zum Beispiel Honig, Pflanzen, Käse, Quinoa oder Kartoffeln. Wir organisieren auch Märkte, auf denen nicht unbedingt mit Geld bezahlt wird, sondern die Waren getauscht werden. Der eine hat Pflanzen, ein anderer Bücher und der nächste Käse oder Eier. Wir wollen solche Ideen ausprobieren und entwickeln und nicht in die Falle des Kapitalismus tappen.

Besteht denn die Gefahr, dass das passiert?
Uns wurde schon vorgeworfen, dass wir einfach eine neue Art des Kapitalismus fördern würden. Aber wir denken, dass auf jeden Fall irgendetwas getan werden muss und wenn wir die Zeit damit verbringen, zu zweifeln, uns zu bemitleiden und auf den nächsten Zusammenbruch der Wirtschaft warten, wird sich nichts ändern. Unsere Idee ist, Dinge in Gang zu setzen. Vieles liegt noch im Dunkeln, aber es gibt immer Menschen, die etwas Licht in diese Dunkelheit bringen. Deswegen ist es sehr wichtig für uns, hier in Europa zu sein und uns vorzustellen. Wir sind offen für jede Art von Unterstützung und denken, dass wir viel voneinander lernen können.

Die Bank ist eine Non-Profit-Organisation und genossenschaftlich strukturiert. Wie funktioniert das in der Praxis?
Unsere momentan 500 Mitglieder zahlen einen monatlichen Mindestbeitrag von 5.000 Pesos, das entspricht sechs oder sieben Euro. Davon wird ein kleiner Teil für die laufenden Kosten der Kooperative abgezogen, zum Beispiel für Miete und Telefon. Der Großteil, etwa vier Euro, wird auf ein Sparkonto eingezahlt. Nach einem Jahr kann das Mitglied das Dreifache des eingezahlten Betrags als Kredit erfragen.
Und dann gibt es noch den Solidaritätsfond, in den ein kleiner Teil eingezahlt wird und mit dem Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt werden. Zum Beispiel Familien, die nicht genug Geld für Lebensmittel haben, oder wenn politische Gefangene oder Kranke unterstützt werden müssen. In Chile wird immer noch das Antiterrorgesetz aus der Pinochet-Diktatur angewandt und Mapuche, die ihr Land und die Umwelt verteidigen, werden kriminalisiert. Viele Menschen befinden sich in Haft, einige wurden bereits verurteilt, andere warten noch auf das Urteil, so wie die machi (Heilerin und religiös-spirituelle Autorität, Anm. d. Redaktion) Francisca Linconao. Die Angehörigen brauchen dann oft finanzielle Unterstützung, zum Beispiel für Anwaltskosten und Besuche. Als der junge Mapuche Brandon durch Schüsse eines Polizisten schwer verletzt wurde (LN 512), haben wir die Familie unterstützt, die zwei Wochen lang im Krankenhaus ausharren musste und dort ständiger Diskriminierung und Druck ausgesetzt war. Wir haben der Familie einen geschützten Raum geboten, um sich auszuruhen. Wohl auch deswegen hat sich der Junge angefangen zu erholen. Wir glauben nicht, dass Krankheiten nur eine Person betreffen – manchmal befallen sie die ganze Gemeinschaft und sie müssen auch von der ganzen Gemeinschaft bekämpft werden.

Normale Banken verlangen für Kredite Garantien und feste Einkommen. Die Kooperative richtet sich explizit an Menschen, die diese Kriterien nicht erfüllen. Klappt es trotzdem mit den Rückzahlungen?
Bis jetzt läuft es eigentlich sehr gut. Was die Rückzahlungen betrifft, gibt es nur einige wenige, die Probleme hatten, aber bisher wurden fast einhundert Prozent der Kredite zurückgezahlt. Wir halten ständigen und engen Kontakt mit den Mitgliedern, außerdem sind die Beträge eher klein und die Konditionen individuell angepasst, sodass es den meisten möglich ist, alles wie vereinbart zurückzuzahlen. Der maximale Zins, den wir fordern, sind zwei Prozent. Normale Banken fordern mindestens drei oder vier Prozent. Bei uns sollen sich die Menschen nicht zu Sklaven machen, die nur noch für die Rückzahlung ihres Kredites arbeiten.
Außerdem ist allen bewusst, dass, wenn sie ihren Kredit nicht zurückzahlen, das Geschäft oder Projekt eines anderen nicht realisiert werden kann, obwohl es für die Person oder oft für die ganze Familie oder Gemeinschaft sehr wichtig wäre. Bei uns basiert sehr viel auf Vertrauen, wir wollen auch ein anderes Sich-Kennen erreichen. Die technischen und formalen Aspekte müssen wir noch verbessern und klare Konditionen schaffen, aber uns interessiert in erster Linie, dass Menschen außerhalb des Systems Zugang bekommen. Und davon gibt es viele. In Chile werden immer tolle Wachstumszahlen präsentiert, aber der Mindestlohn liegt gerade einmal bei 250.000 Pesos (340 Euro), ganz zu schweigen von den Renten – viele Menschen bekommen eine Rente von 80.000 Pesos (110 Euro), das reicht nicht einmal für die Medikamente. Es gibt Rentenbescheide über null Pesos, weil die AFPs (privatwirtschaftliche Pensionsfonds, gegen die in Chile seit vergangenem Jahr heftig protestiert wird, siehe LN 507/508, Anm. d. Redaktion) alles geschluckt haben.

Chile ist stark von Neoliberalismus geprägt. Seit der Diktatur ab 1973 haben alle Regierungen ein solches Modell propagiert. Wie schwer ist es heute, Menschen wieder für die alten Ideen zu begeistern?
Es ist schwer. Küme mogen heißt nicht nur gutes Leben, es bedeutet auch Leben in Frieden. Man bezeichnet uns als Terroristen und als kriegerisches Volk, aber ursprünglich haben sich Mapuche nicht für Kriege zusammengetan. Das geschah erst zur Verteidigung gegen Angriffe verschiedener Imperien. Es gab einen sehr starken sozialen Zusammenhalt ohne einen großen Anführer. Solche Ideen heute wieder aufleben zu lassen ist sehr schwer. Deswegen arbeitet die Kooperative in Kommissionen. Die Bildungskommission ist da besonders wichtig. Viele von uns sind Lehrer*innen und arbeiten in Schulprojekten. Bei der Arbeit mit den Kindern merken wir, dass es funktioniert. Bei den Eltern ist es vielleicht schwieriger, denn sie haben kein Vertrauen in das Schulsystem. Vielleicht konnten sie keinen Abschluss machen und hatten nie die Möglichkeit zu studieren. Aber auch mit ihnen muss man reden, und wenn sich ihre Kinder entwickeln, merken sie, dass die Schulen zu einem Wandel beitragen können. Wir versuchen sie in die gemeinschaftliche Arbeit einzubinden. Der Neoliberalismus hat uns zu Individualist*innen werden lassen, wir leben isoliert und voneinander abgekapselt und es ist sehr schwer, dagegen anzukämpfen, aber es ist notwendig. Es gibt auch Mapuche, die sich abkapseln und ihr Wissen mit niemandem teilen – und auch das ist in Ordnung. Das ist auch eine Art von kulturellem Widerstand. Viel zu oft wurde die Offenheit missbraucht, wenn mit dem Wissen einer machi zum Beispiel Heilpflanzen patentiert werden. Es gibt viele, die aus guten Gründen kein Vertrauen mehr haben. Aber es ist wichtig, dass wir nicht in negativen Gefühlen untergehen. Deswegen hat unsere Kooperative auch eine stark spirituelle Basis. Wir denken es ist gut, sich auf alte Konzepte unseres Volkes zu besinnen.

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