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„Die Nischen ausfindig machen!“

Ihre Tour hat Sie auch nach Berlin geführt. Waren Sie mit dem Konzert zufrieden?
Ja, auf jeden Fall. Von Anfang an waren viele Leute da, die die Gruppe seit vielen Jahren begleiten. Es ist sehr schön, zu merken, dass die Leute weiterhin kommen. Wir haben viele Freunde, die wir aus anderen Zusammenhängen kennen, wieder getroffen. Außerdem war der Veranstaltungsort angenehm – und die Stimmung beim Konzert hat uns eine wunderbare Nacht beschert.

Vom Publikum gab es also positive Reaktionen?
Ja, das Publikum war sehr lebhaft, hat viel mit uns interagiert. So eine Reaktion ist immer die schönste Rückmeldung für uns.

Wie würden Sie Ihr neues Album Mariachi Beat beschreiben?
Es ist eine Annäherung an und eine tiefgründige Kombination von traditioneller mexikanischer Musik. Mit dem vorherigen Album haben wir ein ähnliches Ziel verfolgt. Aber ich denke, dass Mariachi Beat vielschichtiger geworden ist und die Ursprünge mexikanischer Musik zeigt, wie wir sie sehen.

Elemente entnehmen Sie dabei dem Son Jarocho und der Música Oaxaqueña…
Auf dem Album ist Música Oaxaqueña vertreten, ebenso wie Son de Guerrero. Es gibt auch ein Stück, das ein richtiger Mariachi ist und mit „Mujer guerrera“ einen Merengue… das Wichtige an Mariachi Beat ist, dass es ein sehr spontanes Album ist. Es ging alles sehr schnell, wir haben nicht viel Zeit für die Aufnahme gebraucht und das macht das Album so frisch.
Wie ist das Album bislang angekommen?
Es war interessant, mit den Leuten hier in Europa zu reden, die die Band schon vorher kannten. Sie sagten mir, dass unsere vorherigen Alben sehr schnell, geradezu explosiv waren. Ein Kommentar zum neuen Album, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der, dass sich das neue Album musikalischer anhöre, weil es nicht wie sonst so punkig, rockig, laut, sondern sogar das genaue Gegenteil davon sei. Das gefällt den Leuten. Außerdem ist dieses Album das Ergebnis einer kollektiven Arbeit und auch das macht das Album so frisch und spontan.

Sie definieren sich über die politischen Inhalte Ihrer Lieder. Warum stehen die Texte dieses Mal nicht im Booklet des Albums?
Das war eine Frage der künstlerischen Gestaltung. Im Oktober wird unser Video auf Viva erscheinen. Dabei werden wir mit deutschen Musikern zusammenarbeiten – wir sind im Gespräch mit Peter Fox, Miss Platnum und Moop Mama. Die Texte sollen ebenfalls im Oktober auf der Webseite veröffentlicht und auch ins Deutsche übersetzt werden. Das ist interessant, denn die Texte sind teils sehr direkt, sehr heftig. Ich denke, dass das neue Album das bisher politischste der Band ist. Wir haben Angst davor, was mit den Songs in Mexiko passieren könnte.

Das ist interessant. Beim Hören des Albums hatten wir den Eindruck, dass die neuen Texte im Gegensatz zu den früheren Alben kaum politische Aussagen enthalten.
Es gibt verschiedene politische Liedtexte. Zum Beispiel einen mit Namen „Turn Off“. Der Text ist eine direkte Systemkritik. Denn die Zeile „Du brauchst Medizin“ spielt darauf an, dass den Menschen Glauben gemacht wird, sie seien krank. Und dann kann ihnen Medizin verkauft werden. Das Stück „Down Town“ ist eine direkte Kritik an der Revolutionären Institutionellen Partei (PRI). In das Lied sind Reden der ehemaligen Präsidenten López Portillo, Vicente Fox sowie des amtierenden Präsidenten Peña Nieto eingebunden. Dann ist da „Mujer guerrera“, das letzte Stück auf der CD. Darin erhebt die Frau Anspruch auf ihre Rechte. Geschrieben hat es unsere Sängerin Tania. Eigentlich gibt es auf dem Album nicht viele Liebeslieder. Nur „Ya me voy“, das als Son Jarocho konzipiert ist. Meiner Meinung nach ist das politische Gefühl des Albums eindeutig. Wir haben es Leuten in Mexiko vorgespielt und die Reaktion war: „Donnerwetter, ich denke, dass sie es zensieren werden!“

Haben Sie damit in Mexiko schon einmal Probleme gehabt?
Auf jeden Fall. Los de Abajo werden im Fernsehen zensiert. Gerade beobachten wir eine kleine Öffnung, aber im Unterschied zu Panteón Rococo werden wir zensiert. Wir können nicht einfach im Fernsehen gezeigt werden, das ist verboten.

Sie haben eine starke Verbindung mit der zapatistischen Bewegung. Wie beurteilen Sie das Ableben der Figur Subcomandante Marcos? Und wie geht es mit dem Zapatismus nach 20 Jahren weiter?
Ich denke, dass das Verschwinden von Marcos richtig war, weil Marcos allein nicht der Zapatismus ist. Außerdem denke ich, dass sich momentan ein Generationenwechsel in der zapatistischen Bewegung vollzieht. Die Neuen, die Jungen, sind diejenigen, die die Bewegung gerade vorantreiben und sich im Kern der Organisation befinden.

Momentan sind sie andauernden Angriffen ausgesetzt…
Ja, natürlich. Die Zapatisten sind vor kurzem stark angegriffen worden. Peña Nieto versucht, in alle Richtungen zu schlagen.
Es ist zu bedenken, dass der Zapatismus eine alternative Lebensart ist. Wenn wir gefragt werden, wie es in der Welt weitergehen wird, lautet unsere Antwort, dass der Zapatismus der Weg sein wird. Was ist die nächste Stufe von Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus? Zapatismus ist wirklich ein gutes Beispiel dafür, wie eine Selbstverwaltung funktionieren kann.

Und welche Verbindung haben Sie noch zum Zapatismus?
Die Verbindung zur zapatistischen Bewegung besteht weiterhin. Wir arbeiten eng mit Jóvenes en resistencia alternativa („Junge Menschen im alternativen Widerstand“) zusammen, einem zapatistischen Kollektiv in Mexiko-Stadt. Mit ihnen stehen wir im Austausch und organisieren gemeinsam Partys und Konzerte. Ihre Arbeit unterstützen wir vor allem durch große, gut organisierte Veranstaltungen. Wir arbeiten also kontinuierlich in verschiedenen Bereichen, nicht notwendigerweise nur im Musikbereich. Und ich denke, diese Zusammenarbeit wird noch lange so fortbestehen, denn die zapatistische Bewegung bietet eine unterstützenswerte Alternative.

Arbeiten Sie im Moment mit anderen Organisationen zusammen?
Wir arbeiten sehr eng mit den Leuten von Atenco zusammen (Aktivist_innen, die sich für die Aufklärung der gravierenden Menschenrechtsverletzungen bei einem Polizeieinsatz in Atenco 2006 einsetzen; Anm. d. Red.). Außerdem haben wir viel mit der Gruppe Sin maíz no hay país („Ohne Mais kein Land“) gemacht. Dabei geht es um die Frage der Ernährungssouveränität. Das sind Themen, die uns interessieren und die wir öffentlich machen möchten. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Dinge anzugehen und sich zu engagieren. Wenn es schon nicht möglich ist, die ganze Welt zu verändern, möchten wir doch die Nischen ausfindig machen, die zu Veränderungen beitragen können.

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