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„God save the queers“

„Yo no voy de vuelta yo voy siempre de ida“ („Ich gehe nicht zurück, sondern immer nur vorwärts“) ist das treffende Motto des aktuellen Albums von Miss Bolivia, das sie derzeit auf Europa-Tour präsentiert. Psychologin, DJane, Sängerin und Produzentin mit vier Veröffentlichungen in sechs Jahren und Konzerten in so ziemlich jedem kulturellen Zentrum von Uruguay bis Brasilien – das ist die Biographie von Paz Ferreyra aka Miss Bolivia. Cumbia trifft auf Funk, HipHop auf Dancehall, Poesie auf politische Forderung.
Miss Bolivia hat viel zu sagen und tut es auf angenehme Weise: Sie vermeidet es, als Sprachrohr einer politischen oder kulturellen Gruppe aufzutreten, und verzichtet auf Imperative. „Ich möchte nicht, dass meine Lieder Antworten liefern, da Antworten immer subjektiv sind. Ich möchte, dass die Menschen sich Gedanken machen, wenn sie meine Lieder hören.“ Ihre autobiographischen Erzählungen fungieren als gesellschaftlicher Spiegel: Es geht um Sexismus, Aktivismus, Diskriminierung und die Legalisierung von Marihuana. Miss Bolivia erzeugt durch ihre Fusion verschiedener Musikstile und Themen Irritation und durchbricht so die Komfortzone der unhinterfragten Illusion.
In den 90er Jahren wird Ferreyra Zeugin eines sich neu etablierenden Musikgenres in Argentinien. Die zu Zeiten des europäischen Sklavenhandels im Karibikraum entstandene Cumbia entwickelt sich zum Exportschlager. Traditionell als Gruppen- oder Paartanz aufgeführt, ergänzen nun elektronische Beats den durch Trommeln, Rasseln und Flöten vorgegebenen Rhythmus. Cumbia Villera heißt das neue Subgenre; Villera leitet sich von Villa Miseria ab, der argentinischen Bezeichnung für Slum. Von romantisierenden Inhalten distanzieren sich die Musiker nun und rücken stattdessen prekäre Lebensumstände, Polizeigewalt in den Vorstadtghettos und Drogenkonsum in den Vordergrund. Zugleich wird jedoch Machotum idealisiert: Die in den Außenbezirken von Buenos Aires herrschende Arbeitslosigkeit führt zu einem Identitätsverlust, da die traditionelle Rolle des Mannes als Haupternährer der Familie nicht gelebt werden kann. Die Betonung der Männlichkeit erfolgt nun auf anderen Wegen. Die Degradierung der Frau zum willenlosen und unterwürfigen Sexobjekt schien da offenbar die Alternative. Ein besonders groteskes Video der Gruppe Damas Gratis („Frauen gratis“) darf hier nicht unerwähnt bleiben: Während der Sänger lässig am Strand steht und „Man sieht deinen Tanga“ singt, tanzt ein blondes Girl glücklich um ihn herum und lässt dabei tief blicken. Die Stimmung ist ausgelassen, und alle verstehen sich blendend. In dem Stück „Maria Rosa“ der Band Yerba Brava (umgangssprachlich für Marihuana) heißt es: „Ella es … / Una chica así de facil / Es de bombachita floja“ („So ein leichtes Mädchen ist sie, eines mit locker sitzendem Höschen“). Das „Mädchen“ wird auch hier zum Lustobjekt des heterosexuellen Beobachters, mehr noch, ihr wird ein eindimensionales Interesse an flüchtigem Sex attestiert.
Maria José hingegen liebt das Gemetzel und hat es dem lyrischen Ich so angetan, dass es sie zum Kiffen nach Hause einlädt. Die Protagonistin bei Miss Bolivia ist eindeutig keine nur durch ein „Höschen“ verdinglichte Existenz, im Gegenteil. Maria José hat die Gabe, sich zu artikulieren, ist dementsprechend weder ein „leichtes Mädchen“ noch „leicht zu haben“. Der Handlungsrahmen aus dem Cumbia Villera bleibt bestehen, Miss Bolivia besetzt ihn jedoch mit neuem Inhalt, indem sie die Machoattitüde parodiert und in einen respektvollen Umgangston transformiert. Die Besitzlogik, die der Beschreibung von Maria Rosa immanent ist, führt die Künstlerin so ad absurdum. Gleichzeitig behandelt sie Begierden außerhalb eines heterosexuellen Kontextes und kritisiert somit das heterosexistische Selbstverständnis.
Trifft Intellekt auf Humor, entstehen Kumbia Queers, und trifft Punk auf Kumbia, entsteht ein eigener Musikstil: Tropipunk. Die Punk ’n’ Rollers aus Argentinien und Mexiko haben sich die musikalischen Produktionsmittel erkämpft, um misogyne Diskurse bloßzustellen. Ihre Parodie von „Maria Rosa“ heißt „Daniela“: „Y como nunca supe tu nombre / te llamo Daniela pero podrías llamarte Pamela / o sol o luna« („Und weil ich deinen Namen nie erfahren habe / nenne ich dich Daniela / ich könnte dich aber auch Pamela nennen / oder Sonne oder Mond“). Die Band Kumbia Queers macht Musik „von Frauen für Frauen“, ändert Madonnas „Isla Bonita“ in „La Isla con Chicas“ um und will weit weg von hier, zu diesem „sensationellen Ort, überfüllt mit schönen Mädchen“. Im Video zu diesem Cover wird auf einer Karte La Isla con Chicas eingekreist, anschließend lassen es sich die Musikerinnen im bräunlich schimmernden Wasser auf der Insel gutgehen und bearbeiten im Dickicht die Keyboardtasten. Eine selbstironische Performance mit der klugen Intention, lesbische Inhalte in die Öffentlichkeit zu tragen.
Doch von der 2007 entstandenen The-Cure-, The-Ramones- und Madonna-Coverband haben sich die Kumbia Queers nun schon lange emanzipiert. „Wir wollten die Rocker nerven, gleichzeitig missfiel uns die Marginalisierung und Ablehnung von Cumbia. Die Tatsache, dass der Rhythmus so gut war, die Inhalte aber unfassbar misogyn, motivierte uns, Cumbia mit anderen Texten zu machen.“ Neben der lucha armada (dem bewaffneten Kampf ) ist die größte Waffe der Kumbia Queers immer noch das Vergnügen. „El lunes a la noche me quiero matar / pensando que mañana tengo que ir a trabajar … el viernes la sonrisa no me la pueden sacar“ („In der Nacht zum Montag möchte ich mich umbringen / daran denkend, morgen arbeiten gehen zu müssen … / am Freitag können sie mir mein Lächeln nicht wegnehmen«). Die Forderung eines weiteren freien Tags ist keine revolutionäre, aber in Anbetracht der vielen Konzerte, die die Band geben muss, sicherlich eine sinnvolle: Ob im argentinischen Frauenknast, auf dem Fusion- oder auf dem South-by-South-West-Festival in Austin, Kumbia Queers haben sich in den vergangenen sieben Jahren eine solide Fanbase in Argentinien, Chile, Mexiko, den USA und Europa erspielt.
Die Dokumentation Kumbia Queers. More louder bitte bringt die Cumbia-Vibes nun auch auf (queere) Filmfestivals in Deutschland. Doch neben der positiven Rezeption diffamieren Verfechter der geschlechterspezifischen Abgrenzung in der Musikszene die Künstlerinnen als bichos raros und „Antifrauen“. Das Adjektiv „raro“ lässt sich etwa mit „queer“ übersetzen, gehört also zur Selbstbezeichnung der Band. „Queer ist für uns etwas, das keine Etiketten will und nicht klassifiziert werden kann“, sagen die Kumbia Queers. Tatsächlich haben sie jedoch mit der durch die Gesellschaft konstituierten binären Rollenstruktur in der Szene zu kämpfen: „Wir bewegen uns zwar für gewöhnlich in einem anderen Umfeld, aber wenn wir uns außerhalb dieser Kreise bewegen, bekommen wir mit, dass diese Sachen einfach weiter passieren. Also dass die Frau quasi der Minirock ist und heiraten muss.“ Für das Musikbusiness heißt das, realistisch gesehen, dass Frauen nur als Sängerin agieren dürfen, solange Männer die Instrumente spielen, Frauen nur als Lustobjekt in einem heterosexuellen Kontext benutzt werden und darüber hinaus keine weiteren Eigenschaften besitzen dürfen.
Dies alles erinnert stark an das Bild der US-amerikanischen und europäischen Punkszene der 90er Jahre, in der die Möglichkeit, Unzufriedenheit durch Musik zu äußern, für Frauen sehr rar war. Ähnlich wie Cumbia Villera prangerte der Punk gesellschaftliche Missstände an, Themen wie Sexismus oder Geschlechterdifferenz kamen jedoch nicht vor. Aus diesem Kontext heraus bildete sich das Riot-Grrrl-Movement mit Bands wie Bikini Kill und Bratmobile. Solidarität, Respekt und Konsens, DIY statt Anpassung an hegemoniale Normen, Kollektivismus statt Konkurrenz. In ihrem Manifest plädierten die Riot Grrrls für Mut zur Eigeninitiative und versuchten, die internalisierten Formen von Sexismus aus den Köpfen zu verbannen. „Und das Motiv, die Szene nun miteinander zu teilen, anstatt sie untereinander aufzuteilen, hilft uns sehr dabei, die Message, die eine Künstlerin sendet, dort auszubreiten, wo eine andere spielt. Und so schreiten wir als Kooperative voran.“ Dies sind nicht etwa Worte von Kathleen Hanna, der Verfasserin des Riot-Grrrl-Manifestes aus dem Jahr 1992, sondern von Miss Bolivia aus dem Jahr 2013. So verwundert es nicht, dassAli Gua Gua von den Kumbia Queers und Miss Bolivia gemeinsam an einem Projekt gearbeitet haben und weitere Projekte mit Künstlerinnen aus dem Umfeld, wie Sara Hebe oder Las Taradas, bestehen. Der Wunsch, Musik nicht nach normativen Genrebestimmungen zu komponieren, sondern Grenzen zu überschreiten und Stile zu mischen, ist eine weitere Parallele zu den Riot Grrrls, die an Frauen appellierten, sich einfach Instrumente zu schnappen und loszulegen.
Die argentinische Szene konstituiert sich zur Zeit neu und wächst stetig. In Europa kommt sie überaus gut an. Doch es bleibt abzuwarten, ob diese queerfeministischen Einflüsse am Gerüst des kolonial tradierten Selbstverständnisses des weißen Feminismus rütteln können.

Erstmals publiziert in Konkret 9/14

Der Film »Kumbia Queers. More louder bitte!« ist am 12. Oktober um 18 Uhr im City 46 beim Queerfilm-Festival in Bremen zu sehen.

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