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Ein ambivalentes Verhältnis

Chile im Jahr 1974: Kardinal Silva Henríquez, Erzbischof von Santiago, verweigert der Militärregierung einen Dankgottesdienst zum „Jahrestag der Regierungsübernahme“ – also des Putsches vom 11. September 1973. Der Diktator ist brüskiert, da seine an „christlichen Werten“ orientierte Regierung nicht auf die verdiente Rückendeckung der katholischen Kirche zählen kann. Er erhält aber religiöse Unterstützung von einigen Pfingstkirchen: Am 14. Dezember 1974 wird das erste protestantische „Te Deum“ abgehalten – ein Dankgottesdienst zu Ehren der Militärjunta und Pinochets. Die Unterstützung durch die zahlenmäßig damals noch unbedeutende Pfingstkirche kann einen Legitimitätsverlust durch die Kritik der katholischen Kirche zwar nicht ausgleichen. Dennoch dient sie als „Beleg“ für die christlichen Werte der Militärregierung.
Argentinien im Jahr 1976: Der in Menschenrechtsfragen engagierte Bischof Enrique Angelelli kommt bei einem fingierten Verkehrsunfall ums Leben. Zwar deutet alles auf ein Attentat hin, doch die Urheber bleiben im Dunkeln. Zuvor hatte sich in Angelellis Bistum eine sehr volksnahe Kirche entwickelt, die zum Ziel militärischer Repression geworden war: Hunderte von Laien wurden verfolgt, Ordensfrauen inhaftiert. Kurz nachdem Angelelli den Mord an zwei seiner Priester angezeigt und öffentlich gemacht hatte, ereignet sich der „Unfall“. Selbst nach diesem Vorfall distanziert sich die katholische Kirchenführung Argentiniens nicht vom Regime, das sich 1976 an die Macht geputscht hatte. Die Mehrheit der Bischöfe Argentiniens schwieg während der gesamten Zeit der Militärdiktatur zu deren massiven Menschenrechtsverletzungen; einige unterstützten das Regime ausdrücklich.
El Salvador im Jahr 1977: Am 12. März wird Pater Rutilio Grande SJ, Pfarrer von Aguilares, heimtückisch erschossen. Der befreiungstheologisch inspirierte Jesuit hatte sich für die Verbesserung der Lebenssituation von LandarbeiterInnen sowie Kleinbauern und -bäuerinnen stark gemacht. Oscar Romero, damals Erzbischof der Hauptstadt San Salvador und dem Ermordeten freundschaftlich verbunden, fordert die Aufklärung des Attentats. In einem Brief an Staatspräsident Arturo Armando Molina teilt er mit, dass er solange an keinen offiziellen Feierlichkeiten teilnehmen werde, bis der Fall aufgeklärt sei. Im Sommer 1977 nimmt Erzbischof Romero dann scharfe Kritik in Kauf, als er der Amtseinführung von Molinas Nachfolger, General Carlos Humberto Romero, aus Protest fern bleibt, da dieser durch massiven Wahlbetrug an die Macht gekommen war.
Die genannten Beispiele zeigen die Ambivalenz, die der katholischen Kirche im Hinblick auf politische Macht und deren Legitimation zukommen. In Lateinamerika ist die Bedeutung von Religion besonders ausgeprägt: Die Zahl der Konfessionslosen ist sehr gering. Bei Umfragen ist die Kirche stets die Institution, der die höchsten Vertrauenswerte zufallen – nur die Feuerwehr schneidet in einzelnen Ländern besser ab. Auch im weltweiten Vergleich bestätigt sich diese Beobachtung. Der „Religionsmonitor“, eine breit angelegte Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zur gesellschaftlichen Bedeutung von Religion, berücksichtigte in seiner jüngsten Erhebung aus dem Jahr 2008 Guatemala und Brasilien. Nach Nigeria haben diese beiden Länder den höchsten Anteil an sogenannten (Hoch-)Religiösen weltweit. Als „Hochreligiöse“ bezeichnet die Studie jene, bei denen „religiöse Inhalte eine zentrale Rolle in der Persönlichkeit“ spielen; bei „Religiösen“ kommen religiöse Inhalte und Praktiken vor, spielen jedoch eine untergeordnete Rolle. Gemäß diesen Definitionen gelten in Brasilien 72 Prozent der Bevölkerung als „hochreligiös“ und 24 Prozent als „religiös“, in Guatemala sind es 76 beziehungsweise 20 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland gelten 18 Prozent der Bevölkerung als „hochreligiös“ und 52 Prozent als „religiös“.
Um die große Bedeutung von Religion und die besondere Rolle der katholischen Kirche in Lateinamerika besser zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte: Von Anfang an gingen Conquista und Missionierung Hand in Hand. Die Mission – oft als „geistige Conquista“ bezeichnet – diente nicht nur der Unterwerfung der Indígenas und der Herrschaftssicherung, sie hatte auch eine legitimierende und „sinnstiftende“ Funktion: Es ging um die „Rettung der Seelen“.
Die spanische Krone hatte sich von Papst Alexander VI. die Besitzrechte an den entdeckten Territorien sichern lassen und sich damit zugleich verpflichtet, die Indigenen zum Christentum zu bekehren. Die Königshäuser Spaniens und Portugals erhielten das sogenannte Patronatsrecht – eine Art Schutzherrschaft über die Kirchen in der Neuen Welt: Dies beinhaltete unter anderem das Recht auf Errichtung von Bistümern, Ernennung von Bischöfen sowie Auswahl und Aussendung des Missionspersonals. So entstand eine äußerst enge Verbindung von Krone und Kirche beziehungsweise von Politik und Religion. Dabei waren die Träger der Mission zum einen Orden wie die Dominikaner, Franziskaner oder Jesuiten und zum anderen die SiedlerInnen selbst, die im Rahmen des encomienda-Wesens zur Mission verpflichtet waren. Die auf ihren Besitzungen lebenden Indígenas wurden den Siedlern „anvertraut“ (encomendar bedeutet „anvertrauen“). Während die Indígenas zu Arbeitsdiensten und Abgaben verpflichtet waren, oblag den Grundherren die Christianisierung der Untergebenen. Religion diente dazu, Ausbeutung und Abhängigkeitsverhältnisse zu legitimieren.
Doch bereits damals gab es eine religiös begründete Herrschaftskritik: Eine herausragende Figur war hier Bartolomé de las Casas (1484 bis 1566), der selbst encomendero gewesen war. Später gab er seine Besitzungen auf und versuchte von der spanischen Krone Schutzgesetze sowie Reservate für Indigene zu erwirken, zu denen außer den Missionaren keine Weißen Zutritt haben sollten.Das Wirken dieser herrschaftskritischen Missionare zeigte gewisse Erfolge: 1537 schrieb Papst Paul III. die Menschenwürde und Menschenrechte der Indigenen fest und erklärte die friedliche Evangelisierung zur einzig angemessenen Art der christlichen Mission. 1542 schaffte König Karl V. das encomienda-Wesen in den meisten Regionen Lateinamerikas ab und untersagte die Versklavung der Indigenen. Auch wenn auf Druck der Kolonialgesellschaft wichtige Bestimmungen später wieder zurückgenommen wurden, galt fortan eine Strategie der Trennung: Zumindest jene Regionen, in die die Conquistadores noch nicht vorgedrungen waren, sollten nicht mehr militärisch erobert, sondern durch das Wirken der Missionare zum Christentum geführt und dem spanischen Weltreich angegliedert werden. Zwar ist aus heutiger Sicht die Indienstnahme der Religion für kolonialpolitische Ziele sehr kritisch zu sehen, dennoch bedeutete dieser Schritt damals eine deutliche Verbesserung der Situation der Indigenen – auch wenn durch die Missionierung ihre ursprünglichen Religionen zurückgedrängt wurden.
Einen fundamentalen Einschnitt in der Beziehung von Kirche und Staat stellte die Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Provinzen von Spanien dar. Der Kirche, vormals integraler Bestandteil des Kolonialsystems, fehlte der Ansprechpartner. Die neuen Staaten reklamierten jenen weltlichen Einfluss nun für sich, den zuvor das Patronatsrecht der Krone zugebilligt hatte. Das führte besonders in Ländern mit einem starken liberalen Flügel zu erheblichen Spannungen. Liberalismus war in Lateinamerika gleichbedeutend mit Antiklerikalismus. Aus Sicht der Liberalen symbolisierte die Kirche die Rückständigkeit der Gesellschaft.
So kam es, dass sich das Verhältnis von Kirche und Staat in den einzelnen Ländern unterschiedlich entwickelte. In Uruguay beispielsweise, das heute am wenigsten katholische Land Südamerikas, waren im 19. und 20. Jahrhundert die liberalen Kräfte besonders stark. Die Religion wurde in den Bereich des Privaten verlagert. Die so in die Enge getriebene Kirche zog sich in eine katholische Eigenwelt zurück. Sie konnte kaum mehr als politische oder gesellschaftliche Kraft auftreten. So kommt es, dass man in Uruguay christliche Feiertage wie Weihnachten, Heilige drei Könige oder Ostern vergebens in den offiziellen Kalendern sucht. Stattdessen finden sich dort Bezeichnungen wie „Familientag“ für den 24. Dezember, „Tag der Kinder“ für den 6. Januar und die Karwoche vor Ostern heißt „Semana de Turismo”.
Als anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II. in der Botschaft Uruguays beim Heiligen Stuhl ein Gottesdienst gefeiert wurde, an dem auch die Präsidentengattin teilnahm, wurde dies in Uruguay öffentlich sehr kontrovers diskutiert. Was in anderen Ländern Lateinamerikas selbstverständlich wäre, provoziert in Uruguay Protest und zeigt einmal mehr, wie sehr der laizistische Charakter zum Selbstkonzept der uruguayischen Gesellschaft gehört.
Ganz anders sieht es im Nachbarland Argentinien aus. In der nación católica spielt die Kirche eine zentrale politische und gesellschaftliche Rolle. Der Katholizismus ist eine Quelle der nationalen und kulturellen Identität. Noch bis zur Verfassungsreform von 1994 musste der Staatspräsident katholisch sein. Über Jahre hinweg hat die katholische Kirche durch ihre Kanäle öffentliche und politische Debatten, wie beispielsweise um Empfängnisverhütung, maßgeblich mitgeprägt.
Zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich das Staat-Kirche-Verhältnis in den lateinamerikanischen Nationen, das wesentlich durch die Konflikte des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt wurde. In allen Fällen aber führte die Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Staaten zu einer engeren Anbindung der Kirche an den Vatikan. Man versprach sich in diesen unsicheren, bewegten und zum Teil feindlichen Zeiten Orientierung und Unterstützung vom Papst. Gleichzeitig versuchte die Kirche angesichts der Herausforderungen des Liberalismus aber auch, die Gläubigen stärker an sich zu binden. In dieser Zeit entstanden so zahlreiche kirchliche Vereine und Gruppierungen der „Katholischen Aktion“, die zur „Verchristlichung“ der jeweiligen Lebenswelten beitragen sollten.
Nach den Herausforderungen, die durch die Unabhängigkeit von Spanien für die Kirche entstanden, markieren die politischen Ereignisse der 1960er und 1970er Jahre den nächsten entscheidenden Einschnitt für die Positionierung der katholischen Kirche Lateinamerikas gegenüber der politischen Macht. In dieser Zeit putschten sich in zahlreichen Ländern des Subkontinents Militärjuntas an die Macht. Vielerorts wurden Andersdenkende verfolgt, darunter viele engagierte Christinnen und Christen. Die Kirche musste ihr Verhältnis zu den Staaten neu bestimmen. Dabei hing die Haltung der kirchlichen Hierarchie vor allem von prägenden Einzelpersönlichkeiten und von der traditionellen Rolle der Kirche in den jeweiligen Ländern ab.
In Chile hatte 1925 eine Trennung von Kirche und Staat stattgefunden. Die Kirche jedoch hatte als unabhängige Instanz die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Land weiter beobachtet und begleitet. Diese Konstellation ermöglichte ihr eine kritische Haltung gegenüber dem Pinochet-Regime. Die Bischöfe Chiles kritisierten das Militärregime öffentlich. Das von Raúl Silva Henríquez, Erzbischof von Santiago, eingerichtete Solidaritätsvikariat unterstützte Menschen, die von der Militärregierung verfolgt wurden: Tausende Verfolgte wurden außer Landes geschleust, Inhaftierten und ihren Angehörigen Rechtsbeistand geleistet, Menschenrechtsverletzungen untersucht und dokumentiert. In den 1980er Jahren konnte sich so im Schutz der Kirche die verfolgte parteipolitische Opposition neu formieren – nach zähen Verhandlungen mit den Militärs gelang 1989 die Rückkehr zur Demokratie.
In Argentinien hingegen war die Position der Kirche gegenüber dem zivil-militärischen Regime eine komplett andere: Hier war die Kirche sehr eng mit der politischen Macht verwoben und distanzierte sich nicht von der Militärjunta. Abgesehen von den Äußerungen einzelner Bischöfe, schwieg die Mehrheit des Episkopats zu den massiven Menschenrechtsverletzungen. Der Apostolische Nuntius Pio Langhi war gut mit Admiral Massera, einem Mitglied der Junta, befreundet, spielte mit ihm Tennis, traute seine Kinder und taufte seine Enkel. In den Gefängnissen und Haftzentren waren sogar Priester bei Folterungen anwesend und beruhigten das Gewissen der Soldaten.
Nach dem Ende der Diktaturen war die Kirche in vielen Ländern in der Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen engagiert: Bischöfe waren Mitglieder staatlicher Wahrheitskommissionen und kirchliche Menschenrechtsbüros leisteten wichtige Beiträge bei der Begleitung der Opfer oder der Aufarbeitung der Verbrechen.
Heutzutage ist die katholische Kirche weiterhin der größte und bestorganisierte zivilgesellschaftliche Akteur in Lateinamerika und der Karibik: Im Jahr 2000 zählte sie hier rund 440 Millionen Mitglieder, über 1.100 Bischöfe, 63.000 Priester und 130.000 Ordensleute. Dazu kommen knapp 30.000 Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft wie Krankenhäuser, Gesundheitszentren oder Kindergärten, zahllose Schulen und Universitäten, Pfarreien, Vereine und Verbände, Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen. Besonders in strukturschwachen Regionen vieler Länder übernimmt die Kirche heute Aufgaben, denen der Staat aus verschiedenen Gründen nicht nachkommt.
Ihre institutionelle Stärke nutzt die Kirche, um auf Politik und Gesellschaft einzuwirken. Auch wenn sich in Lateinamerika (formal) demokratische Systeme durchgesetzt haben und sich der Subkontinent makroökonomisch gut entwickelt, bestehen massive politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme wie Armut und Exklusion, Gewalt und mangelhafte Rechtsstaatlichkeit, Verletzungen der Menschen- und Bürgerrechte, fort. Vielerorts melden sich beispielsweise Bischöfe, die weithin als moralische Autoritäten angesehen werden, gegen Korruption und polizeiliche Gewalt zu Wort.
Und auch der Umweltschutz ist ein wichtiges Themenfeld der Kirche geworden: Im Norden Perus dauern die Konflikte um die Erschließung neuer Kupferminen durch ein internationales Bergbauunternehmen an. Die Kirche stellte sich hier auf die Seite der betroffenen Bevölkerung, die von Minengesellschaft und Regierung massiv eingeschüchtert wurde. Bischof Daniel Turley erhielt bereits mehrere Todesdrohungen. Ähnlich in Brasilien: Im Jahr 2005 wurde in Amazonien die Ordensfrau Dorothy Stang ermordet, die sich dort gegen den illegalen Holzeinschlag eingesetzt hatte, der von HolzfabrikantInnen und GroßgrundbesitzerInnen systematisch betrieben wird.
In den vergangenen Jahren ist jedoch auch ein Erstarken konservativer Strömungen innerhalb des Katholizismus in Lateinamerika festzustellen. Neben konservativen Bischöfen zählen vor allem Gruppierungen wie das Opus Dei, das Sodalitium Christianae Vitae oder die Legionäre Christi. Diese konservativen Strömungen verfügen oftmals über besonders gute Einflussmöglichkeiten und Kontakte zu den politischen EntscheidungsträgerInnen: So gelang es der Kirche beispielsweise in Chile bis zum Jahr 2004 eine rechtliche Regelung der Ehescheidung zu verhindern. Ebenso blockierte die Kirche in verschiedenen Ländern die Einführung von Sexualkunde-Unterricht in Schulen. In Nicaragua wurde auf Druck der Kirche kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2006 ein totales Abtreibungsverbot durchgesetzt (siehe hierzu auch den Artikel von Andrés Pérez Baltodano in diesem Dossier). Diese konservativen Strömungen unterstreichen in besonderer Weise die Bedeutung des päpstlichen Primats und dessen Lehrautorität sowie der einheitlichen Ausrichtung der Weltkirche an Rom. Hinsichtlich der Moral und Ethik betonen sie individualethische Aspekte und die Notwendigkeit zur persönlichen Umkehr. Sozialpastorales Engagement wird so zur Hilfe aus Barmherzigkeit und ist nicht auf die Notwendigkeit gerechterer Strukturen und das empowerment der armen Bevölkerungsschichten ausgerichtet. Besonders in Ländern mit starker befreiungskirchlicher Tradition, wie Brasilien, Peru, El Salvador oder Mexiko, treten deshalb innerkirchliche Spannungen besonders zu Tage.
Doch diese stellen nicht die einzige Herausforderung für die katholische Kirche Lateinamerikas dar: Den grundlegendsten Wandel der religiösen Situation Lateinamerikas seit der Missionierung stellt der Aufstieg der Pfingstbewegung dar. Erstmals befindet sich die katholische Kirche in einer Konkurrenzsituation. Schon heute kann man davon ausgehen, dass auf dem „katholischen Kontinent“ an einem durchschnittlichen Sonntag mehr Mitglieder von Pfingstkirchen als KatholikInnen in den Gotteshäusern sitzen.
Die Pfingstkirchen stellen in sich eine heterogene Bewegung dar: Das Spektrum reicht von jenen, die sich der sozialen Problematik stellen und befreiungstheologische Impulse kreativ aufnehmen und fortschreiben, über biblizistisch-fundamentalistische Kirchen bis hin zu erfolgs- und profitorientierten Mega-Churches (siehe auch den Artikel von Adrián Tovar und Jens Köhrsen in diesem Dossier).
Diese religiöse Pluralisierung birgt Herausforderungen für Gesellschaft und Kirche und wirft auch die Frage nach einem angemessenen Umgang mit christlich-fundamentalistischen Strömungen auf: Wie geht eine Gesellschaft mit religiösen Gruppen um, die ihr eigenes religiöses Werte- und Regelsystem absolut setzen und durch (kirchen-) politische Einflussnahme versuchen, diesen Ansichten eine möglichst allgemeine Verbindlichkeit zu verschaffen? Wie reagieren Kirchen auf polarisierende Gruppen in ihrem Inneren? Was bieten die neuen religiösen, zum Teil fundamentalistischen Bewegungen innerhalb wie außerhalb des Katholizismus, was die Gläubigen bei der katholischen Kirche nicht finden?
Egal wie die Antworten lauten mögen, die katholische Kirche wird in Lateinamerika einer der zentralen religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteure bleiben. Dafür sprechen zumindest ihre historische Rolle sowie ihre strukturelle Stärke. Zudem haben die Veränderungen des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat in den vergangenen Jahrzehnten der katholischen Kirche in vielen Ländern zu mehr Unabhängigkeit verholfen. Regierungen legitimieren sich nicht mehr religiös, sondern durch demokratische Verfahren und Politikerfolge. Diese Unabhängigkeit, die oft mit einer Abnahme direkter Einflussmöglichkeiten einhergeht, bietet durchaus Chancen für die Kirche. Sie kann als kritische Beobachterin der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung auftreten. Statt über institutionalisierte Kanäle Einfluss zu nehmen oder mit der Autorität eines religiösen Hegemons aufzutreten, muss sie heute durch Argumente überzeugen.

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