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GESPALTENES LAND

Demonstration vor dem Referendum In Bogotá sprachen sich die Student*innen für das Ja aus (Foto: Belinda Grasnick)

Drei Wochen vor der Volksabstimmung zum Friedensvertrag wehen weiße Fahnen im Parque de Los Periodistas in der Hauptstadt Bogotá. Student*innen verschiedener Universitäten der Stadt haben sich versammelt, um für Ja-Stimmen zu werben. Auf ihren Plakaten und T-Shirts fordern sie den von der Regierung verhandelten Frieden mit den Bewaffneten Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC). „Wollen wir Studenten den Frieden? Will Bogotá den Frieden?,“ fragt der Redner die Menge. „Selbstverständlich, ja!” schallt es ihm entgegen. Kaum ist die Rede vorbei, dröhnt laute Reggaeton-Musik aus den Lautsprechern. Die Demonstrant*innen tanzen und schwingen ihre Plakate und Fahnen, bevor sie weiter zum Friedenskonzert auf der Plaza de Bolívar ziehen.
In den Wochen vor der Volksabstimmung sind die Befürworter*innen des Friedensvertrags deutlich präsenter als die Gegner*innen. Politiker*innen verschiedener Parteien sprechen sich öffentlich für den Friedensvertrag aus. In den Fenstern der Hauptstadt hängen selbst gestaltete Poster. Die Regierung hat Plakatwände gemietet, um für das Abkommen zu werben. Vom Colpatría-Turm, Markenzeichen der größten Stadt Kolumbiens, leuchten die Friedenstauben.
Die Gegner*innen des Abkommens kritisieren die Präsenz der Ja-Kampagne. Weil Steuergelder dafür ausgegeben wurden, sei die Wahl erkauft, lautet ihre Kritik. So denkt auch José Marun Helo, Verkaufs- und Marketingleiter einer kleinen Werbeagentur: „Wir wurden nicht richtig über den Vertrag informiert”, sagt er. “Kolumbien ist kein gebildetes Land und der Volksentscheid wurde nur fünf Wochen nach seiner Bekanntmachung durchgeführt.” Zwar wurde der gesamte Vertrag im Vorfeld veröffentlicht, die 297 Seiten seien aber technischer Sprache und unlesbar, betont der 28-Jährige.
Es sind die klassischen Argumente des von Ex-Präsident und Senator Álvaro Uribe Vélez angeführten Nein-Lagers. Die Volksabstimmung wird zur Vertrauensfrage an Präsident Juan Manuel Santos erhoben. Wer mit der aktuellen Regierung nicht zufrieden ist, soll mit Nein stimmen.
Die Auseinandersetzung der Lager in den Wochen vor der Abstimmung ist vor allem eine Medienschlacht. Die Medien in Kolumbien befinden sich in den Händen politischer und wirtschaftlicher Eliten. Zwei der größten Medienkonglomerate sind jeweils mit Uribe und Präsident Manuel Santos assoziiert. „Die Medien haben teilweise mehr Einfluss auf die Menschen als ihre eigenen Erfahrungen”, sagt Eliana Lodoño Gómez. „Selbst wenn es Erfahrungen sind, die den Konflikt betreffen.”
Gómez arbeitet als Sozialarbeiterin für Comunidad es Arte, Biblioteca y Cultura — Escenarios para la paz (Comunidad – es), eine gemeinnützige Organisation für Kolumbianer*innen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Täglich hat sie mit Menschen zu tun, die vor dem Konflikt mit Guerillas und Paramilitärs fliehen mussten und dabei zum Teil Familienmitglieder verloren haben. „Der Vertrag könnte ihre Lebensgeschichte verändern”, sagt Londoño. Doch vor allem von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter würden die Bewohner*innen letztlich stärker beeinflusst werden als von ihrer eigenen Vergangenheit.
Auf einem Hügel oberhalb der Millionenstadt Medellín steht seit einem Jahr die Wohneinheit Villa de Santa Fé. In dem Stadtteil leben 2.600 Menschen aus allen Teilen des Landes in etwa dreißig Plattenbauten. Eine Woche vor der Abstimmung veranstaltet Comunidad – es ein Friedensfest in Villa de Santa Fé. Eine Gruppe von rund 50 Kindern tollt auf einer Wiese zwischen den Häusern herum.
Arbey Salazar Blandón ist der Koordinator von Comunidad – es in Medellín. „Kunst und Kultur können die Welt retten”, ist er überzeugt. Deshalb lernen die Kinder und Erwachsenen in den Unterkünften gemeinsam tanzen, kochen, basteln und nähen. Im Anschluss an die Lesestunde gibt es eine Tanzvorstellung. Als das Lied vorbei ist, recken die Tänzer*innen die Hände in die Höhe und rufen: „Viva la paz!” Es lebe der Frieden. Die Botschaft ist klar. Einige Erwachsene sitzen am Rand und klatschen Beifall. „Ich werde definitiv mit Ja stimmen”, sagt eine ältere Frau. „Wir haben so viel durchgemacht. Wir brauchen den Frieden.” Die Wirkung des Festes scheint gigantisch. Doch nur ein kleiner Teil der Bewohner*innen Villa de Santa Fés ist dabei. „Was wir machen können, sind nur sehr kleine Schritte”, sagt Eliana Londoño Gómez. „Aber wenn wir den Frieden auf die Tagesordnung setzen, sehen auch sie, dass dieser Prozess hier nötig ist.”
Am Abend des 26. Septembers wird die Unterzeichnung des Friedensvertrags auch in Medellín  übertragen. Ein großer Bildschirm zeigt die in weiß gekleideten Gäste, die auch aus dem Ausland nach Cartagena angereist sind, um der Zeremonie beizuwohnen. Einige Zuschauer*innen schwenken die gelb-rot-blaue Landesfahne, als Präsident Juan Manuel Santos und FARC-Chef Rodrigo Lodoño den Vertrag unterschreiben.
Nur wenige Fußminuten weiter ein anderes Bild: Santos Rede geht in Buh-Rufen unter. Auf einem Altar stehen weiße Blumenbouquets, die Menschen halten Kerzen in die Höhe. Die Menschentraube erinnert an eine Kirchenzeremonie. „Die FARC-Verbrecher müssen richtig bestraft werden!”, poltert ein Redner. „Ins Gefängnis mit ihnen!” Laut den versammelten Gegner*innen des Abkommens seien die Strafen für die linken guerillerxs zu niedrig – ein Standardargument des Nein-Lagers. Mehrere Menschen verteilen Flyer. Verantwortliche für Massaker dürfen keine Kongressabgeordneten werden, heißt es darauf. Zudem fordert die wütende Menge, dass FARC-Anhänger*innen mit ihrem Vermögen die Opfer entschädigen sollen. Fazit des Nein-Lagers: „Für einen wirklichen Frieden wählt Nein.”
Die Kritik am Friedensabkommen ist vor allem ideologischer Natur. Wenn FARC-Abgeordnete in den Kongress kommen, könnte Kolumbien so enden wie Venezuela, fürchten die Uribe-Unterstützer*innen.
Einige Tage später werden die Ergebnisse des Referendums verkündet, bei dem mit einer knappen Mehrheit das Nein gewinnt. Eliana Lodoño Gómez und Arbey Salazar Blandón glauben trotzdem an den Frieden in ihrem Land. „Wir müssen anfangen, Kolumbien anders zu sehen”, sagt Lodoño. Nicht nur die FARC, auch andere Guerillas wie die Nationale Befreiungsarmee (ELN) und rechte Paramilitärs müssen laut Salazar und Gómez einbezogen werden, um einen echten Frieden zu schaffen. Sie werden weiter daran arbeiten – auch wenn sie noch viele kleine Schritte machen müssen.

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