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Die zehnte Muse im 21. Jahrhundert

Den Anfang für die neue Kulturrubrik macht die „älteste“ Autorin unserer Liste lateinamerikanischer Literaturklassiker: die mexikanische Nonne Sor Juana Inés de la Cruz, erste bekannte Lyrikerin Amerikas, Zeitgenossin des 17. Jahrhunderts und somit des Vizekönigreichs Neuspanien. Auch bekannt unter den Namen „Der Phönix von Amerika“ und „Die zehnte Muse von Mexiko“, in Anlehnung an die antike griechische Dichterin Sappho, gilt sie seit Jahrzehnten als die wichtigste Wegbereiterin einer eigenständigen, lateinamerikanischen Lyrik. Obwohl stilistisch noch stark an ihren barocken spanischen Vorbildern orientiert, werden im Werk Sor Juanas bereits erste Aspekte einer lateinamerikanischen Philosophie sichtbar, die sich von europäischen Strömungen zumindest teilweise bereits losgelöst hatte. So war sie zwar Tochter von Eltern spanischer Herkunft, jedoch in Amerika aufgewachsen und geboren und so von Beginn an von einer spezifisch amerikanischen Lebenswelt umgeben, die sich in der Wirklichkeit all ihrer Werke widerspiegelt. Diese wiederum werden seit dem 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert ihrer erstmaligen Wiederentdeckung durch die Literaturwissenschaft, als textliche Vorboten einer zwiespältigen und widersprüchlichen Moderne angesehen, die Lateinamerika einige Jahrhunderte nach Sor Juanas Zeit wie ein Güterzug überrollen sollte.
Sie ist es auch, die von allen kolonialzeitlichen Schriftsteller*innen in Lateinamerika am meisten Einfluss auf moderne Lyriker wie Jorge Cuesta und Octavio Paz ausübte. Letzterer beschäftigte sich auch als Kritiker mit den Werken Sor Juanas und erkannte in diesen einen frühneuzeitlichen feministischen Drang, der ihr schon zu Lebzeiten Konflikte mit den mexikanischen Autoritäten, allen voran dem Erzbischof Neuspaniens einbrachte. Für Sor Juana stand die totale Befreiung der Frau, ihr Recht auf Kultur und Bildung, über allen religiösen und geschlechternormativen Richtlinien der Zeit. Auf diese Weise, so Paz, breche sie vollständig mit dem vorherrschenden Kanon weiblicher Literatur, auch da sie sich religiösen und erkenntnisorientierten Themen mit einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Sprachlichkeit annähere, die zu der Zeit ausschließlich männlichen Autoren vorbehalten war.
In Fachkreisen ist Sor Juana eine der am meisten besprochenen Lyrikerinnen des Kontinents, dies gilt auch für den deutschsprachigen Raum. Über akademische Kreise hinaus ist sie jedoch hierzulande nie wirklich bekannt geworden. Die geläufigste Übersetzung ihres zwischen 1685 und 1690 verfassten Hauptwerkes, Primero Sueño (dt. Erster Traum), stammt aus dem Jahr 1992 und wurde seither nicht neu aufgelegt. Das mag daran liegen, dass die am spanischen Dichter Luis de Góngora orientierte, extrem verschachtelte und metaphernüberladene barocke Lyrik Sor Juanas auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Lesevergnügen darstellt. Abgesehen davon, sind aus dem 17. Jahrhundert stammende Texte heutzutage meist keine Bestseller mehr. Dennoch lohnt es sich auch im 21. Jahrhundert noch einen Blick auf den Traum zu werfen. Den beiden Herausgebern und Übersetzern der im Verlag Neue Kritik erschienenen Ausgabe von 1992, Alberto Perez-Amador und Stephan Nowotnick, ist eine recht originalgetreue und gut lesbare Lyrikübersetzung geglückt, die, wenn auch natürlich nicht der sprachlichen Finesse Sor Juanas, zumindest Themen, Tonus und Stimmung des Originaltextes gerecht werden. Diese Themen – die Kreation eines eigenen, erträumten Universums, der Traum von einer offenbarungsgleichen Erkenntnis und gleichzeitig das Wissen um die Unmöglichkeit einer solchen – sind heute noch genau so aktuell wie vor 300 Jahren.
975 Verse führen durch ein wohlstrukturiertes Labyrinth aus verschwommenen Traumszenen, naturgewaltigen Bildern und Wunschlandschaften der vom Körper getrennten Seele, die am Ende die schmerzhafte Erfahrung macht, das absolut Nichts mit Sicherheit gewusst werden kann.
Auch wenn das Fachjargon Sor Juanas genügend Stoff für einen umfangreichen Einzelband voller Fußnoten geben würde, können die Leser*innen trotz einzelner schwer verständlicher Passagen mühelos in den Text hinein finden. Die Kernfragen des Gedichtes erschließen sich nämlich auch ohne weitreichende Kenntnisse von Astronomie und antiken Gottheiten und scheinen deutlich zwischen den Zeilen durch: Wie kann ich mich (vor allem als Frau, als die sich das lyrische Ich im letzten Teil des Gedichtes preisgibt) in diesem Universum verorten? Wer bin ich und was weiß ich? Bis zu welchem Punkt kann ich meinem Drang nach Erkenntnis und Gewissheit folgen, ohne enttäuscht zu werden oder gar den Verstand zu verlieren? Die Antwort auf diese Fragen kannte natürlich auch Sor Juana nicht. Aber sie führt uns so gekonnt durch die Wirrungen ihrer und unserer Traumwelten, dass man als Leser*in das Gefühl nicht loswird, das irgendetwas klarer geworden ist. Auch wenn Ort und Zeitpunkt dieser Einsicht über die Natur von Erkenntnis nicht genau zu benennen sind.
So beweist Sor Juana – und ebenso tun es Perez-Amador und Nowotnick in der deutschen Übersetzung – dass Barocklyrik nicht unlesbar und schwierig und ihre Bedeutung nicht zwangsweise auf vergangene Jahrhunderte beschränkt sein muss. Nicht zuletzt weil es sich eben um keine mystische, spirituelle, sondern um eine intellektuelle und praxisorientierte Suche nach Erkenntnis handelt. Im Gegenteil: wer sich einmal darauf einlässt, die 975 Verse ohne Zuhilfenahme von Fußnoten, Lexika und Sekundärliteratur am Stück durchzulesen, wird vielleicht merken, dass es sich um ein zeitloses Gedicht handelt. Eines, das die Macht besitzt, einen fremden Traum so lebendig erscheinen zu lassen, als sei es der eigene.

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