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Gegen das Klischee

Eine schlanke, hochgewachsene Palme erhebt sich aus dem weißen Sandstrand, kein Wölkchen trübt das Blau des Himmels, welchem sie ihr grünes Blätterwerk entgegenstreckt. Jetzt ins türkisblaue, glasklare Wasser eintauchen und danach im Liegestuhl womöglich einen Cocktail schlürfen – im Hochglanzprospekt, der für Urlaubsreisen in die Karibik oder Südsee wirbt, ist die Palme das bewährte Symbol, um in Sekundenbruchteilen klischeehafte Assoziationen im Kopf des Zielpublikums wachzurufen. Sie dient als Statistin einer Szenerie, die wenig mit dem tatsächlichen Leben der Orte zu tun hat, an denen sie beheimatet ist. Ein ganz anderes Bild von der Palme, universelle Pflanze der Tropen und Subtropen, vermittelt uns aktuell die Ausstellung „Palmen als Zeitzeugen“ des Berliner Fotografen Santiago Engelhardt im Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem.
Archaisch ist die Palme, biologisch gesehen, wegen ihrer Art zu wachsen und aus einem Stamm Blätter auszubilden. Altertümlich mag, angesichts der modernen Möglichkeiten, die Technik anmuten, die Santiago Engelhardt anwandte, um seine Schwarz-Weiß-Fotos zu produzieren: Alle Bilder entstanden analog, zum überwiegenden Teil mit einer Panoramakamera, und wurden mit größter Sorgfalt manuell auf Barytpapier abgezogen. Sie sind das Ergebnis zahlreicher Reisen, die der Fotograf zwischen 2007 und 2011 in lateinamerikanische ebenso wie asiatische Länder unternahm.
Geboren in Buenos Aires, aufgewachsen in Bogotá und São Paulo fühlt sich Santiago Engelhardt in Lateinamerika zu Hause und ist von Asien schlichtweg fasziniert. Während er sein Geld als Fotograf für Fachzeitschriften verdient, gewährt er mit dieser Ausstellung einen seltenen Einblick in seine künstlerischen Arbeiten, die er selbst als Mischung aus Landschafts- und Street Photography charakterisiert. Die Palme, die für den Fotografen „Begleiterscheinung eines Lebensgefühls“ und in den bereisten Breitengraden allerorts anzutreffen ist, steht dabei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Häufigster Schauplatz unter den achtzehn ausgestellten Fotografien ist das kleine Französisch-Guayana, „ein vergessener Ort, fernab von Massentourismus und Industrie und ohne karibisches Flair, wo der Dschungel direkt ins Meer übergeht“, so Engelhardt. Dabei gehört das Überseedepartement politisch zu Frankreich und ist international noch am ehesten für den europäischen Weltraumbahnhof nahe der Kleinstadt Kourou bekannt. Nicht weit vor dessen Küste liegt die Teufelsinsel, auf der sowohl Papillon als auch Artilleriehauptmann Dreyfus unter den menschenunwürdigen Bedingungen des französischen Strafgefangenenlagers ihre Haftstrafen verbüßten. Palmenumrahmt zeugt nur noch ein Rest Gefängnismauer von dieser Epoche der Insel, an deren felsiger Küste der Fotograf einige Tage in einem einfachen Hotel mit nur einem Tagesgericht verbrachte. Der Dreyfusturm, ein ehemaliger Signalturm vor Kourou auf dem Festland, der zur Kommunikation mit der Teufelsinsel diente, erinnert auch durch seinen Namen an die Geschichte.
Wo Stücke aus der Vergangenheit auf zeitgenössischen Bildern auftauchen, kommt der Effekt der Schwarz-Weiß-Fotografie in dieser Ausstellung besonders zum Tragen: Sie ist Teil des Humboldt Lab Dahlem, eines Projekts der Kulturstiftung des Bundes und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Sinne einer experimentellen Probebühne, das sich der Frage widmet, wie sich Gegenwart in ethnologischen Museen darstellen lässt. Die Palmenbilder von Santiago Engelhardt stehen dabei für Kontinuität trotz Veränderungen. Der Kurator der Ausstellung und Leiter der Abteilung „Ozeanien und Australien“ des Ethnologischen Museums Dr. Markus Schindlbeck erklärt: „Wir haben in den ethnographischen Sammlungen sehr viele Gegenstände aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die es an vielen Orten heute gar nicht mehr gibt. Aber die Gesellschaften führen, wenn auch mit anderen Gegenständen, mit anderen Tätigkeiten und unter anderen Umständen als früher, ihre Kultur fort. Um klarzumachen, dass nicht nur etwas zu Ende gegangen ist, habe ich an diese Palmen gedacht.“ Die Palme ist die stille Beobachterin, die als Teil der Landschaft etwas Beständigerem angehört als es Artefakte und Beschäftigungen der Menschen über die Jahrhunderte hinweg sein können.
„Eigentlich haben mich zuerst die Regionen interessiert, in denen Palmen vorkommen, sodass ich sie jahrelang unbewusst fotografierte, bis ich bemerkte, dass sie auf vielen meiner Lieblingsbilder zu sehen waren“, erzählt der Fotograf. Erst dann habe er die filigrane Ästhetik des langen biegsamen Stammes und die faszinierenden Blätterformationen vor dem Himmel entdeckt. Im Gegensatz zu einem niedrigen deutschen Wald hätten Palmen zudem einen entscheidenden Vorteil: Der dünne Stamm mit dem Busch am Ende lässt so viel Freiraum, dass das Leben unter der Palme auf einem Foto sehr viel besser zu erkennen ist. So sehen wir zum Beispiel die Füße einer Person, die sich im Schatten ausgestreckt hat. Ein Boot, auf dem eine Silvesterparty in vollem Gange ist, während es am dichten Amazonasdschungel vorübergleitet. Oder einen Mann mit Eimer, der ohne jede Hilfsmittel den Stamm erklimmt, um Früchte zu ernten. Aus ethnologischer Sicht ist die Palme von enormer Bedeutung. Heute wie damals spendet sie den Menschen Schatten, liefert Nahrung und Material und befriedigt als Zierpflanze sogar ästhetisch-emotionale Bedürfnisse.
Die Kokospalme ist sicherlich die bekannteste innerhalb der rund 200 Gattungen und 3.000 Arten der weitverzweigten Palmenfamilie: Früchte, Palmherzen, Sago, Speiseöl, Rattan-Möbel, Hirschhornknöpfe, Carnauba-Wachs, Hauswände und Dächer – für all das bedient sich der Mensch verschiedener Palmenarten. Die Zerstörung des Lebensraums tausender Tier- und Pflanzenarten durch den großflächigen Anbau von Öl- und Kokospalmen in den Tropen ist dabei die Kehrseite unseres stetig wachsenden Konsums von Palmöl. Zugleich benötigen Palmenplantagen aber auch eine starke Pflege. „Eine Palme ist keine Pflanze, die man einfach nur so wachsen lässt, sondern man pflanzt sie. Da, wo eine Siedlung ist, da wachsen immer auch Kokospalmen“, berichtet Dr. Schindlbeck von seinen Erfahrungen in Neuguinea. „In den Mythen wird die Kokospalme oft sehr stark personifiziert. Auch die Kokosfrucht wird mit dem Kopf des Menschen gleichgesetzt“, so der Ethnologe. Schließlich zeigt sich auch in der europäischen Namensgebung der Bezug des Menschen zur Palme: Vom Lateinischen palma, „flache Hand“, leitet sich die Bezeichnung nach der Ähnlichkeit eines gefächerten Palmenblattes mit einer gespreizten Hand ab.
Mexiko, Kolumbien, Panama, Brasilien, Indien, Indonesien und Malaysia heißen neben Französisch-Guayana die weiteren Stationen der Fotoausstellung, in der sich der Blick ganz auf Konturen, Kontraste und Formen konzentriert. Nicht nur um des hohen ästhetischen Werts der Fotografien willen, sondern auch, um sich über eine Pflanze Gedanken zu machen, die dem Menschen seit Jahrtausenden so viel mehr Nutzen bringt als Urlaubsträumen in Hochglanz zu verfallen, lohnt es sich den Weg ins Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem auf sich zu nehmen. Dort wird die Ausstellung noch bis Februar 2015 im Obergeschoss der Dauerausstellung Südsee und Australien zu sehen sein.

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