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Honduras in Mexiko

Doña Nora sitzt unter einem bunten Sonnenschirm. Denn in der Sackgasse, die zur Migrations­­behörde führt, brennt unbarmherzig die Mittagssonne nieder. Der Strom für Laptop und Drucker kommt aus dem Schnellrestaurant hinter ihrem kleinen Stand. An diesem Morgen sind ihre Dienste viel gefragt: Von Männern und Frauen, zumeist aus Mittelamerika und vor allem aus Honduras, denen Nora Rodríguez zielstrebig beim Ausfüllen der Internetformulare hilft.
Doña Nora ist stets modisch gekleidet, ein breiter Gürtel liegt um ihre Hüften. Ihre Wimpern sind dicht getuscht. Wenn sie von ihrer eigenen Migration erzählt, treten Tränen darunter hervor. Vor zehn Jahren ist sie aus Honduras aufgebrochen, um ihre Kinder durchzubringen. In die USA zu gelangen, war ihr Traum. Damit scheiterte sie schon an der zweiten Grenze, die sie überquerte. „In Tapachula hatte ich kein Geld mehr, aber mit „La Bestia“, dem Güterzug, weiter Richtung Norden zu reisen, traute ich mich nicht.“ Dieser ist oft das einzige Trans­port­mittel, das Abertausenden Migrant_innen aus Mittelamerika auf dem Weg durch Mexiko bleibt – abseits der Landstraßen, die von der Migrationspolizei kontrolliert werden.
Nora Rodríguez begann damals als Hausmädchen in Tapachula, im südlichsten Zipfel des mexikani­schen Bundesstaates Chiapas, zu arbeiten. „Doch als Migrantin versuchen viele Leute, sich an einem zu bereichern.“ Oftmals wurde ihr der Lohn vorenthalten. „Es war eine schwere Zeit“, seufzt sie. Fast jeden Tag wird sie daran zurückerinnert, wenn sie anderen Migrant_innen dabei hilft, eine Arbeits­erlaubnis in Mexiko zu erhalten – und damit bessere Jobaussichten zu angemessenen Löhnen. Denn Rechtlosigkeit und Rassismus gehen oft Hand in Hand. „Egal wie lange wir hier schon leben, ob Jahre oder Jahrzehnte: Sie sehen uns nie einfach nur als Menschen, sondern immer als Migranten, die sie mit einem Haufen von Vorurteilen überschütten.“
Zunächst war Doña Noras selbstgewählte Tätigkeit einfach eine Chance, abseits ausbeuterischer und diskriminierender Arbeitsverhältnisse ein Einkommen zu schaffen. Schnell entwickelte sie Herzblut, ihren paisas, ihren Landsleuten durch den Wust der zur Legalisierung notwendigen Anforderungen und Unterlagen zu helfen. In Mexiko ist es tatsächlich in wenigen Jahren möglich, eine permanente Aufent­halts­genehmigung zu bekommen, und mit dem Nachweis von stabilen Arbeits- oder Familien­verhältnissen sogar relativ bald die Staatsbürgerschaft zu erlangen. Haupthindernis sind dabei die kafkaesk anmutenden Praktiken der staatlichen Migrationsbehörde INM, die französische Sprach­lehrer_innen wie honduranische Bauarbeiter_innen gleichermaßen verzweifeln lassen.
Doch für Letztere lasten die Unkosten der Legalisierung schwerer auf der schmalen Geldbörse. „Früher waren 500 Pesos pro Jahr zu zahlen, heute sind es mehr als 3000 Pesos.“ Die umgerechnet knapp 200 Euro sind eine Hürde für die Mehrheit der Migrant_innen, die sich im informellen Sektor gerade so durchschlagen. Diese versucht Nora Rodríguez zu organisieren. Die sozialen Netze, die sich über die Jahre rund um eine Handvoll Herbergen und das honduranische Konsulat gebildet haben, sind mittlerweile über ganz Tapachula gespannt.
In den mexikanischen Medien und in der Gesellschaft hingegen würde Migration zumeist als etwas Skandalöses und höchst Dramatisches dargestellt, bekundet die Soziologin Carmen Fernández, die am Studienzentrum CIESAS forscht und lehrt. „Berichtet wird über Zugunfälle und ruchlose Schlepper, über menschliche Tragödien und kriminelle Netzwerke. Doch es gibt auch eine Migration, die ganz alltäglich und still vor sich geht. Menschen entscheiden sich zum Leben im Nachbarland und bauen sich ganz allmählich eine Existenz auf. Und in der südlichen Grenzregion Mexikos kann man deswegen seit ein paar Jahren honduranische baleadas zu essen finden und Samstagabends wird punta auf der Tanzfläche gespielt.“
Die schnellen Rhythmen von der honduranischen Karibikküste erklangen zunächst in den ausgedehnten Rotlichtzonen in und um Tapachula. Dort sind fast ausschließlich Frauen aus Mittelamerika, in der Mehrheit aus Honduras, angestellt. Denn infolge der Illegalisierung durch die regionale US-Migrationspolitik, die Mexiko zu einem Filter auf dem Weg in die USA macht, wird Mittel­amerika­ne­rin­nen in anderen Bereichen kaum Arbeit angeboten. Im Umkehr­schluss wird in einer Verknüpfung rassistischer und sexistischer Vorurteile in der mexikanischen Grenzregion angenommen, dass Frauen aus Honduras „besonders freizügig“ wären. Die Exotisierung der südlichen Nachbarinnen stachelt die Begierde mexikanischer Männer an, die die Prostitution in der Grenzregion nicht selten als ganz normale Abendveranstaltung wahrnehmen. Die überdimensionale Nachfrage nach Minder­jährigen wird dabei nicht selten mit der angeblichen „Frühreife der Honduranerinnen“ gerechtfertigt.
Viele tapachultekische Frauen sprechen davon, dass „Honduranerinnen Ehemänner rauben“. Das Zusammenspiel von machismo und marianismo wird hier gewahr: Ehefrauen und Mütter werden zu „Heiligen“, zur Maria, Mutter Gottes, stilisiert, während Sexualität und Lust als rein männlich definiert und von Männern mit „Huren“ abseits des Ehebetts in Motels und Bordellen ausgelebt werden. Geschlechter­bilder, an denen die Gesellschaft in der Grenzregion krankt.
Doch Prostitution findet auch in heruntergekommenen Pensionen und auf öffentlichen Plätzen im Stadt­zentrum Tapachulas statt. Hier sind auch männliche migrantische Jugendliche, die auf der Straße leben, zu finden. Denn immer mehr Kinder und Jugendliche fliehen vor der Gewalt der Jugend­banden in Mittelamerika. Diese führen in den marginalisierten Vierteln Zwangsrekrutierungen durch und haben engmaschig ihre Territorien abgesteckt. Das bringt die Jugendlichen, die sich über die unsichtbaren Grenzen hinausbewegen, als vermeintliche Spitzel in die Schusslinie der feindlichen Bande.
In der Straßenkinderherberge Todo por Ellos finden die minderjährigen Geflüchtete Unterschlupf. Die meisten von ihnen kommen aus Honduras. „Auf der Straße sind sie Ausbeutung und sexuellen Übergriffen seitens Polizei und Passanten schutzlos ausgeliefert“, berichtet Prediger Ramón Verdugo, der Leiter der Herberge. Doch immer öfter stehen ganze Familien vor seiner Tür. Wie Ingrid und Jorge, die mit ihren beiden kleinen Kindern aus dem honduranischen San Pedro Sula geflohen sind. „Unser vages Ziel war die USA. Doch jetzt überlegen wir, hier in Tapachula zu bleiben und einen Asylantrag zu stellen“, erzählt Ingrid.
Ramón Verdugo hat ihnen vorübergehend ein Dach über dem Kopf gewährt. Vor einem Jahr musste er selbst in die USA fliehen, da er die Verstrickungen der Stadtregierung in die Ausbeutung von minderjährigen Guatemaltek_innen öffentlich machte. Diese Kinder und Jugend­lichen, die Tag und Nacht an jeder Straßenampel Tapachulas Kaugummis und Zigaretten verkaufen, sind so omnipräsent wie unsichtbar in der Stadt. Niemand grüßt sie, wie es sonst zum höflichen Standard gehört, doch alle nehmen ihre Serviceleistungen in Anspruch. Dass sie keinen mexikanischen Pass besitzen, scheint jegliches Mitgefühl der sonst vor Kinderliebe überschäumenden Bevölkerung wegzuwischen.
Dabei gehört die chiapanekische Küstenregion erst seit 172 Jahren zu Mexiko und die Grenzlinie zum ehemaligen Vaterland Guatemala, die heute keine halbe Autostunde von der Stadt entfernt ist, wurde erst im Jahr 1882 endgültig festgelegt. Und nicht nur Tapachula, sondern auch die Klein­städte entlang der Tiefebene der Pazifikküste sind durch die letzten beiden Jahrhunderte hindurch bis heute von Migration und Einwanderung aus Ländern wie China, Japan, Deutschland, den Vereinigten Staaten, dem Libanon und dem nordwestlich gelegenen Bundesstaat Oaxaca geprägt. Nichtsdesto­trotz ist ein latenter Rassismus gerade gegenüber Menschen aus Mittelamerika allgegenwärtig. Der Begriff „Migrant“ kommt einem Schimpfwort gleich.
In Tapachula soll deswegen in den nächsten Jahren ein Museum der Migration (MUMISOC) entstehen, nicht zuletzt, um die Identitätswahrnehmung der Bevölkerung mittels museums­pädago­gischer Arbeit zu revidieren. „Aktuelle Migrationen werden als etwas Bedrohliches wahrge­nom­men“, konstatiert der Psychologe Santiago Martínez, der an der Ausarbeitung des Museums­projekts beteiligt ist. Ausgeblendet wird dabei der eigene Migrationshintergrund. „Kaum eine Familie in Tapachula blickt auf rein mexikanische Vorfahren zurück. Da kommt die Großmutter aus dem Libanon, der Vater ist aus Guatemala eingewandert, oder der Nachname der Mutter ist Sonnemann oder Chang.“ Der kulinarische, linguistische, architektonische und kulturelle Reichtum der südlichen Grenzregion Mexikos basiere auf diesem kosmopolitischen Gefüge in der sonst so ländlichen Region.
Aktuell lassen die Zahlen von honduranischen Einwanderer_innen die Bevölkerung der prosperie­ren­den Grenzstadt anschwellen. Prosperierend nicht zuletzt, weil Erntearbeiten und Bauarbeiten, reproduktive Arbeit und Haushaltsarbeit, Gastronomie und Service fast zu 100 Prozent von Migrant_innen getragen wird, während sich der mexikanische Teil der Bevölkerung bildungs-, einkommens- und ansehensstärkeren Berufsfeldern widmen kann.
Doch in vereinzelten Fällen findet auch „Brain Drain“ statt. So arbeiten Karla und Astrid, zwei junge Geigenvirtuosinnen aus Honduras, als Musiklehrerinnen an einer neugegründeten Kunst­akademie in Tapachula und bauen ein Jugendsymphonieorchester auf. In der Stadt ist kaum Fachpersonal für bildende Künste zu finden und aus anderen Teilen des Landes wollen nur die wenigsten in den abgelegenen, provinziellen Boomtown ziehen. So sind es begabte und gut ausgebildete Künstler_innen aus den karibischen und mittelamerikanischen Hauptstädten, die zum Arbeiten hierher kommen.
Vor den Feiertagen treffen Astrid und Karla viele Wahltapachultek_innen im Ticabus, der die Auswanderer_innen in einer eineinhalb-Tagesfahrt von Tapachula zurück nach Tegucigalpa bringt – der honduranischen Hauptstadt mit den unzähligen unverputzten Häusern auf den Hügelketten, den Kolonialbauten und roten Ziegeldächern im Tal.

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