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Die guten bösen Menschen

Im September 2013 erregte der Fall Larraín die Aufmerksamkeit der chilenischen Öffentlichkeit. Martín Larraín, Sohn des rechtskonservativen Senators Carlos Larraín, hatte im Süden Chiles mit seinem Auto den dreifachen Familienvater Hernán Canales überfahren. Larraín wurde der Fahrerflucht angeklagt, nach über einjährigen Ermittlungen aber freigesprochen, obwohl nie ein Alkoholtest bei ihm durchgeführt worden war. Stattdessen wurden zwei seiner Freunde, die im Auto saßen, wegen Behinderung von polizeilichen Ermittlungen verurteilt. Das Urteil erregte großes Aufsehen in den sozialen Netzwerken und inspirierte den Regisseur Fernández Almendras zu seinem Film. Der Fall Larraín dient dabei eher als Gerüst, viele Details und Charaktere im Film unterscheiden sich von den realen Ereignissen.
Aquí no ha pasado nada konzentriert sich auf die Geschichte des fiktiven Charakters Vicente (Agustín Silva). „Vicho“ ist das Musterbeispiel eines verhätschelten Jünglings aus der Oberschicht, dessen Tagesablauf aus Strandgängen, Frauen, Partys und Alkohol besteht. Beim Herumliegen am Meer trifft er auf Ana und Francisca, die ähnliche Interessen wie er verfolgen und ihn sogleich auf die nächste Feier einladen. Der Gastgeber ist Martín Larraín, man kennt sich über ein paar Ecken und versteht sich sofort. Die Party läuft zunächst gut für Vicho: Er fängt gleichzeitig etwas mit Ana und Francisca an und hilft seinen reichen Freund*innen erfolgreich beim Diebstahl von Feuerwerkskörpern, die die illustre Gesellschaft am Strand abbrennt. Auf der Weiterfahrt ist er kaum noch zurechnungsfähig, als das Auto mit Martín am Steuer mit etwas Hartem zusammenstößt. Vicente hat keine Ahnung, was passiert ist, wird aber zunächst vor seiner Haustür von der bisher so netten Partygesellschaft aus dem Auto geworfen und später unsanft wieder geweckt: Er soll von der Polizei wegen Tötung eines Mannes und Fahrerflucht unter Alkoholeinfluss verhört werden. Zunächst glaubt er, dass es sich um eine Anklage für Martín handelt. Schon bald muss er feststellen, dass die Larraíns ihn als Sündenbock auserkoren haben, um ihren Sohn zu schützen: Vicente wird beschuldigt, der Fahrer des Unfallwagens und somit verantwortlich für den Tod des Mannes gewesen zu sein. Ihm drohen zwei Jahre Gefängnis. In den folgenden Tagen bekommt der naive Vicente zu spüren, wie Personen mit Macht und Einfluss es schaffen, eine eigentlich eindeutige Rechtslage ins Gegenteil zu verkehren.
Fernández Almendras hat schon mit seinem ersten Film Matar a un hombre (ausgezeichnet auf dem Sundance Festival) gezeigt, dass er ein scharfsinniger Beobachter der chilenischen Justiz ist. Mit Aquí no ha pasado nada stellt er dies nun erneut unter Beweis und porträtiert darüber hinaus sehr gekonnt einen Teil der Gesellschaft, der sich sicher sein kann, dass er für Verfehlungen nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Recht haben und Recht bekommen ist in Aquí no ha pasado nada eine Frage von Geld und guten Beziehungen, die selbst mit denen gepflegt werden, die die Suppe auslöffeln sollen – sofern sie der gleichen ehrenwerten Gesellschaft angehören. In der besten Szene des Films trifft der Anwalt der Larraíns (fantastisch: Luis Gnecco) scheinbar beiläufig den überrumpelten Vicho am Strand und macht ihm freundlich aber bestimmt klar: „Junge, du musst eines wissen: Wir können dir besser helfen als du dir selbst!“ Das versteht irgendwann auch Vicente und so geht den Zuschauer*innen erst ganz am Ende des Films auf, warum es nie so recht gelang, sich mit dem Betrogenen und seiner Familie zu identifizieren: Niemand aus der gezeigten oberflächlichen Schickimicki-Gesellschaft wird jemals zu viele seiner Privilegien abgeben müssen, solange er*sie nur nach den Regeln spielt.

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