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EINSEITIG KRITISCH

Zu Beginn formuliert Hannes Bahrmann einen lobenswerten Anspruch: „Das vorliegende Buch ist keine rein subjektive Sicht auf die Dinge, es ist auch keine wissenschaftliche Arbeit. Mein Ziel war es, zusammenzutragen, was sich ereignet hat und warum es so gekommen ist. Ich betrachte die Dinge von außen und bemühe mich, keine Schuld zuzuweisen. Jede der beteiligten Seiten hatte Gründe für ihr Handeln….“ Bereits einige Zeilen danach wird allerdings schon die eindeutige Meinung vertreten: „Die Utopie einer neuen Gesellschaft hielt nur wenige Jahre“.
Das als „kritische Bilanz“ untertitelte Buch Abschied vom Mythos. Sechs Jahrzehnte kubanische Revolution trägt im Laufe der elf kleinen Abschnitte fast ausschließlich Probleme, Defizite und Skandale der Geschichte Kubas seit 1959 zusammen. Diese werden lediglich im Modus westlicher Interpretationen dargestellt.
Ein wesentlicher Aspekt, den Bahrmann hervorhebt, ist die vorbildliche Lage Kubas vor der Revolution von 1959: „Die USA investierten zwischen der Unabhängigkeit und der Revolution drei Mal so viel in Kuba wie in ganz Lateinamerika.“ Nicht erläutert wird allerdings, aus welcher Art Geschäfte diese Finanzmittel kamen, in welche Bereiche investiert wurde, wer profitierte und was dies für die Entwicklung Kubas eingebracht hat. In der Verlagsankündigung ist der negative Grundtenor deutlich artikuliert: „Früher war Kuba ein vergleichsweise reiches Land. Das Bruttosozialprodukt lag über dem Mexikos, die Ärzt*innendichte über der in den Vereinigten Staaten, das Bildungswesen war auf dem Niveau Westeuropas. Sechs Jahrzehnte nach dem Sieg der Revolution kann sich das Land nicht mehr selbst ernähren, die Produktivität in der Wirtschaft reicht nur für Löhne von durchschnittlich 25 Euro im Monat. Die Ideale einer sozialistischen Gesellschaft mit großer Gleichheit sind dahin, die sozialen Unterschiede wachsen unaufhörlich.“
Die unzähligen Einflussversuche und subversiven Maßnahmen der USA, um in Kuba „Regime Change“ nach ihrem Geschmack zu erreichen, der Kalte Krieg, strukturelle und kulturelle Faktoren werden lediglich nebenbei erwähnt. So werden beispielsweise die 638 Attentatsversuche auf Fidel Castro kommentarlos aufgelistet und interessanterweise den einzelnen US-Präsidentschaften zugeordnet. (58, leider ohne Quellenangabe). Informativ sind auch Details wie zum Beispiel kurze biografische Anmerkungen zum derzeitigen stellvertretenden Staatspräsidenten Miguel Diaz-Canel.
Die von westlichen Autor*innen als „Kubakrise“ titulierte weltpolitische Zuspitzung wird von Bahrmann so thematisiert, als sei die kubanische Regierung Schuld an der Eskalation, die von US-Militärs vorangetrieben wurde. Dabei diente die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba auch dem Schutz Kubas vor einem erneuten militärischen Angriff der USA.
In den knappen Absätzen über den militärischen Einsatz der kubanischen Armee in Angola lautet die Überschrift „Abenteuer in Afrika“. Lapidar wird nebenbei erwähnt, dass Kuba auf Bitte der legitimen Regierung Angolas zu Hilfe kam, um gegen die von den USA unterstützten brutalen Rebellen und die südafrikanische Armee zu kämpfen. Dass Kuba damit am Ende des rassistischen Apartheidsystems von Südafrika entscheidenden Anteil hatte, bleibt unerwähnt, genauso wie die Tatsache, dass Nelson Mandela seine erste Auslandsreise als Staatspräsident nach Kuba unternahm, um dem Land zu danken.
Über die jüngsten Entwicklungen in Venezuela schreibt Bahrmann: „15 Jahre später ist auch dieses Land […] durch allzu großzügige Hilfen an Kuba […] selbst kurz vor der Pleite.“
Als Gewährsperson für die Lage in Kuba benutzt Bahrmann in mehreren Zitaten die von westlichen Kräften aufgebaute und mit immensen Finanzmitteln ausgestattete Vorzeigedissidentin Yoani Sánchez.
Insgesamt wird das Buch dem selbst gestellten Anspruch, eine kritische Bilanz der kubanischen Entwicklung seit 1959 zu bieten, nicht gerecht. Denn eine Bilanz bedarf einer Benennung der wesentlichen positiven und negativen Aspekte, einer Klärung der Maßstäbe und historischen Entwicklungen und wesentlicher Kontextbedingungen.
Was Bahrmann in dem Buch allerdings abliefert, ist eine Sammlung von Negativklischees, wie sie in den konservativen und profitmaximierenden Massenmedien westlicher Staaten kolportiert werden und wie sie die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung nicht besser hätte zusammenstellen können.
Hier mag die Geschäftsphilosophie der Unternehmensberatungsfirma durchschimmern, die der Autor mitbegründete, wo es heißt: „Die Grundlage für eine erfolgreiche und ansprechende Positionierung Ihrer Organisation in der Öffentlichkeit bildet […] der enge Kontakt und die ergebnisorientierte Ansprache von Meinungsführern in Ihrem Tätigkeitsfeld.“ Und die Meinungsführer*innen in Sachen Kuba in der BRD sind mit diesem Buch ganz sicher zufrieden. Die Sammlung von Eindrücken und Einschätzungen entstammt einem stark ausgeprägten Individualismus, einem Eurozentrismus und stark konsumistisch-materiellen Standpunkt. Hier hat sich ein Ossi zu einem Besserwessi gemausert.
Was in dem Buch fast völlig unterlassen wird, sind tiefergehenden Analysen und einigermaßen fundierte Erläuterungen für bestimmte Entwicklungen und Fehlentwicklungen. Stattdessen wird fast durch und durch personalisiert (Motto: Schuld hat Fidel Castro). Daher dürfte dieses Buch für viele entbehrlich sein. Es reiht sich allerdings ein in die verstärkte ideologische Offensive gegen eine souveräne und eigenständige Entwicklung Kubas.
Eine schwerwiegende Unterlassung des Autors ist, dass Zahlenangaben, Zitate und anderes völlig ohne Literaturhinweise und Quellenangaben vorgebracht werden. Hingegen werden häufig Episoden und Anekdoten so beschrieben, als stünden sie für das Ganze. Der Schreibstil ist insgesamt sehr locker, das Buch leicht lesbar, die Beschreibungen sind unterhaltsam und gefällig. Der Text wird durch 21 Schwarz-Weiß-Fotos ergänzt. Wer allerdings an einem kenntnisreichen Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Kuba und deren Zusammenhänge interessiert ist, sollte auf andere aktuelle Bücher zurückgreifen.

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