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Göttliche Gerechtigkeit oder Entschädigungsgesetz?

Während zwei Dutzend JournalistInnen vor dem Eingang des Privatfriedhofs Parque del Recuerdo Cordillera in Santiago vergeblich versuchten, von der mit Wachpersonal abgeschirmten Beerdigungszeremonie Aufnahmen zu machen, nutzte Rogelio Benavides die Gunst der Stunde: Der Generalsekretär der Nationalsozialistischen Partei Chiles stieg mit einer Hakenkreuzbinde am Arm aus seinem Auto und hielt vor der Presse eine längere Lobesrede auf Paul Schäfer. „Paul Schäfer hat viel Gutes getan. Vorwürfe wegen Kindesmissbrauch sind heutzutage doch einfach vorzubringen, da reicht die Aussage eines Kindes und in 80 Prozent der Fälle wird der Beschuldigte verurteilt“. Den skurrilen Auftritt des Neonazis kommentierte ein Pressevertreter: „Ist dies das letzte Theaterstück Schäfers?“
Auf dem Friedhof waren nur Wenige: Seine Adoptivtochter Rebeca Schäfer, Peter Schmidt und Mathias Gerlach, die Schäfer acht Jahre lang in Argentinien versteckten und dafür zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden. Auch Luis Sotomayor, Schäfers langjähriger Anwalt, kam mit seiner Frau.
Dem Begräbnis vorausgegangen war eine Debatte unter den BewohnerInnen des ehemaligen Geländes der Colonia Dignidad, das heute Villa Baviera heißt, ob Paul Schäfer auf dem siedlungseigenen Friedhof begraben werden solle. An dieser nahmen auch jene BewohnerInnen teil, die in den dutzenden noch offenen Prozessen gegen die ehemalige Führung der Kolonie auf der Anklagebank sitzen.
„Wir werden nicht mit Paul Schäfer sterben, wir werden ihn nicht in der Villa Baviera beerdigen“ sagte Martin Matthussen auf einer Pressekonferenz nach der Sitzung. Er ist der Sohn des verstorbenen ehemaligen Führungsmitglieds Alfred Matthussen und leitet heute die Lebensmittelsparte PRODAL. Das Unternehmen ist Teil des so genannten ABC- Aktienholdings, das gegründet wurde um die von Präsident Aylwin 1991 erlassene Auflösung der Rechtspersönlichkeit Colonia Dignidad zu umgehen. Die Kolonie ist jedoch nicht nur in der Lebensmittelsparte aktiv: Eine Steinbruchanlage und ein Tourismusangebot mit Restaurants und Hotels sind weitere Bestandteile der Gesellschaften, deren Eigentum zu ungleichen Teilen auf verschiedene SiedlerInnen verteilt wurde. Einige BewohnerInnen verfügen über größere Aktienanteile, andere wiederum gingen ganz leer aus.
Etwa 150 Personen leben heute noch in Villa Baviera. Sie waren TäterInnen oder Opfer im kriminellen Sektensystem Colonia Dignidad, manchmal auch beides zugleich. Viele sind RentnerInnen, die von der Gemeinschaft mitgetragen werden. Denn über 40 Jahre wurden in der Kolonie für härteste Arbeit keine Löhne gezahlt und so auch keine Rentenansprüche erworben.
Unterstützt wird Villa Baviera seit einigen Jahren durch ein Programm des Auswärtigen Amtes, das auf Basis eines Bundestagsbeschlusses der Deutschen Botschaft in Santiago 250.000 Euro pro Jahr für „Eingliederungsmaßnahmen (soziale und wirtschaftliche Einbindung) in die chilenische Gesellschaft“ zur Verfügung stellt: Die Gesellschaft für Technische Zuisammenarbeit (GTZ) schult Führungskräfte der Unternehmen und bietet Fortbildungen an, ein Therapeutenteam leistet Konflikt- und Traumabewältigung und über das deutsche Lehrerbildungsinstitut Santiago werden die LehrerInnen der Siedlungsschule pädagogisch beraten. Zudem versucht ein Pfarrer der Evangelischen Kirche Deutschlands durch ein seelsorgerisches Angebot dem freikirchlichen Sektenprediger Ewald Frank von der Freien Volksmission Krefeld entgegenzuwirken. Frank war kurz nach der Festnahme Schäfers in die Villa Baviera gereist, um eine Massentaufe durchzuführen und neuer spiritueller Anführer der Gemeinschaft zu werden. Während die in der Villa Baviera gebliebenen BewohnerInnen die Firmen und Ländereien der ehemaligen Colonia Dignidad bewirtschaften, die durch unbezahlte Arbeit der SiedlerInnen und kriminelle Geschäfte der Sekte angehäuft wurden, stehen viele Opfer der Sekte mit leeren Händen da. Dutzende jüngerer Leute haben Villa Baviera in den letzten Jahren verlassen, viele weil sie es nicht mehr aushielten mit ihren ehemaligen Folterern zusammenzuleben. Diese Menschen sind nun ohne staatliche Unterstützung auf sich selbst angewiesen. Entschädigungsklagen vor chilenischen Gerichten liefen bislang ins Leere. „Der Tod Paul Schäfers verhindert eine weitere Strafverfolgung, da es auf dieser Welt keine Strafverfolgung Toter gibt. Jedoch wissen wir alle, dass es eine Gerechtigkeit gibt, die nie endet: die göttliche Gerechtigkeit“, erklärte der chilenische Präsident Sebastian Piñera, als er auf den Tod Schäfers angesprochen wurde.
Mehrere dutzend Verfahren werden noch heute vor chilenischen Gerichten gegen Mitglieder der Sektenführung verhandelt. Die meisten Prozesse werden von Sonderrichter Jorge Zepeda geführt. Die Anklagen lauten unter anderem auf Entführung, Folter und Verschwindenlassen chilenischer Diktatur-GegnerInnen, Vergewaltigung und Missbrauch von Kindern, Zwangsarbeit, „missbräuchliche Behandlung mit Elektroschocks und Psychopharmaka“, Betrug sowie Bildung einer kriminellen Vereinigung. Oftmals gibt es bereits erstinstanzliche Urteile, deren Vollstreckung jedoch bis zur letztinstanzlichen Rechtsprechung ausgesetzt wird. Viele der Prozesse ziehen sich bereits seite mehr als zehn Jahren in die Länge. Der Tod Schäfers bedeutet die endgültige Einstellung derjenigen Gerichtsprozesse, in denen Schäfer der einzige Angeklagte ist. Dies ist jedoch nur in den wenigsten der Verfahren der Fall. Im Mai begann in Talca der Berufungsprozess wegen Vergewaltigung und Missbrauch von Kindern, 14 Jahre nach dem Einreichen der Strafanzeigen. In erster Instanz wurde Paul Schäfer in diesem Prozess zu 20 Jahren Haft verurteilt, 22 seiner Komplizen aus der Sektenführung wurden wegen Beihilfe zu Strafen bis zu fünf Jahren Haft verurteilt. Sollten diese Strafen vom Berufungsgericht bestätigt werden, müsste ein Großteil der ehemaligen Führungsriege der Siedlung ins Gefängnis. Jedoch haben, wie schon immer in der 50-jährigen Geschichte der Sekte, die Angeklagten ein üppig besetztes Rechtsanwaltsteam engagiert, das den Prozess durch verschiedenste Rechtsmittel in die Länge zieht. Acht Anwälte vertreten derzeit die Angeklagten – die Klägerseite wird lediglich durch den Rechtsanwalt Hernán Fernández vertreten, der von einem Anwalt des Staatsverteidigungsrates (CDE) und einer Anwältin der staatlichen Kinderschutz-Behörde (SENAME) unterstützt wird.
In Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn auch heute noch gegen mehrere Mitglieder der Sektenführung, ohne dass es zu Gerichtsverfahren gekommen wäre. Viele der Sekte vorgeworfenen Taten sind bereits verjährt, laut Staatsanwaltschaft bestehen aus strafrechtlicher Sicht keine Anhaltspunkte für begangene Straftaten, viele der Vorwürfe seien nicht mit gerichtsverwertbaren Beweisen belegt. In den letzten drei Jahrzehnten haben die deutsche und chilenische Justiz eine Vielzahl von Rechtshilfeersuchen ausgetauscht, ohne dass dies die Strafverfolgung der Sektenführung befördert hätte. Gleichzeitig haben in den letzten Jahren mehrere in Chile angeklagte ehemalige Führungsmitglieder das langsame Mahlen der Justiz dafür genutzt, sich trotz chilenischer und internationaler Haftbefehle nach Deutschland abzusetzen. Denn Deutschland liefert keine deutschen Staatsbürger ins Ausland aus. Lilli Nill, Ernst Schreiber, Hans Riesland und Reinhard Döring werden von der chilenischen Justiz gesucht und leben seit einigen Jahren unbehelligt in Deutschland. Uwe Cöllen und Edith Malessa sind bereits zu Haftstrafen wegen Verschleierung des Kindesmissbrauchs von Paul Schäfer verurteilt und haben sich ebenfalls nach Deutschland abgesetzt. Das hohe Führungsmitglied der Sekte Albert Schreiber verstarb 2008 in Krefeld. Anwalt Hernán Fernández empfindet das als einen Skandal. Piñeras Ruf nach göttlicher Gerechtigkeit hält er entgegen: „Es ist Zeit für eine umfangreiche Aufarbeitung in Form eines Entschädigungsgesetzes für die Opfer und einem Schuldeingeständnis der Staaten Chile und Deutschland, die jahrzehntelang zugesehen haben wie auf dem Koloniegelände Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden.“

Kasten:
Der Fall Paul Schäfer
Paul Schäfer, der Gründer und jahrzehntelange Chef der deutschen Siedlung Colonia Dignidad in Chile, wurde am 4. Dezember 1921 in Troisdorf bei Köln geboren. Als Kind verlor er ein Auge, weswegen er im zweiten Weltkrieg nicht Soldat, sondern Sanitäter in Frankreich wurde. Er gehörte nie der SS an, wie jahrzehntelang von der Presse behauptet wurde. Paul Schäfer war ein genialer Manipulator, der es verstand, seine Identität nach Belieben zu retouchieren.
Ab 1948 war er Jugendpfleger, Erzieher oder Heimleiter, wurde aber stets wegen seiner sexuellen Übergriffe auf Minderjährige entlassen. 1954 spaltete sich Schäfer mit einigen Anhängern vom Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden ab und gründet die Sekte Private Soziale Mission.
1960 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Kindesmissbrauchs. Er floh daraufhin 1961 mit etwa 200 AnhängerInnen, darunter vielen Kindern aus getrennten Ehen, nach Chile. Die Gruppe kaufte ein abgelegenes Stück Land, das als Colonia Dignidad bekannt wurde. Das Gut war nach außen abgeschlossen. Erzwungene Beichten, körperliche Strafen und zwangsweise verabreichte Medikamente erzeugten einen großen Innendruck. Schäfer war der unumschränkte Herrscher über dieses kleine Reich. Seine Privatsekte war 50 Jahre lang intakt und besteht in Bruchstücken heute weiter.
Schäfer missbrauchte täglich kleine Jungen, verbot jedoch sexuelle Kontakte zwischen den übrigen BewohnerInnen. Selbst Ehepaare mussten getrennt leben. Immer wieder versuchten SiedlerInnen zu fliehen, wurden aber wieder zurückgebracht und mit Prügeln und monatelanger Zwangsmedikamentierung bestraft. 1966 löste die Sekte den ersten großen Skandal aus, als dem Jugendlichen Wolfgang Müller die Flucht gelang und er über Misshandlungen berichtete.
Als der Sozialist Salvador Allende 1970 zum chilenischen Präsidenten gewählt wurde, fürchteten die stark antikommunistischen deutschen SiedlerInnen eine Enteignung. Militante RechtsextremistInnen bereiteten Allendes Sturz vor und gründen die Bewegung Patria y Libertad, die sich der Infrastruktur der Colonia Dignidad bediente. Auf diese Weise bekam die Sekte einen rechtsextremen Einschlag und fand Verbindungen zu nach Chile geflohenen deutschen HitleranhängerInnen.
Mit dem Putsch des chilenischen Militärs am 11. September 1973 wurde Schäfers Sekte zur politischen Verbrecherorganisation und zu einem Teil des chilenischen Militärstaates. Schäfer konnte sich auf Pinochet verlassen und dieser sich auf Schäfer.
1974 besuchte Pinochet die Siedlung. Die Colonia Dignidad kaufte Land hinzu, baute ihre Wirtschaftsunternehmen aus und integrierte sich in den Militärstaat.
Die Beziehungen zur deutschen Botschaft in Santiago waren während der härtesten Repressionsjahre gut. Der BND nutzte die Colonia Dignidad, um chilenische RegimegegnerInnen auszuspionieren, die in die deutsche Botschaft geflüchtet waren und um Asyl in Deutschland ersuchen wollten.
Ab Ende 1973 nutzte der chilenische Geheimdienst DINA die Colonia Dignidad als Folterschule und geheimen Haftort. Viele Gefangene verschwanden dort. Chilenische Militäreinheiten operierten von der Siedlung aus gegen angebliche Gueriller@s, die tatsächlich aber wehrlose Gefangene waren, die ermordet wurden.
Im März 1977 berichtete Amnesty International über das Folterlager in der Siedlung. Die deutsche Botschaft in Santiago reagierte auf den Bericht dadurch, dass Botschafter Strätling die Siedlung besuchte, sich von Schäfer herumführen ließ und sie dann von den Vorwürfen freisprach. Die Colonia Dignidad klagte gegen Amnesty und löste den längsten Zivilprozess in der Geschichte der Bundesrepublik aus. Amnesty gewann erst 1997.
1990 feierte die Colonia Dignidad mit einem Festakt ihr dreißigjähriges Bestehen. In diesem Jahr endete Pinochets Herrschaft; Schäfer aber herrschte noch weitere acht Jahre über seine Sekte. Zwar erkannte im Februar 1991 die chilenische Regierung der Sekte die juristische Person ab, faktisch aber blieb sie bestehen.
Schäfers Stellung wurde erst gefährdet, als ihn 1996 mehrere chilenische Eltern wegen sexuellen Missbrauchs ihrer Kinder verklagten. Die chilenische Justiz stellte einen Haftbefehl gegen Schäfer aus. Dieser verbarg sich erst in der Siedlung und baute dann ein Netz von Fluchtorten in- und außerhalb Chiles auf.
Erst 2005 konnte Schäfer in seinem argentinischen Versteck verhaftet werden, sieben Jahre nach der Verhaftung Pinochets in London. Seine AnhängerInnen hatten ihm Schweigen gelobt. Vielleicht reden sie nun. In der Siedlung gibt es unentdeckte Massengräber von chilenischen politischen Gefangenen. Das ins Ausland verschobene Schwarzgeld, das viele Millionen umfasst, könnte für die Entschädigung der Opfer verwendet werden.
// Dieter Maier und Jan Stehle

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