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GUTE HAARE, SCHLECHTE HAARE

Venezuela, in einer ärmlichen Vorstadt von Caracas. Es ist eine Welt, in der man nicht Kind sein darf. Eigentlich wollte der neunjährige Junior seiner verwitweten Mutter Marta nur bei der Arbeit helfen, beim Putzen des Hauses einer weißen, reichen Familie. Als er sich daran macht, die Badewanne zu schrubben, kann er der Versuchung nicht widerstehen und lässt sich in die vollgelaufene Wanne gleiten, bis alle Anspannung von ihm weicht, er rücklings den Kopf ins Wasser taucht, und nur noch sein Gesicht mit träumerisch geschlossenen Augen daraus hervorschaut. Als die Hausherrin ihn dabei erwischt, ist der Traum schlagartig vorbei. Ein ganz normaler Kinderstreich kostet Juniors Mutter den Job. Die hat wenig Verständnis für die Verspieltheit ihres Sohnes – dafür aber umso mehr Verbitterung gegen ihn übrig.
Diese Anfangsszene gibt den Ton an für Mariana Rondóns preisgekrönten Film Pelo Malo, auf Deutsch: Schlechtes Haar. Mit seinem dunklen, gelockten Haar und der etwas dunkleren Haut hat der kleine Junior in einer von weißen Schönheitsidealen geprägten Klassengesellschaft zu kämpfen. Zusammen mit dem Nachbarsmädchen sieht er auf Fotos und im Fernsehen weiße Popsänger mit glatten Haaren und Schönheitswettbewerbe mit schlanken Frauen an. Wenn der Fernseher nicht läuft, hören sie abends die Schüsse von der Straße und spielen mit Figuren Schießereien und die Flucht vor einer Vergewaltigung nach. Juniors einzige Oase, das Tanzen oder Singen zu Musik, wird von Marta missbilligt oder sogar untersagt.
Das belastete Verhältnis zwischen Mutter (Samantha Castillo) und Sohn (Samuel Lange Zambrano) wird in Rondóns Film mit schmerzhafter Präzision dargestellt und schauspielerisch auf die Spitze getrieben. Böswillige Blicke, Momente des Schweigens und stichelnde Kommentare erzeugen eine angespannte Stimmung – die auch manchmal kippt: Etwa als die Mutter scheinbar wohlwollend mit ihm tanzt, und ihr Lied auf einmal zu einem aggressiven Gesang wird, in dem sie Junior anschreit und ihre angestaute Wut auf ihn herauslässt.
Die psychologische Tiefe dieser sozialkritischen Erzählung legt die rassistischen und gleichzeitig die sexistischen Strukturen der venezolanischen Gesellschaft offen. Während Marta Junior bei jeder Berührung gereizt von sich schiebt, sieht man sie mit ihrem jüngsten Sohn zärtlich und verträumt. Der wiederum hat glatte Haare, weiße Haut und scheinbar einen anderen Vater als Junior. Während Marta sich daran stört, dass der Neunjährige nicht männlich genug ist, muss sie selbst sich ihren Job durch Sex mit dem Chef erkämpfen, und ist der frauenfeindlichen Gesellschaft in ihrer Position als alleinerziehende Mutter ausgeliefert. Doch auch Junior selbst verinnerlicht den gegen ihn gerichteten Rassismus und beleidigt etwa seine Großmutter väterlicherseits – die immerhin noch schwärzer ist als er – mit „du stinkst“. Auch mit dem Nachbarsmädchen, seiner einzigen Komplizin im Film, kommt es immer wieder zu Sticheleien, die klassistische und rassistische Beleidigungen aufgreifen. Beide bereiten sich auf das Foto vor, das für den Schulbeginn von ihnen gemacht werden soll. Sie träumen von einem anderen Bild ihrer selbst – was von kindlicher Fantasie, aber auch von gesesllschaftlichem Druck zeugt.
Trotz dieses trostlosen Themas gelingt es der Regisseurin, einen Film mit Witz zu verwirklichen, der durch eine ästhetische Kameraführung und die psychologische Tiefe der Charaktere bereichert wird. Für Außenstehende mag diese Momentaufnahme der venezolanischen Vorstadt zum Teil romantisiert oder dramatisiert wirken – aber der dort herrschende Rassismus ist real. Rondón selbst weiß das als Venezolanerin nur zu gut und erzählt mit viel Feingefühl von den geselllschaftlichen Widersprüchen in ihrem Land.

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