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Die Suche nur vorgespielt

Wie sieht die Situation der Protestbewegung momentan aus?
Omar García: Wir suchen nun schon seit sieben Monaten vergeblich nach unseren Kameraden und Mitstudenten. Von der Regierung haben wir keine glaubhafte Erklärung für das Geschehene erhalten. Es ist furchtbar. Während der ersten Monate wollte uns die Regierung glauben machen, dass eine wirkliche Suche nach den Studenten stattfände. Es wurden Geld und andere Ressourcen für die Untersuchung bereitgestellt, die jedoch nie ernsthaft umgesetzt wurde. Stattdessen wurde die Suche nur vorgespielt. Mit am schlimmsten war der Umstand, dass von Anfang an nach Leichen gesucht wurde, man also davon ausging, die Studenten nicht mehr lebend zu finden. Für den mexikanischen Staat war klar, dass sie tot sein würden. Die Behörden schlossen ihre Untersuchung ab und kamen zum Schluss, dass die Studenten verbrannt worden seien. Sie sagten, wir sollten jetzt wieder nach Hause gehen. Es gibt aber noch immer keine Gerechtigkeit, keine Wahrheit und keine Konsequenzen für die Verantwortlichen. Kurz gesagt hat sich die Situation heute also praktisch überhaupt nicht verändert. Wir haben den Glauben an die mexikanische Regierung verloren.

Wenn Sie sagen, dass Sie den Glauben an die mexikanische Regierung verloren haben, wen meinen Sie damit genau? Die Stadt- oder die Bundesregierung oder das komplette politische System des Landes?
Román Hernández Rivas: Alle, den ganzen mexikanischen Staat. Die Regierung hat uns angelogen. Es existieren Beweise, dass die Studenten von der Regierung Igualas entführt wurden, Aufnahmen von Überwachungskameras sowie Zeugenaussagen belegen dies. Wir sprechen vom Verschwindenlassen von Menschen, woran die Regierung aktiv beteiligt war. Auch internationale Organisationen sind sich im Klaren darüber, dass der mexikanische Staat verantwortlich ist für das Geschehene.
Eleucadio Ortega: Was uns am meisten schmerzt sind die Lügen, mit denen wir von der Regierung verhöhnt werden. Was können wir tun? Zulassen, dass auch dieses Geschehen ungesühnt bleibt? Nein, wir werden nicht aufgeben.

Wie geht es nun weiter? Welche Pläne haben Sie auf lokaler und nationaler Ebene?
R.H.R.: Seit dem 26. September letzten Jahres wollen wir unsere Kameraden finden. In dieser Zeit hat sich eine Bewegung entwickelt, die das politische System als Ganzes kritisiert. Im kommenden Juni stehen in Mexiko Wahlen in verschiedenen Bundesstaaten und zum Abgeordnetenhaus an. Wir werden ann dem ganzen Prozess nicht teilnehmen, weil wir bereits erfahren haben, wie Politiker viele Versprechen abgeben, um damit auch bei uns auf Stimmenfang zu gehen, schließlich aber keines halten und weder Lösungen noch Antworten präsentieren. Es ist, als ob man während einer Totenwache zu einem Fest eingeladen würde. Deshalb wollen wir, dass im Bundesstaat Guerrero keine Wahlen stattfinden. Die Regierung erscheint nur, wenn sie wiedergewählt werden will. Sie kommen, umarmen uns sogar und bieten Geld an. Sind sie aber einmal gewählt und an der Macht, vergessen sie uns wieder.
O.G.: Wir werden weiter nach unseren Kameraden suchen. Und währenddessen versuchen wir, unser Land zu verändern. Es ist für uns unerlässlich, unsere Kameraden lebend wiedersehen zu können. Ebenso werden wir Garantien verlangen, damit sich so etwas nie mehr wiederholen wird. Wir können nicht zulassen, dass erneut einfach Menschen verschwinden und Verbrechen gegen die Menschheit begangen werden.
R.H.R.: Das grundlegende Problem dabei ist, dass wir diese Garantien nicht von jenen Institutionen verlangen können, die selbst massiv gegen die Menschenrechte verstoßen haben.

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Román Hernández Rivas vom Menschenrechtszentrum Tlachinollan ist Anwalt und arbeitet mit den Studenten aus Ayotzinapa sowie mit den Eltern der Verschwundenen. Seine Organisation hat die Überlebenden und Angehörgen von Anfang an untestützt. Omar García ist Überlebender des 26. Septembers 2014, als sechs Studenten aus Ayotzinapa ermordet wurden und 43 Studenten verschwanden. Eleucadio Ortega ist der Vater einer der 43 Verschwundenen von Ayotzinapa. Foto: Julio Alcántara

Glauben Sie, die mexikanische Gesellschaft verändert sich? Welche Rückmeldungen bekommen Sie denn aus der Zivilgesellschaft?
E.O.: Ja, viele Leute sind interessiert und unterstützen unsere Bewegung. Auf der anderen Seite ist uns auch die Schwierigkeit dieses Kampfes bewusst geworden. Es hat ein beträchtliches politisches Erwachen stattgefunden. Nach diesem 26. September wird Mexiko nie mehr wie zuvor sein. Heute ist mehr Bewusstsein vorhanden.
O.G.: Klar wollten die Medien unsere Bewegung kleinreden und diskreditieren. Sie sagten, wir hätten bereits Geld von der Regierung angenommen, oder woher wir sonst die Mittel hätten, nach Europa zu reisen, beispielsweise als Anfang Februar die Eltern einiger Verschwundener nach Genf reisten. Das UN-Komitee gegen Gewaltsames Verschwindenlassen sowie der Sonderberichterstatter Juan Méndez erließen eine Resolution, in der darlegen, dass der mexikanische Staat Personen verschwinden lässt und Folter als Ermittlungsmethode anwendet. Diese Aussagen wurden dann von Regierung, Kirche und Medien unisono sofort vehement bestritten.
R.H.R.: Dadurch bestätigen die Mächtigen in Politik, Wirtschaft und in den Medien ihre Haltung, nichts ändern zu wollen. Und gleichzeitig manipulieren sie mit solchen Aussagen weiterhin das mexikanische Volk, erkaufen sich die Gunst anderer Organisationen und schwächen so unsere Bewegung. Was wir momentan erleben, ist nichts anderes als eine Kampagne sozialer Mäßigung und die Verbreitung von Lügen. Bereits seit dem Amtsantritt von Präsident Peña Nieto versucht die Regieung, eine internationale Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte im Land zu vermeiden. Das hat autoritäre Züge.

Was erwarten Sie von Ihrem Europabesuch?
O.G.: Wir wollen vor allem unsere Anliegen unter die Leute bringen. Damit sie wissen, was für Gräueltaten der mexikanische Staat begeht, obwohl er mit vielen Ländern der Europäischen Union politische und wirtschaftliche Abkommen unterhält. Ausgerechnet aus Deutschland werden Waffen geliefert, mit denen dann solche Grausamkeiten angerichtet werden (siehe S. 3 dieser Ausgabe; Anm. d. Red.). Die internationalen Verträge über den Waffenhandel und die Menschenrechte werden weltweit nicht eingehalten, das ist also nicht ein rein mexikanisches Problem. Seit Dezember 2011 ist dokumentiert, dass deutsche Waffen gegen die mexikanische Zivilbevölkerung eingesetzt wurden, was einem schwerwiegenden Verbrechen gegen die Menschenrechte gleichkommt. Uns ist weder bekannt, ob dieser Waffenhandel mittlerweile gestoppt wurde, noch, was für Maßnahmen der deutsche Staat zu treffen gedenkt, damit solche Lieferungen in Zukunft verhindert werden können.
R.H.R.: Die Zivilgesellschaften jedes Landes müssen von ihren Regierungen verlangen, dass die Menschenrechte respektiert werden. Auch Investoren sollen diesbezügliche Garantien fordern, bevor sie Geld in Projekte in fremden Ländern stecken.
E.O.: Zudem haben sich viele Exil-Mexikaner und auch andere Menschen in Europa unserem Kampf angeschlossen. Für uns sind diese Unterstützung und die Empathie, die wir dabei erfahren haben, eine große Motivation. Die internationalen Organisationen der Zivilgesellschaft ergänzen die Bemühungen, die wir von Mexiko aus anstrengen. Wir kommen auch, um sie persönlich kennenzulernen und uns zu bedanken. Denn unser Kampf, der geht weiter.

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