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ERINNERN UND WIDERSTAND LEISTEN

Die hygienischen Zustände waren schlecht, das Essen miserabel. Das Duschen wurde den Gefangenen nicht erlaubt. Manche konnten sich 40 Tage lang nicht waschen. Jeden Samstag verabredeten sich die Gefangenen, ihre Zellen mit den spärlichen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, zu reinigen. Von Ihren Angehörigen erbaten sie Lebensmittel. Elza Loba bat ihre Mutter zu Weihnachten 1969, ihr Kuchen und Blumen zu schicken. Am Weihnachtsabend verteilte sie an ihre Mitgefangenen eine rote Nelke als Zeichen der Solidarität. Heute steht in der Mitte einer ehemaligen Zelle täglich eine frische Nelke. Über Lautsprecher und Kopfhörer können die Besucher*innen sieben Interviews mit ehemaligen Gefangenen hören. Sie berichten von Folter, Angst, Gemeinschaft und den unwürdigen Zuständen in den Zellen des Departamento de Ordem Política e Social de São Paulo (DOPS-SP). Der DOPS war ein zentrales Foltergefängnis des Militärregimes.

Foto: Franka Bindernagel

Der ehemalige Zellentrakt ist nicht sehr groß und wurde wieder so hergestellt wie er um 1970 aussah. Eine Zelle vermittelt einen originalgetreuen Eindruck. Auf dem Boden liegen zwei Matratzen mit etwas Bettzeug und unter dem vergitterten Fenster hängt ein winziges, verschmutztes Waschbecken. Die Wände sind dunkelgrau gestrichen und vermitteln eine düstere Stimmung. Zahlreiche Inschriften der Häftlinge sind an den Wänden erhalten geblieben. In einer weiteren Zelle ist eine Kunst-Installation angebracht, die auf einem mehrtägigen Workshop entstand. Über 250 Masken aus weißem Papier hängen an den Wänden, jede einzelne mit einem kleinen Namensschild versehen. Sie verweisen auf die verschwundenen und ermordeten Gefangenen und entreißen sie gleichzeitig der Anonymität, indem sie ihnen Namen und Gesicht zurückgeben.
Die Ausstellung steht unter der Überschrift „Erinnern und Widerstand leisten“ und wurde in einem aufwändigen Prozess entwickelt. Die Kurator*innen banden zahlreiche Organisationen und Persönlichkeiten aktiv ein, wie etwa das „Ständige Forum der ehemaligen Gefangenen und politischen Verfolgten von São Paulo“. Einen Überblick zu den vielen Workshops, die während dieses Prozesses stattfanden, vermittelt eine Dokumentation im Eingangsbereich der Ausstellung.
Die Geschichte des Gefängnisses wird in einen größeren Kontext von staatlicher Repression und Menschenrechtsverletzungen sowie zivilgesellschaftlichem Widerstand eingeordnet. Im größten Ausstellungsraum ist eine komplexe Zeitleiste an den Wänden angebracht. Sie stellt signifikante Ereignisse von Repression und Krieg im Bundesstaat São Paulo, auf nationaler und internationaler Ebene seit 1889 dar. In einer Nische sind Filmausschnitte und Fotos von Massendemonstrationen und Akten des Widerstands während der Diktatur zu sehen. Die Kurator*innen begreifen „Widerstand als Element der Verbindung zwischen der tragischen Vergangenheit, die hier erlebt wurde, und den neuen Zeiten, die sich auf demokratische Erfahrungen stützen“. Die Ausstellung weist explizit über den historischen Ort und seine Geschichte hinaus. Sie animiert die Besucher*innen, die historische Erfahrung mit aktuellen Nachrichten von Menschenrechtsverletzungen zu verknüpfen.

Zellentrakt: Die Ausstellung gewährt Einblicke in die Haftbedingungen (Foto: Christian Russau)

Die Gedenkstätte entstand mit Unterstützung der Regierung des Bundestaats São Paulo und wird bis heute von dieser finanziert. Die Pinakothek von São Paulo, der das Gebäude gehört, verwaltet die Einrichtung.
Die brasilianische Regierung gründete den DOPS 1924, um „staatsgefährdende Aktivitäten“ zu unterdrücken. Von 1940 bis 1983 war die Politische Polizei in einem Gebäude nahe der zentral gelegenen Bahnstation Luz untergebracht. Der DOPS entwickelte sich von einer einfachen Polizeiwache zu einer gefürchteten Abteilung der Zivilen Polizei. Er überwachte, spionierte, registrierte, nahm Menschen gefangen, folterte und ermordete sie. Der Paulistaner Unternehmerverband FIESP unterstützte den DOPS aktiv. 1975 wurde er in Departamento Estadual de Ordem Política e Social (Deops) umbenannt, 1983 aufgelöst. Sein umfangreiches Archiv ging zuerst in die Hände der Bundespolizei über. Nach einer öffentlichen Debatte wurde es 1991 dem Staatsarchiv von São Paulo übertragen. 2002 eröffnete das Staatsarchiv das Memorial da Liberdade, das Denkmal der Freiheit, im ehemaligen DOPS. Nach Protesten zivilgesellschaftlicher Organisationen wurde die Gedenkstätte neu ausgerichtet und 2008 in Memorial da Resistência umbenannt. Sie ist eine der wenigen Gedenkstätten Brasiliens in Erinnerung an die Repression der Militärdiktatur. Finanziert wird die Gedenkstätte vom Bundesstaats São Paulo.
„Die Auseinandersetzung mit der Militärdiktatur findet nur in einem begrenzten Teil der Gesellschaft statt“, erläutert Vladimir Sacchetta. Er kuratierte mehrere Ausstellungen und führte Forschungsprojekte durch. „In Brasilien fehlt die große Politisierung der Bevölkerung wie in Argentinien, um das Thema voran zu bringen“, sagt Sacchetta. „Und es fehlt der Zugang zu Bildung.“
Die Militärs lebten in ihrer eigenen ideologischen Welt, führt der Forscher weiter aus. Sie haben sich geschützt, indem sie Archive versteckten. Wegen des bis heute geltenden Amnestiegesetzes können sie nicht belangt werden. Zwar beklagten sie sich über die Aktivitäten des Memorial da Resistência, aber sie griffen es nicht offen an. „Ich habe nie eine feindliche Reaktion auf meine Ausstellungen bekommen“, stellt Sacchetta fest, „und auch die Gedenkstätte nicht“.

Memorial da Resistência: Ehemaliges Foltergefägnis der Politischen Polizei ist heute ein Ort des Erinnerns (Foto: Christian Russau)

Informationen zu den Tätern sucht man in der Ausstellung vergeblich. Einige Fotos zeigen die frühere Innenausstattung des Gebäudes. Menschen sind darauf nicht zu sehen. Auch detaillierte Erläuterungen zur Geschichte der DOPS und zu den Opfern fehlen. Texttafeln werden nur sparsam eingesetzt. Für eine ausführliche Darstellung des komplexen Themas ist die Gedenkstätte zu klein. Die Ausstellung will die Besucher*innen auf mehreren Ebenen zur Auseinandersetzung mit dem Thema anregen. Wer mehr wissen will, kann sich umfangreich im Internet informieren: Auf der Facebook-Seite und dem Youtube-Kanal der Gedenkstätte sind zahlreiche Zeitzeugeninterviews zu sehen. Außerdem lädt die Gedenkstätte regelmäßig zu Veranstaltungen ein, stellt Bücher vor und zeigt Filme. Sie fungiert als zentraler Ort des Erinnerns und der Debatte. Für Opfer und Angehörige wie für Forscher, Studierende und Interessierte. „Die Umdeutung des Ortes ist enorm wichtig“, konstatiert Sacchetta. Die Arbeit der Gedenkstätte wird jedoch durch einschneidende Mittelkürzungen erschwert. Infolge der Wirtschaftskrise strich der Bundestaat 2015 einen Teil des Etats der Pinakothek.

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