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„Die kolumbianische Politik ist immer noch zum Lachen“

Kolumbien im März 1998: Zur Blütezeit des bewaffneten Binnenkonflikts entführt eine Gruppe von 200 Guerriller@s der Revolutionären Bewaffneten Streitkräfte Kolumbiens (FARC) 32 Personen, darunter fünf Ausländer_innen, die sich auf dem Weg vom Department Meta in die Hauptstadt Bogotá befanden. Kurze Zeit später beginnt eine Anti-Entführungskommission die Verhandlungen mit der Guerilla und erwirkt bereits nach wenigen Tagen die Freilassung von neun der 32 Entführten. Leiter dieser Kommission ist der populäre Comedian, Anwalt und Politiker Jaime Garzón Forero. Bekannt geworden durch unzählige Fernseh- und Radioshows hielt er der kolumbianischen Gesellschaft in den 1990er-Jahren mit Ironie und Satire den Spiegel vor. Als Heriberto de la Calle (Heriberto von der Straße), konservativer Anwalt Godofredo Cínico Caspa, Student John Lenin oder Nestor Elí, der Wachmann des Edificio Colombia, hatte Garzón sich über die Jahre in eine Art kolumbianisches Gewissen verwandelt: „Er machte Pädagogik mit Humor: Durch eine Art gottgegebene Gabe gelang es ihm, den Kolumbianern die Augen zu öffnen“, äußerte sich seine Schwester Marisol Garzón gegenüber der Wochenzeitschrift Semana.
Neben seinen radio- und fernsehjournalistischen Tätigkeiten und seinen Aktivitäten für den Frieden war Garzón eine Zeit lang Bürgermeister der Gemeinde Sumapaz im Süden von Bogotá und agierte als Anwalt gegen die Regierung. Die Ex-Senatorin und Aktivistin der oppositionellen Bewegung Marcha Patriótica, Piedad Córdoba, beschreibt ihn als „gefährlichen Typen, weil er die Leute zum Lachen brachte, indem er die moralische Misere der kolumbianischen Politik offenbarte“. Genau diese Gefährlichkeit wurde Garzón offenbar zum Verhängnis.
Anfang August 1999 versuchte er, Kontakt zum Chef des Paramilitärdachverbandes Vereinigte Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens (AUC), Carlos Castaño, aufzunehmen. Durch Vermittlung anderer höherer Paramilitärs vereinbarte er offenbar ein Treffen für den 14. August. Drei Tage vor diesem Termin äußerte er gegenüber einer Visagistin, dass er den nächsten Morgen nicht erleben werde. Er sollte Recht behalten – zwei Tage später, am Morgen des 13. August 1999, wurde Jaime Garzón von zwei Auftragskillern von einem Motorrad aus mit fünf Kugeln erschossen. Einige Minuten später verbreiteten seine Kolleg_innen von der Radiostation Radionet, die wenige Meter vom Schauplatz entfernt lag, die Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land ausbreiten sollte. César Augusto Londoño, Sport-reporter und Kollege Garzóns, verabschiedet seinen Freund in einer Show am selben Abend mit den berühmt gewordenen Worten: „Soweit zum Sport, Scheißland!“. Die Trauerfeier für den beliebten Humoristen vereinte am nächsten Nachmittag so viele Menschen, dass eine Fußgängerbrücke unter der Masse der Trauernden zusammenbrach.
Trotz des hohen Interesses in der kolumbianischen Öffentlichkeit kamen die Ermittlungen nur schwer ins Rollen. Widersprüche und Falschaussagen der vermeintlichen Augenzeug_innen führten zu keinem klaren Ergebnis. Erst fünf Jahre später wurde der damalige Anführer der AUC, Carlos Castaño, wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit von einem kolumbianischen Gericht zu 38 Jahren Haft verurteilt. Castaño, der wenige Wochen nach der Verurteilung in einem internen Paramilitärkonflikt selbst zu Tode kam, soll die Ermordung auf Grund von Garzóns leitender Rolle in den Verhandlungen zur Freilassung der 32 von der FARC entführten Personen angeordnet haben. Angehörige und Journalist_innen, darunter auch internationale Organisationen wie Reporter ohne Grenzen, bezweifelten diese Version von Beginn an. Sie führten die Verstrickung des Militärs und der mittlerweile aufgelösten kolumbianischen Sicherheitsbehörde DAS in den Fall als wahrscheinlich an. Dennoch kam es in den nächsten Jahren zu keinen weiteren Ermittlungen.
Erst als sich die AUC ab dem Jahr 2008 auflöste, kamen neue Indizien an die Öffentlichkeit: Mehrere demobilisierte Paramilitärs, denen bei Aussage eine Amnestie in Aussicht gestellt worden war, sagten damals aus, dass es Absprachen zwischen dem ehemaligen Direktor der DAS, José Miguel Narvaéz, dem Militärstab und Carlos Castaño gegeben habe. Demnach habe Castaño den Mord als „großen Fehler“ bezeichnet und nur als „Gefallen für einen hohen Militärgeneral“ angeordnet. Zudem habe Narvaéz Castaño Berichte zugespielt, aus denen eine vermeintliche Verbindung von Garzón zu den FARC hervorgegangen sei. Nachforschungen des Fernsehprogramms Contravía führten im Jahr 2010 zu weiteren Indizien, die eine Manipulation der Beweise von Seiten des DAS nahelegen.
Heute, fünfzehn Jahre nach der Ermordung Jaime Garzóns, scheint der Fall endlich ins Rollen zu kommen. Narvaéz und der ehemalige Militärgeneral Jorge Eliécer Plazas Acevedo, der seit mehr als einem Jahrzehnt wegen einer Verurteilung in anderen Mordfällen flüchtig war, müssen sich nun erstmals vor Gericht verantworten. Wenngleich bislang beide eine Beteiligung abstreiten, könnten die Ergebnisse der aktuellen Verhandlungen nun erstmals Licht in die Vorgänge bringen. Zudem könnten dadurch die Verbindungen weiterer hoher Militärs und Staatsbediensteter zu den Paramilitärs nachgewiesen werden. Die Justiz und insbesondere linke Kreise beschreiben jedoch nach wie vor Vertuschungsversuche von Seiten des Staates: „Es gab einige Vergehen, die verhindern sollten, dass die Justiz die gesamten Absprachen hinter diesem Verbrechen aufklären kann,“ kritisierte der beauftragte Vizerichter Jorge Fernando Perdomo gegenüber kolumbianischen Medien. In einem aktuellen Gespräch über den Gerichtsprozess äußerte auch die Ex-Senatorin Piedad Córdoba: „Wie kann es Zweifel daran geben, dass der Mord an Jaime Garzón ein Verbrechen des Staates war? Es war eine Allianz zwischen dem DAS, Militärgenerälen und dem Paramilitarimus“. Sie betonte, dass der Tod von Jaime Garzón „ein unmenschliches Verbrechen darstellt, Teil einer gezielten Strategie des Staates, die Opposition auszuschalten“.
Währenddessen versuchen Angehörige, Journalist_innen und Student_innen, das Andenken des Humoristen aufrecht zu erhalten. Satirisch betonen sie, dass auch fünfzehn Jahre nach der Ermordung Garzóns die Politik des Landes „noch zum Lachen sei“ und sich an der politischen Moral seitdem wenig geändert habe.

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