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HUNGER, VERZWEIFLUNG, CHOLERA

Die Medizinerin Danielle Perreault von Ärzte ohne Grenzen war schockiert. Noch Tage nach dem Karibiksturm „Matthew“ über den ärmlichen Südwesten Haitis gezogen war, herrschte Chaos im kleinen Gebirgsweiler Pourcine. Der Bürgermeister hatte einen Boten in die nächste Stadt geschickt, um schnelle Hilfe zu holen. Aber der permanente Regen, der auch noch Tage nach dem Sturm den Boden durchnässte, und die tiefhängenden Wolken machten einen Hubschrauberflug in die Berge unmöglich. Drei Stunden hatte Perreault Zeit, als der Rettungshelikopter dann endlich fliegen konnte, um Erste Hilfe zu leisten.
Das Krankenlager wurde mitten auf einem Feld eingerichtet. Männer schleppten Verletzte aus der Umgebung heran und lagerten sie auf Schulbänken. „Während ich die schwersten Wunden behandelte, versorgten die mitgeflogenen Krankenschwestern Leichtverletzte“, berichtete Danielle Perreault. Auch Cholerainfizierte wurden herangebracht. „Ich bin immer noch schockiert“.
Als Matthew am 4. Oktober bei Tiburon, am südwestlichsten Zipfel des Landes auf Land traf, zerstörte der Hurrikan der Kategorie 4 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 230 Stundenkilometern und sintflutartigen Regenfällen eine der ärmsten Regionen Haitis. Der „große Süden“ liegt als Folge des Sturms im wahrsten Sinne des Wortes am Boden.
Die Hafenstadt Jérémie, die am Rand des Monstersturmzentrums lag, bietet auch vier Wochen danach ein Bild der Verwüstung. Wind und Fluten haben die Slumvororte der gut 30.000 Einwohner*innen-Stadt fast dem Boden gleich gemacht, ein Inferno aus Holzstücken, Wellblechplatten und Möbelresten. 80 Prozent der Stadt sind nach Angaben von Jean-Michel Vigreux, Direktor der Care Haiti, ein Trümmerfeld. Nach Informationen von Ärzte ohne Grenzen wurde das Krankenhaus der Provinzstadt völlig zerstört.
In die Ortschaft Chantal gelangten die Helfer*innen nur mit Hilfe einer instabilen Bretterkonstruktion über den Fluss. Trinkwasserflaschen, Decken, Lebensmittel, Verbandsmaterial und Medikamente mussten von Freiwilligen über die Behelfsbrücke balanciert werden. Zahlreiche kleine Brücken in der Region sind zusammengebrochen. „Wir hungern“, schreit eine junge Haitianerin in einem Bericht des dominikanischen Fernsehsenders SIN in die Kamera. „Alle Vorräte und Lebensmittel hat der Sturm zerstört.“
Chaos herrscht auch bei der Verteilung von Hilfslieferungen. Verzweifelte versuchten Lebensmittelrationen von den Lastwagen zu reißen. UN-Blauhelmsoldat*innen versuchten vergeblich mit Schüssen in die Luft die Ordnung bei den Verteilaktionen wieder herzustellen. Sogar durch Einrichtung von Straßensperren wollten Hungernde an Hilfslieferungen kommen.
„Die Ernten der Menschen sind ebenso zerstört, wie die Häuser und Fischerboote“, berichtet Jürgen Schübelin nach seiner Rückkehr aus der Katastrophenregion. „Die Situation ist hochdramatisch“, sagt der langjährige Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik der in Duisburg angesiedelten Kindernothilfe (KNH). „Die Starkregen lassen kaum nach. Im Süden stehen fast keine Bäume und Bananenstauden mehr. In den Küstenregionen im Nordwesten sind die wichtigen Salinen komplett überflutet“, betont Schübelin. „Dabei ist rasche Hilfe jetzt so wichtig.“ Die KNH hat insgesamt 16 Schutzzentren für Kinder aufgebaut, in denen rund 2.000 Mädchen und Jungen mit Nahrungsmitteln und  medizinisch versorgt werden können.
Nach einer Bilanz des Ausbildungs- und Forschungszentrums für wirtschaftliche und soziale Entwicklung (CRESFED) ist die gesamte Infrastruktur dieser Departements betroffen. Zwei Drittel der Straßen, die erst vor knapp sechs Jahren gebaut wurden, seien zerstört, 350.000 Tiere ertrunken. Die Bananen-, Mango- und Palmenpflanzungen sind nahezu vollständig vernichtet. Mittelfristig werde dies eine noch schlimmere Auswirkung auf die ohnehin fragile Ökologie haben, befürchtet CRESFED. Die Bohnenernte stand in diesen Wochen an. Aber 80 Prozent der Pflanzungen sind zerstört. Der Preis für ein Pfund Bohnen, ein Grundnahrungsmittel im Armenhaus Lateinamerikas, hat sich auf den Märkten bereits um 50 Prozent erhöht.
Die Schadensbilanz nach einer Aufstellung des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheit (OCHA): 2,1 Millionen Menschen sind in Haiti von dem Sturm betroffen gewesen, mindestens 1,4 Millionen Menschen brauchen Hilfe, weil sie ihre Häuser verloren, keine Lebensmittelvorräte und keinen Zugang zu Trinkwasser mehr haben. Tausende wurden verletzt und brauchen gesundheitliche Versorgung. Die Welt- und die Interamerikanische Entwicklungsbank beziffern den Schaden auf rund 124 Milliarden haitianische Gourde, umgerechnet rund 1,7 Milliarden Euro.
„Einige Städte und Dörfer sind fast von der Landkarte gefegt worden. Mindestens 300 Schulen wurden beschädigt“, alarmierte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die internationale Staatengemeinschaft. Nach Einschätzung der OCHA-Helfer*innen vor Ort werden fast 110 Millionen Euro benötigt, um rund 750.000 Menschen, die die Hilfe am dringendsten brauchen würden, in den nächsten drei Monaten zu versorgen. Darunter sind rund 315.000 Kinder. Aber einen Monat nach dem Wirbelsturm hat die UN lediglich 28 Prozent Finanzzusagen aus den Mitgliedsstaaten erhalten.
Nach Angaben der haitianischen Zivilschutzbehörde in Port-au-Prince starben offiziell 546 Personen. Diesen Todesziffern widerspricht das haitianisch-karibische Nachrichtennetzwerk (HCNN). Das HCNN beziffert die Zahl der Umgekommenen aufgrund einer Vorortrecherche in den einzelnen Gemeinden und Befragung der Bürgermeister*innen auf über 1.300.
Die Zahl dürfte sich in den nächsten Wochen durch die zahlreichen Cholera-Erkrankten noch erhöhen. Bei den Überschwemmungen wurden auch die Latrinen und Friedhöfe im Land überflutet. Da kein oder kaum sauberes Trinkwasser vorhanden ist, nutzen die Menschen kontaminiertes Wasser aus den Flüssen und Zisternen zum Trinken und Kochen. Mindestens 160 Cholera-Tote wurden bisher laut HCNN aus dem Katastrophengebiet gemeldet.
Innerhalb von nur sechs Jahren hat Haiti damit drei Katastrophen erlebt. Bei dem großen Erdbeben 2010 rund um Port-au-Prince wurden mehr als 250.000 Menschen getötet. Noch immer leben Tausende in Behelfsunterkünften, die jetzt überschwemmt wurden. Wenige Monate nach dem Erdbeben brach eine Cholera-Epidemie aus. Etwa 800.000 Menschen erkrankten, rund 10.000 starben. Die wegen des Sturms abgesagten Präsidentschaftswahlen werden jetzt am 20. November stattfinden. Niemand geht davon aus, dass bereits im ersten Wahlgang ein*e Sieger*in feststehen wird.

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