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Grüne Wüsten und verschmutzte Flüsse

In der weiten Grassteppe im Landesinneren von Uruguay grasen Kühe und Schafe und helfen unfreiwillig mit, Gras in Fleisch, Wolle und Leder zu verwandeln. Nur an den Ufern der Wasserläufe sind niedrig gewachsene Wälder zu finden. Ende der 80er Jahre stieg der Druck auf die Papierindustrie, nicht die verbleibenden Urwälder für Rohstoffe abzuholzen. Außerdem begannen die Diskussionen über die CO2-Emissionen und den globalen Treibhauseffekt. Findige Köpfe sahen die Chance gekommen, statt Viehherden Bäumchen zu züchten. Mit diesem Vorschlag besuchte eine Delegation der japanischen Entwicklungsagentur Uruguay. Ihr Vorschlag fiel auf derart fruchtbaren Boden, dass sie auch gleich den Gesetzesentwurf ausarbeiten durfte.
1987 wurde das Gesetz verabschiedet. Es sieht vor, dass bei Forstplantagen bis zu 50 Prozent der Investitionssumme von der öffentlichen Hand subventioniert und die Firmen von Steuern befreit werden (Anm. d. Red.: ähnlich lief es in Chile; s. LN 375/76). Die Anpflanzungen sollten sich theoretisch auf die kaum fruchtbaren Böden vor allem in Hanglagen beschränken. Aber diverse Schlupflöcher erlaubten es, auch Teile der fruchtbaren Böden am Río Uruguay mit Eukalyptus- und Fichtenmonokulturen zu bepflanzen.
Aktiengesellschaften mit engen Verbindungen zu hohen RegierungsbeamtInnen und MinisterInnen begannen daraufhin tausende Hektar Land zu bepflanzen. Mit buchhalterischen Tricks konnte eine Vollfinanzierung durch den Staat erreicht werden, und die Bäume schossen in die Höhe, heute auf einer Fläche von 700.000 Hektaren. Ein Großteil der Plantagen sind in ausländischer Hand: Den größten Anteil hat mit 140.000 Hektar das US-Unternehmen Weyenhausen Damit wurde das Problem des Bodenbesitzes in ausländischer Hand verschärft. Erst im Jahre 2005 strich die Frente Amplio-Regierung die direkten Subventionen, tastete aber die Steuerbefreiung für die Forstplantagen nicht an. Nach wie vor übernehmen zudem staatliche Stellen den Brandschutz dieser riesigen privaten Ländereien.

Umweltschädliche Bäume

Innerhalb von nur acht Jahren wachsen Eukalyptus-Bäume bis zu 20 Meter und können “geerntet” werden. Ihre langen Wurzeln dringen ins Grundwasser vor und saugen pro Tag bis zu 120 Liter aus dem Boden. Kein Wunder, dass der Grundwasserspiegel in wenigen Jahren rapide sinkt und die Landwirtschaft in den umliegenden Ländereien unmöglich macht. Zahlreiche Siedlungen wurden deswegen von ihren BewohnerInnen zwangsweise verlassen.
Ist der Boden einmal bepflanzt, gibt es kein Zurück mehr: Das Ausgraben der Wurzelstöcke wäre teurer als der Marktwert des Landes. Der durch die Bäume ausgelaugte Boden braucht dringend Nährstoffe, und die Monokulturen sind anfällig für Schädlinge. Das macht den massiven Einsatz von Chemikalien nötig. Viele BesitzerInnen von Bienenstöcken im Honigexportland Uruguay verloren durch die Monokulturen ihre Einnahmequelle. Denn die EU akzeptiert nur Honig, der mindestens 100 Kilometer von Forstplantagen entfernt produziert wurde.
Ein wiederkehrendes Argument für die Holzindustrie sind die Arbeitsplätze, vor allem für Frauen. Doch die Zahlen der lokalen Nichtregierungsorganisation Ciesu sprechen eine andere Sprache. Werden für 1.000 Hektar extensive Viehwirtschaft durchschnittlich sechs ArbeiterInnen gebraucht, sind es in der Forstwirtschaft nur gerade ma fünf. Der Männeranteil liegt bei über 90 Prozent. Eine kleinbäuerliche Bewirtschaftung dagegen schafft ein zehnfaches an Arbeitsplätzen.
Die Gewerkschaftszentrale PIT-CNT hat die Arbeitsbedingungen in der Forstwirtschaft wiederholt kritisiert und bemüht sich, die ArbeitnehmerInnen in diesem Sektor zu organisieren. Deren Bezahlung ist schlecht, und die Arbeitsbedingungen sind hart. Sie werden meist von Subunternehmen zweifelhafter Herkunft angeheuert und leben in isolierten Camps unter armseligen Bedingungen. Arbeitsunfälle sind häufig und oft kommt es sogar zu Todesfällen. Die Gewerkschaft der Angestellten des Arbeits- und Sozialministeriums hat außerdem Kinderarbeit und Formen von Leibeigenschaft in den Holzfällercamps angeprangert. Das Arbeitsministerium unter der neuen Regierung kündigte verschärfte Kontrollen an.
Die durch die harte Arbeit geernteten Stämme werden auf Lastwagen zum Hafen gefahren und nach Europa, Japan und in die USA exportiert. Einige werden zu Holzchips zerstückelt, um damit die Papierfabriken im Norden zu füttern. Der Exportwert für das Jahr 2005 wird auf rund 100 Millionen Euro mit steigender Tendenz geschätzt – rund vier Prozent der Gesamtexporte. Bisher wurde weder eine Umweltstudie zu den Forstplantagen erarbeitet, noch die ökologischen und sozialen Kosten berechnet. Auch die Beanspruchung des Straßennetzes durch die schweren Lastwagen taucht bislang in keiner Rechnung auf. Der Nutzen für die lokale Wirtschaft ist umso geringer, als der Großteil der Plantagen in der Hand ausländischer Firmen ist.
Um Bäume zu Papier zu verarbeiten, sind Zellulosefabriken vonnöten. In Europa werden diese zunehmend kritisiert, da sie Luft und Wasser stark belasten. Also wurden unter anderem in Brasilien, Chile – gegen lokalen Widerstand – Zellulosefabriken gebaut. Auch in Uruguay sind zwei solche Fabriken geplant – mit spanischem beziehungsweise finnischem Kapital. Insgesamt 1,5 Millionen Tonnen Holz wollen die Konzerne Ence und Botnia zu Zellulose verarbeiten und vom Freihandelshafen in den Norden verschiffen. Gebaut werden sollen beide Fabriken in der Kleinstadt Fray Bentos an der Grenze zu Argentinien – in einer extra für sie eingerichteten zollfreien Zone, da sie angeblich sonst nicht rentabel wären.

Die „Segnungen“ des Kyoto-Protokolls

Ende 1997 wurde das Kyoto-Protokoll als Zusatzprotokoll zur Klima-Rahmenkonvention der Vereinten Nationen verabschiedet. Es definiert für die unterzeichnenden Staaten feste Reduktionsziele für Treibhausgase, darunter auch Kohlendioxid (CO2).
Forstplantagen finden als CO2-Verbraucher Berücksichtigung. Dadurch werden Forstmonokulturen zu einem doppelt rentablen Geschäft. Es wird billig Holz für die Papierindustrie produziert und außerdem können die getätigten Investitionen als CO2-Kredite verkauft oder für CO2-intensive Produktionsbereiche verwendet werden. Im Endeffekt wird damit der globale Treibhauseffekt nicht wesentlich vermindert, aber die europäische Ökobilanz auf Kosten der Böden und Grundwasservorkommen anderer Länder aufpoliert.
Die uruguayische Tageszeitung “La República” berichtete am 7. April 2005 über die Unterzeichnung eines Abkommens mit Frankreich “zur Förderung von umweltverträglichen Forst- und Industrieprojekten” im Rahmen der Umsetzung des Kyoto-Protokolls. “Die großen Forstplantagen in Uruguay entstanden auf Grund derartiger Abkommen”, verdeutlicht der Artikel und weist darauf hin, dass Uruguay bereits ähnliche Abkommen mit Holland, Kanada, Spanien und Italien abgeschlossen hat.
Noch weiter gehen Investitionsschutzabkommen wie das zwischen Finnland und Uruguay, das 2004 noch gegen den Widerstand der Abgeordneten der Frente Amplio im Senat abgesegnet wurde. Damit ist der uruguayische Staat haftbar für Verluste finnischer Investoren durch Gesetzesreformen, Wettbewerbsverzerrung; wie zum Beispiel die Bevorzugung lokaler ProduzentInnen für staatliche Aufträge, oder Umweltauflagen, die die wirtschaftliche Freiheit behindern.
Doch in der Regierung hat die Frente Amplio ihre Position gründlich revidiert. Wirtschaftsminister Astori schwärmt von der größten Auslandsinvestition in der Geschichte des Landes und aus dem Umweltministerium heißt es, die Fabriken würden die Umwelt gar nicht belasten. Alles deutet darauf hin, dass der Schwenk der Frente Amplio auf ein Treffen des frisch gewählten Präsidenten Tabare Vázquez mit Vertretern des Zellulose-Konzerns Botnia am 24. Januar 2005 folgte.
Inwieweit dabei Schadenersatzdrohungen für entgangene Gewinne und Planungskosten eine Rolle gespielt haben, wurde bislang nicht bekannt.
Vor allem Umweltkreise und große Teile der Basis der Regierungskoalition kritisieren die Zellulosefabriken. Die Steuerbefreiung für die Fabriken stößt vielen sauer auf. Zumal die angekündigten Investitionen von rund zwei Milliarden US-Dollar größtenteils für Käufe im Ausland vorgesehen sind, und der uruguayischen Wirtschaft gar nicht zu Gute kommen. Zudem wurde die Umweltverträglichkeitsprüfung für die Baubewilligung von den Unternehmen in Eigenregie erstellt – und ergab zum Erstaunen aller, dass die Fabriken im Extremfall drei Tage Gestank für die NachbarInnen bedeuten würden.
Namhafte ExpertInnen haben dieses Gutachten denn auch öffentlich zerpflückt. Sie weisen darauf hin, dass der uruguayische Staat kaum in der Lage sein wird, die Schadstoffausstöße der Fabriken zu kontrollieren. Dies sind circa 100 Millionen Liter Abwasser pro Tag, die auch Dioxin enthalten. Die ständige Duftwolke wird unter anderem den nahen Badeort Las Cañas einhüllen, dessen Gäste in der Saison Arbeit für über 1.200 BewohnerInnen bedeuten. Dies lässt das Arbeitsplatzargument der angeblichen 600 neuen Stellen – vor allem technisch qualifiziertes Personal, das in der Gegend kaum zu finden ist – zwar in einem schiefen Licht erscheinen, hat aber seine Wirkung in der Gegend trotzdem nicht verfehlt. Schließlich stinkt es während der zweijährigen Bauphase nicht, doch werden tausende ArbeiterInnen benötigt.
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt ist, dass die Zellulosefabriken ein nicht nachhaltiges landwirtschaftliches Modell zementieren und sogar ausbauen. Die Unternehmen kaufen in der Gegend massiv Land auf mit der Absicht, die Forstplantagen auf fruchtbare Böden auszudehnen, um die durch die Fabriken geschaffene Nachfrage zu befriedigen.

Der Widerstand wächst

Angesichts der großen Forstplantagen, die mittelfristig nicht mehr rückgängig zu machen sind, stellt sich die Frage nach Alternativen. Aufgrund der hohen Ölpreise wird es wirtschaftlich interessant, Holz für die Energieerzeugung zu verwenden. Ein anderer Vorschlag ist die Einrichtung von kleinen Sägewerken, die durch den Bau von Möbeln und Holzhäusern lokal Wert und Arbeit schaffen.
In Spanien und Chile formierte sich Widerstand gegen die Papierherstellung. In Galizien wurde eine Fabrik sogar wegen der Proteste geschlossen werden.
Auch am Río de la Plata wächst die Ablehnung. Tagelange Straßenblockaden an den Grenzbrücken auf argentinischer Seite sollten den TourstInnenfluss nach Uruguay zur Jahreswende mindern. Doch die Auseinandersetzung ist mittlerweile derart angeheizt und von nationalistischem Gedankengut dominiert, dass eine vernünftige Debatte nur noch schwer möglich ist. Zugleich stehen in Uruguay Regierung und Oppositionsparteien hinter den fragwürdigen Investitionen.
Von offizieller Seite wird bislang weiterhin mit Enthusiasmus auf Ausbau gesetzt und ein Baustopp bei Botnia ebenso strikt abgelehnt wie eine Planungspause im Fall Ence. Der finnisch-schwedische Konzern Stora Ense hat angekündigt, ebenfalls eine Zellulosefabrik bauen zu wollen, für die über 100.000 Hektar im Landesinneren aufgekauft und mit grünen Wüsten überzogen werden sollen.

Der Autor dankt María Selva von der lokalen Umweltorganisation Redes-AT für ihre Mitarbeit an diesem Artikel.

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