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„Die Regierung fördert schlechte Arbeitsbedingungen“

Was ist das Ziel und das Arbeitsfeld von Anamuri?
Wir haben die Aufgabe, die Interessen von Bäuerinnen und indigenen Frauen zu vertreten. Das machen wir gegenüber privaten als auch öffentlichen Akteuren. Dabei bearbeiten wir verschiedene Bereiche: Wir machen Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnenarbeit, wobei unsere letzten beiden Kampagnen die Saatgutkampagne und eine gegen ländliche Gewalt an Frauen waren.

Was ist die Saatgutkampagne?
Diese Kampagne wurde 2001 auf dem Weltsozialforum von Via Campesina, der internationalen Landarbeiterbewegung, gestartet. In dieser Kampagne werden verschiedene Themen miteinander verknüpft: Das des Saatguts, weil es eine Gesetzesvorlage gibt, die die Privatisierung des Saatguts vorsieht, die Problematik des Wassers und die Landfrage – das ist alles miteinander verbunden.
Was wir machen ist, Saatgutaustausch zu organisieren. Das verbinden wir mit politischen Forderungen: der Forderung nach Ernährungssouveränität, nach einer Agrarreform und den Forderungen der indigenen Völker nach Territorium.
Das alles wird durch das Gesetz der Privatisierung des Saatguts bedroht, weil dadurch Saatgut Eigentum von Unternehmen wird, also jeder Samen einen Eigentümer hat. Wenn man also Saatgut einsetzen will, muss man um die Erlaubnis eines großen Unternehmens bitten. Das ist somit auch eine Frage des Widerstands, da ohne diesen das Gesetz verabschiedet wird, was wiederum enorme Konsequenzen für Bauern und vor allem indigene Frauen mit sich bringen wird.

Was ist Ihre Aufgabe als Koordinatorin indigener Themen?
Meine Aufgabe ist es, die verschiedenen indigenen Organisationen, die in Anamuri vertreten sind zu koordinieren, von Arica im Norden bis Coyhaique im Süden. Dabei sind Frauen der Aymara, Kolla, Diaguitas und Mapuche vertreten.
Anamuri ist eine nationale Plattform, die aus vielen verschiedenen Organisationen besteht. Allein in Arica zum Beispiel sind es drei regionale Organisationen, die auch aus verschiedenen lokalen Organisationen zusammengesetzt sind. In Copiapó gibt es die Vereinigung der Frauen indigener und ländlicher Bevölkerung Atacama, die aus weiteren 54 Basisorganisationen besteht. Wir sind in fast allen Regionen vertreten.
Was wir in diesem Rahmen machen, ist das Thema der Rechte der indigenen Völker und insbesondere der indigenen Frauen sichtbar zu machen und den Frauen Werkzeuge zu geben, um ihre Rechte verteidigen zu können.

Was sind die größten Probleme, die indigene Frauen in Chile haben?
Zum Beispiel haben sie kaum Zugang zu Krediten. Im Normalfall werden diese nur Männern gewährt. Frauen haben nur dann Zugang zu Krediten, wenn sie sich verpflichten, Kleinunternehmerinnen zu werden. Das heißt, dass sie anders als gewohnt, nicht nur für die Eigenversorgung produzieren sondern sich mit ihren Waren dem Wettbewerb auf dem Markt stellen müssen. Das mag eine Zeit lang gut gehen, aber wenn sie dann scheitern, bleiben sie auf den Schulden sitzen.

Und wie steht Anamuri zur Forderung der Mapuche nach Land?
Anamuri hat die Forderungen der Mapuche in der Vergangenheit über Erklärungen unterstützt. Zudem haben Vertreterinnen Gefangene besucht. Das wird auch weiterhin getan. Nun ist es unser erklärtes Ziel, die Forderung nach einer Landreform aufzunehmen und auf den Tisch zu bringen. Ich bin aber der Ansicht, dass sich die Organisation klarer positionieren sollte, nicht nur über Erklärungen, sondern indem sie die Leute vor Ort besuchen und die Forderungen langfristig und nicht voneinander isoliert unterstützt. Kürzlich hat sich eine Menschenrechtskommission gegründet, die genau das macht und die Fälle von Kriminalisierung, die Forderungen der Mapuche dokumentiert.

Werden andere Probleme ähnlich bearbeitet?
Es gibt eine Kommission von Agrararbeiterinnen, die alle Fälle, in denen Frauen gesundheitsschädigenden Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind dokumentieren. In Copiapó beispielsweise sind zwei Frauen umgekommen, weil sie dauerhaft Ammoniak ausgesetzt waren.
Es gab bisher drei ethische Tribunale gegen Unternehmen, die Agrargüter exportieren und auch Gerichtsverfahren. Aber diese ziehen sich in die Länge und bis jetzt sind noch keine Urteile gefällt worden.

Welche Probleme haben Agrararbeiterinnen noch?
Sie arbeiten generell unter schlechten Bedingungen. Die Belastung durch Pflanzenschutzmittel ist riesig, weil sie ohne Schutzkleidung arbeiten. Manche Frauen haben deswegen Kinder mit Behinderungen bekommen. In einigen Fällen gibt es keine Sitzmöglichkeiten für die Arbeiterinnen und sie haben nicht einmal das Recht darauf, sich in Gewerkschaften zusammenzuschließen.
Und der Staat unterstützt diese Situation mit der Förderung der Agrarexportproduktion. Deswegen versuchen wir hier in Europa, interkontinentale Bündnisse zu bilden. In Schweden beispielsweise haben wir uns mit einer Gruppe getroffen, die zum Weinmonopol arbeitet.
Es gab durchaus Fortschritte. So haben Arbeiterinnen, die länger als drei Monate arbeiten, mittlerweile Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Würden Sie Anamuri als feministisch bezeichnen?
Anamuri ist Teil des World March of Women, und einige Organisationen, die in ihr vertreten sind, definieren sich feministisch. Nach außen hin also ja. Allerdings ist die Situation kompliziert. Innerhalb der indigenen Gemeinschaft bezeichnen sich Frauen zumeist nicht als feministisch, weil dies als gleichbedeutend mit der Trennung von den Männern angesehen wird. Der Diskurs erscheint vielen zu aufgedrängt. Aber es gibt eine Debatte darüber. Wir werden darüber ein Treffen abhalten und diskutieren, ob wir uns als feministisch bezeichnen und was das für uns bedeutet.

Infokasten:

MILLARAY PAINEMAL
ist Mapuche und Koordinatorin für indigene Fragen des Nationalen Verbandes ruraler und indigener Frauen Anamuri. Anamuri ist eine Nichtregierungsorganisation, die die Interessen ruraler und indigener Frauen vertritt und ist Mitglied in der Via Campesina.

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