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Gelungener Streifzug durch Uruguay

Uruguay weckt häufig Assoziationen, die an längst vergangene Zeiten erinnern. Sei es die Austragung der ersten Fußball-Weltmeisterschaft 1930 und der zweifache Triumph bei dem Turnier, der einstige Wohlstand in der „Schweiz Lateinamerikas“ oder die Faszination, die ab den 1960er Jahren von der Stadtguerilla der MLN-Tupamaros ausging. Dem Land hafte „in manchem etwas ‚Anachronistisches‘ an“, stellen die HerausgeberInnen des Sammelbandes Uruguay. Ein Land in Bewegung im Vorwort fest. Dass es aber auch heute noch lohnenswert ist, sich mit dem vergleichsweise kleinen Staat am östlichen Ufer des Río de la Plata zu beschäftigen, zeigen die darauf folgenden etwa 260 Seiten.
Angefangen von Geschichte und Geografie, über Politik und soziale Bewegungen, Wirtschaft und Ökologie bis hin zu kulturellen Themen besticht diese „Landeskunde von unten“ durch eine enorme thematische Bandbreite. Neben Persönlichkeiten wie dem Unabhängigkeitshelden José Gervasio Artigas oder bedeutenden Präsidenten des Landes werden spannende linke Biografien vorgestellt. Etwa die der im vergangenen Jahr verstorbenen Tupamara Yessie Macchi, die einer Regierungsbeteiligung der Linken bis zuletzt skeptisch gegenüberstand. Oder die Geschichte des „doppelten Exils“ von Ernesto Kroch. Der jüdische Kommunist floh zunächst vor den Nazis nach Uruguay, bevor er während der uruguayischen Militärdiktatur in den 1970er Jahren den umgekehrten Weg einschlagen musste und Exil in West-Deutschland fand. Dabei wird nicht nur Kroch, der in dem Buch selbst auch als Autor vertreten ist, porträtiert, sondern in einem zusätzlichen Text auch das uruguayische Exil in BRD und DDR beschrieben.
Wo sich die Entwicklung vom Einwanderungs- zum Auswanderungsland wie ein stetiger Abstieg liest, kamen von linken Bewegungen und Organisationen immer wieder wichtige politische Impulse. Zwar konnten die legendären Tupamaros noch vor Beginn der Militärdiktatur (1973 – 1985) militärisch besiegt werden. Bereits 1971 gründete sich mit der Frente Amplio (Breite Front) jedoch eines der ältesten Linksbündnisse Lateinamerikas, in dem die Tupamaros als MPP (Bewegung für Basisbeteiligung) heute die stärkste Fraktion bilden. Während der Hochphase des Neoliberalismus gelang es sozialen Bewegungen und der Frente im Jahr 1992, die Privatisierung öffentlicher Unternehmen per Referendum zu verhindern. Damit setzte die uruguayische Bevölkerung bereits Jahre vor der viel zitierten „Linkswende“ in Lateinamerika ein bedeutendes Zeichen, indem sie bewies, dass die undemokratische Privatisierung öffentlicher Güter auf demokratische Art und Weise verhindert werden kann. 2003 lehnten die WählerInnen den Teilverkauf der staatlichen Erdölraffinerie ebenfalls ab. 2005 wurde das Recht auf Trinkwasser durch ein weiteres Referendum als elementares Menschenrecht in die Verfassung aufgenommen. Im selben Jahr gewann die Frente Amplio mit dem Mitte-Links-Kandidat Tabaré Vázquez erstmals die Präsidentschaftswahlen und beendete somit die seit der Gründung Uruguays bestehende Zwei-Parteien-Herrschaft der konservativen Blancos und liberalen Colorados. Seit März dieses Jahres amtiert mit dem 74-jährigen bekennenden Anarchisten José „Pepe“ Mujica sogar ein ehemaliger Stadtguerillero, der während der gesamten Militärdiktatur als „Geisel des Staates“ eingekerkert war.
In einem eigenen, wenn auch kurzen Kapitel wird eine ambivalente Zwischenbilanz der Frente Amplio-Regierung gezogen. Die vielseitige Landschaft der sozialen Bewegungen wird hingegen ausführlich vorgestellt. Von Gewerkschaften über die Menschenrechtsbewegung bis hin zu Wohnungsbaukooperativen und alternativen Medien werden zahlreiche Bewegungen behandelt. Die Perspektiven der von regelmäßigen Finanzkrisen gebeutelten uruguayischen Wirtschaft, die sich vor allem um Banken, Fleisch und Papier dreht, werden im Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie erörtert. Ein längeres Kapitel ist schließlich der kulturellen Vielfalt Uruguays gewidmet. Das Land hat nicht nur eine erstaunlich reiche Literatur hervorgebracht, wie sich aus den Werken bekannter Autoren wie Eduardo Galeano, Juan Carlos Onetti oder Mario Benedetti ablesen lässt. Auch die musikalischen und in den letzten Jahren immer mehr hervortretenden cineastischen Werke sind beeindruckend. Nicht fehlen dürfen schließlich Fußball, Karneval und Küche, die den kulturellen Teil des Buches abrunden.
Die HerausgeberInnen legen ein facettenreiches und fundiertes Buch über Uruguay vor, das aufgrund seiner thematischen Breite zum Stöbern und quer Lesen einlädt. Insgesamt 50 kurz gehaltene Beiträge deutscher und uruguayischer AutorInnen machen das Buch zu einer idealen Einführung in Land, Geschichte, Politik und Kultur. Doch auch KennerInnen des Landes wird sich sicherlich so manch bisher unbekannter Aspekt eröffnen.

Stefan Thimmel, Theo Bruns, Gert Eisenbürger, Britt Weyde (Hg.) // Uruguay. Ein Land in Bewegung // Assoziation A // Berlin/Hamburg 2010 // 272 Seiten // 18 Euro

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