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Die Stimme der Lencas

Es ist früher Morgen und die Täler zwischen den grün bewachsenen Bergen im südwestlichen Landkreis La Paz sind noch in Nebel gehüllt. Im leichten Regen marschieren circa 800 Menschen auf einer Schotterstraße, die meisten von ihnen Indigene. Ziel des Marsches ist die kleine Stadt San José. Der Ort der Demonstration mag verwundern, hier, wo es den Anschein hat, dass in unmittelbarer Nähe der Route nicht viele Menschen anzutreffen sind, die die Forderungen der Demonstration erreichen könnten: Weg mit den Staudämmen!
Zu der Demonstration hatte unter anderem der Rat der Volks- und Indigenenorganisationen von Honduras (COPINH) aufgerufen, der seit 1993 für die Rechte der indigenen Bevölkerung kämpft. Ein zentraler Punkt des Kampfes war von Anfang an die Verteidigung des kollektiven Landes und der natürlichen Gemeingüter wie der Flüsse und der Wälder. Dabei kann die Organisation auf einige Erfolge zurückblicken: Im Laufe der Jahre erkämpfte sie bereits über 20 Landtitel für die Gemeinden, verhinderte Staudämme und Minenprojekte und erreichte, dass die Holzindustrie mehr als 30 Projekte aufgeben musste.
Zum Widerstand haben die Indigenen in Honduras allen Grund, wie an der Situation der Lencas klar wird, die im Westen des Landes leben. Nicht nur dass die indigene Bevölkerung durch die fortschreitende Ausbeutung der Naturressourcen ihre Lebensgrundlage verliert. Auch ihre Sprache und große Teile ihrer Kultur haben die mehr als 100.000 in Honduras lebenden Lencas aufgrund der jahrhundertelangen Repression und des Anpassungsdrucks verloren. Durch basisdemokratische Organisierung und die Gründung indigener Räte in den Gemeinden versucht COPINH nun, Teile dieser Kultur zu erhalten und wiederzubeleben sowie die Situation der indigenen Kleinbauern und -bäuerinnen zu verbessern, die zum Großteil von Subsistenzwirtschaft leben.
In über 200 Dörfern ist COPINH mittlerweile aktiv, der Rat veranstaltet Workshops zu Indigenen- und Menschenrechten und verwirklicht verschiedene Bildungs- und Gesundheitsprojekte. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit ist der Aufbau von Frauen- und Jugendgruppen, mit denen er den patriarchalen Strukturen entgegenwirken will, die in den meisten indigenen Gemeinden vorherrschen. Denn diese Strukturen bedeuten für viele Frauen und Jugendliche, neben dem alltäglichen Rassismus der honduranischen Mehrheitsgesellschaft, eine weitere Form der Diskriminierung. Auch außerhalb der indigenen Regionen ist COPINH aktiv. So gelang es seinen AktivistInnen 1994 nach elftägiger Besetzung des nationalen Kongresses die honduranische Regierung zur Unterzeichnung des Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu bewegen, der bis heute einzigen internationalen Norm, welche indigenen Gemeinschaften rechtsverbindlichen Schutz und Anspruch auf eine Vielzahl von Grundrechten garantiert.
Indes bestehen diese Rechte nur auf dem Papier, wie Berta Cáceres, Koordinatorin von COPINH, hervorhebt: „Die Regierung ignoriert und verletzt das Übereinkommen 169 vollständig.“ So ist das Staudammprojekt in La Paz nur eines von vielen geplanten Projekten im Westen Honduras’, von denen indigene Gemeinden direkt betroffen sind. Ermöglicht wurden viele dieser Projekte durch das Allgemeine Wassergesetz, das der honduranische Kongress im August 2009, nur zwei Monate nach dem Putsch, verabschiedete. Das Gesetz erlaubt die Vergabe von Konzessionen für Flüsse, sprich deren Privatisierung. Bis heute vergab die Regierung 47 Konzessionen an InvestorInnen, mit denen diese Flussabschnitte über einen Zeitraum von 30 Jahren mieten.
Zwar sieht das ILO-Übereinkommen vor, dass die indigenen Gemeinschaften zu konsultieren sind, wann immer gesetzgeberische oder administrative Vorhaben deren Lebensraum unmittelbar betreffen. Doch das kümmert die Regierung nicht. In über 20 offenen Versammlungen haben die betroffenen Gemeinden jeweils ihre geschlossene Ablehnung gegenüber den Staudammprojekten erklärt, in allen Fällen hat die Regierung diese Entscheidung ignoriert. Stattdessen ist die Vergabe von bis zu 300 Konzessionen in Planung. „Ein Geschenk, das die Regierung nun an die finanziellen UnterstützerInnen des Putsches macht“, erklärt Cáceres. Der einflussreichen Unternehmerschaft in Honduras, welche ihre Profite durch die Politik Zelayas bedroht sah und die als Drahtzieher des Putsches gilt, winken nun riesige Gewinne durch Investitionen und die Teilhabe an den Megaprojekten. Hinzu kommt, dass viele der betroffenen Gemeinden gar nicht wissen, was genau auf ihrem Land geplant wird, denn laut AktivistInnen von COPINH ist es sehr schwierig, Einsicht in die abgeschlossenen Verträge zu bekommen.
Eine weitere Bedrohung stellt die Privatisierung der Wälder in der Region dar, welche eigentlich im kollektiven Besitz der Gemeinden sind. Durch das REDD-Programm (Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern) der Weltbank und der UN sehen internationale Firmen im Kauf und „Schutz“ von Wäldern die Chance ihre CO²-Bilanz aufzubessern; gleichzeitig wird den Indigenen, die sich jahrelang um den Waldbestand kümmerten, der Zutritt zu den Wäldern untersagt.
Dabei gab es während der Regierungszeit Manuel Zelayas Aussicht auf Besserung: Zelaya stoppte nach Gesprächen mit betroffenen Dörfern Staudammprojekte in der Region und befand sich in weiteren Verhandlungen mit COPINH. Zwar stand COPINH Zelaya stets kritisch gegenüber, befürwortete aber viele seiner Entscheidungen, zum Beispiel den Beitritt zu den interamerikanischen Wirtschaftsbündnissen Petrocaribe und Alba, die Venezuelas Staatschef Hugo Chávez initiierte. Die größten Hoffnungen verband COPINH aber mit Zelayas Idee einer Verfassunggebenden Versammlung, in welcher die Organisation die Möglichkeit einer Neugründung des Landes sah, die die Rechte der Indigenen stärkt. Schon vor dem Militärputsch im Juni 2009 hatte COPINH daher zu einer Versammlung mit 400 VertreterInnen der sozialen Bewegungen aufgerufen, um über neue politische Alternativen zu diskutieren. Andererseits sah COPINH schon früh die Gefahr eines Putsches, angesichts der Zugeständnisse, die Zelaya an die sozialen Bewegungen des Landes machte und warnte Zelaya mehrmals vor diesem Szenario. Vielleicht hätte der Putsch verhindert werden können, wenn Zelaya auf die Empfehlung von COPINH gehört hätte, die Militärs zu entmachten. Doch der damalige Präsident kam diesem Rat nur zögerlich und zu spät nach. Angesichts dieses Zauderns besetzten AktivistInnen von COPINH kurz vor dem Putsch das Innenministerium in Tegucigalpa und riefen die HonduranerInnen zu Wachsamkeit und weiterer Organisierung auf – ohne den Putsch schließlich verhindern zu können.
Aufgrund dieser Vorgeschichte und der Widerstandsaktionen, die COPINH direkt als Antwort auf den Putsch organisierte, stand die Organisation von Anfang an im Fadenkreuz der Putschisten. Eine der Maßnahmen der Putschregierung war die weitere Militarisierung der Regionen, in denen die meisten Indigenen leben, zum Beispiel das Grenzgebiet zu El Salvador. Verstärkt hat sich die Repression nochmals seit der Vergabe der Flusskonzessionen und den damit verbundenen ökonomischen Interessen. Die großen Medien, die überwiegend in der Hand der Putschisten sind, diffamieren COPINH zunehmend als terroristische Vereinigung. Die Radiosender der indigenen Gemeinden wie La Voz Lenca und Radio Guarajambala, die wichtige Kommunikationsmedien der Bewegung darstellen, sind ständigen Drohungen und Sabotageakten ausgesetzt. „Anonyme Anrufer drohten uns damit, dass sie uns die Zunge abschneiden und uns umbringen werden, wenn wir weiterhin über den Putsch sprechen“, berichtet Juan Vásquez, Koordinator der Radiosender. Anfang Januar kappten MitarbeiterInnen des privaten Stromversorgers Dienst für elektrische Messung in Honduras (SEMEH), die Stromzufuhr der Sendestation in La Esperanza und bedrohten mehrere MitarbeiterInnen des Radios. Teilhaber von SEMEH ist unter anderem Arturo Corrales Álvarez, der als ein Unterstützer des Putsches gilt.
Laut Berta Cáceres wurden bereits sieben AktivistInnen von COPINH ermordet. Im Mai 2010 töteten Unbekannte im Dorf Pueblo Viejo den Aktivisten Olayo Hernández Sorto durch drei Schüsse.
Trotz der Repression kämpft COPINH weiter für die Rechte der indigenen und marginalisierten Bevölkerungsteile und für eine radikale Neugründung des Landes von unten. So bleibt die Indigenenorganisation eine der zentralen Stützen der honduranischen Widerstandsbewegung, insbesondere durch die basisdemokratischen Impulse, die die AktivistInnen in die Bewegung einbringen. „Der Kampf geht weiter. Sehr viele Personen haben die Hoffnung mit einer neuen Verfassung die ungerechten Strukturen abzuschaffen“, betont der indigene Aktivist Francisco Lano, „Es ist kein leichter Kampf, es ist sehr schwer, aber es ist auch nicht unmöglich.“

Weitere Infos: www.copinh.org

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