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Eine Oase des Grauens

Es gibt sie zuhauf, diese „Kritiker-Bücher“ des Literaturbetriebs: in den Feuilletons hinaufgelobt, doch nur von wenigen gelesen. Aus welchen Gründen auch immer sich die Kritik da schon vertan haben mag – bei Roberto Bolaños 2666 darf sich dieses Schicksal einfach nicht wiederholen.
Was macht die Qualität dieses Romans aus, dessen knapp 1100 Seiten einen in Verwirrung stürzen mit seiner nicht mehr fassbaren Fülle an Namen, Geschichten, Episoden – und den man am Ende doch mit großer Traurigkeit aus der Hand legt, weil man aus dieser Romanwelt wieder auftauchen muss?
Es kann nicht daran liegen, dass der Stoff angenehm wäre, ganz im Gegenteil. Im Mittelpunkt steht die (in Wirklichkeit und im Roman) seit 1993 andauernde Serie von mehreren hundert Morden an Frauen in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juárez. Auf den 340 Seiten, die allein dieses vierte Kapitel ausmacht, konfrontiert uns Bolaño mit so unermesslichem Leid, dass man eher weiterliest, um mit dem Schmerz zurechtzukommen, als um das Lesevergnügen zu verlängern.
Aber auch die anderen Kapitel sind im Grunde genommen nicht spaßig. Literaturwissenschaftlich geprägte Seelen finden zwar sicherlich einiges Vergnügen am ersten Teil, in dem sich drei Germanisten und eine Germanistin auf die Suche nach ihrem Spezialgebiet, dem inkognito lebenden deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi, machen, welche sie nach Santa Teresa (wie Ciudad Juárez im Roman heißt) führt. In der trostlosen Umgebung, und plötzlich den Nachrichten von den ermordeten Frauen ausgesetzt, ist der Charme jedoch schnell verflogen. Auch der zweite und dritte Teil, in dem von den verschlungenen Lebenswegen zweier Männer erzählt wird, führt auf die Mordserie in Santa Teresa hin.
Der fünfte Teil schließlich ist die Lebensgeschichte jenes im ersten Teil gesuchten Benno von Archimboldi, eines deutschen Jungen Jahrgang 1920, der als Soldat am Weltkrieg teilnimmt und zwischen Beteiligung und Verweigerung, zwischen Schuld und Sühne einen Weg zu finden versucht. Der Weg führt auch ihn buchstäblich im letzten Satz des Romans nach Santa Teresa.
Selbstverständlich entwickelt das Buch einen Sog dadurch, dass man wissen will, wie all diese angefangenen Geschichten zusammenpassen. Dass dies am Ende weniger aufgelöst ist als erhofft, trägt seinen Teil bei zu dem Wunsch, es müsse doch noch weitergehen. (Roberto Bolaño hat den fünften Teil des Romans bekanntlich nicht abschließen können, er starb 2003, mit nur fünfzig Jahren, an einer schweren Krankheit. Allerdings ist der letzte Satz „… und flog am nächsten Morgen nach Mexiko“ so bezeichnend für das ganze Buch, dass er vielleicht auch in der abgeschlossenen Fassung der letzte geblieben wäre.)
Ausschlaggebend für die Wucht und die Überzeugungskraft dieses Romans sind jedoch drei andere Gründe. Da ist zuerst und vor allem der umwerfende Umgang mit dem Kernthema, den Frauenmorden. Bolaño erzählt im vierten Teil von jeder einzelnen der zwischen zehn und vierzig Jahre alten Frauen auf ganz kühle, berichtende Art – wo hat man sie gefunden, was hatte sie an, welche Verletzungen wies sie auf, was weiß man über ihren Hintergrund , was über den Mord, wohin führten die Untersuchungen. Die nüchterne Sprache verbirgt das Grauen und bringt es zugleich deutlicher hervor, als das dramatisierende Adjektive je gekonnt hätten. Denn die Gefühle, die wir angesichts dieser auf Müllhalden geworfenen, dem öffentlichen – auch vulgären – Blick ausgestellten Leichen haben, die Wut angesichts der Schlampigkeit in den Behörden und der grassierenden Straflosigkeit, das Entsetzen über die brutalen Vergewaltigungen – all das wird uns nicht vorausgenommen, sondern wir sind sozusagen dabei, werden mit hingestellt auf die Müllhalde, in die Gerichtsmedizin, ins Verhör. Und es hört nicht auf, es macht einen wund.
Nach und nach tauchen zwischen diesen Berichten andere Geschichten auf, wie die Nachforschungen des hauptstädtischen Journalisten Sergio González, der anfängt sich mit den Frauenmorden zu beschäftigen (das ist eine reale Figur: González war mit Bolaño befreundet und seine Reportage „Huesos en el desierto“ von 2002 zählt zu den bekanntesten Studien zum Thema). In shortcuts-Technik nehmen diese Handlungen immer mehr Platz ein. Einen vermeintlichen Hauptverdächtigen hat man sogar hinter Gitter gebracht, und es macht sich ein wenig Hoffnung breit, dass sich das Grauen nicht endlos fortsetzt.
Wenn nun aber dazwischen wieder einer dieser Leichenfundberichte erscheint, ist es, als würde an eine Verletzung gerührt – sofort ist alles wieder da, was man gerade einen Moment vergessen hatte. Ist nicht genau das die Wirklichkeit, mit der wir als sensible Zeitgenossen leben müssen: über die unfassbarsten Grausamkeiten informiert zu sein, zugleich aber der Tatsache bewusst, dass im Verborgenen, im Nicht-Bezeugten noch viel mehr geschehen ist und dass es trotz kleiner Erfolge bei der Aufklärung ein erdrückendes Übergewicht der nicht verfolgten, nicht aufgeklärten Verbrechen gibt? Und dass das alles weitergeht?
Die Faszination dieses Textes kommt also daher, dass Bolaño eine literarische Form für eine Erfahrung gefunden hat, die uns bedrängt. Eine universelle Erfahrung – das wird an den Weltkriegsgeschichten des fünften Teils deutlich, die sowohl vom stalinistischen Terror als auch von Massenerschießungen an Juden durch deutsche Besatzungstruppen erzählen –, aber eben auch eine spezifisch lateinamerikanische.
Der zweite Grund: Roberto Bolaño, ein Literaturmensch durch und durch, hat in diesem Roman eine schier unendliche Menge an Anspielungen, Stoffen und Ideen aus der europäischen und nord- wie südamerikanischen Geistesgeschichte eingewoben, die von seinem großen Horizont zeugt und den unseren weit werden lässt. Das reicht von Aphorismen („Nur die Lyrik, und auch nicht jede, um das klar zu sagen, ist gesunde Nahrung und keine Scheiße“) über die Beschäftigung mit Mythen (sehr eindrücklich die Umdeutungen zu Sisyphos) bis hin zu der Szene der letzten beiden Seiten: Archimboldi isst ein Fürst-Pückler-Eis als sich ein Mann neben ihn setzt, der sich als Nachfahre des alten Fürst Pückler vorstellt. Er erzählt davon, wie dieser aufgeklärte Reiseschriftsteller einst Buch um Buch verfasst habe, um die Erscheinungen seiner Zeit zu analysieren. Er erhob, so der Nachfahre, „auf seine bescheidene, aber in guter deutscher Prosa gehaltene Weise die Stimme gegen die Ungerechtigkeit. Auf eine Sache wäre er nie gekommen: Dass er in die Geschichte eingehen sollte als Namenspatron einer Kombination dreier Eissorten.“ Mit solch verzweifelter Ironie endet, wohlgemerkt, nicht nur dieser Roman, sondern ein Lebenswerk.
Drittens: Bolaños Prosa ist von einer großen Freiheit geprägt, mit der er sich von moralischen Vorgaben ebenso wie von Klischees, von der political correctness wie von Parteiverpflichtungen zu lösen vermag – eine Freiheit, von der er allerdings den ernsthaftesten Gebrauch macht. Vielleicht ist der Satz von Baudelaire, der dem Roman als Motto voransteht, „Eine Oase des Grauens in einer Wüste der Langeweile“, in diesem Sinne zu verstehen: Sich dem gewohnten Falschen zu entziehen und sich dorthin zu begeben, wo die schwierigen Fragen lauern. Sie mit der ganzen Kraft seiner Freiheit zu durchdringen versuchen.

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