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Im Kampf um die Erde der roten Menschen

Im dichten Blätterwerk am Flussufer raschelt es, ein Tier bewegt sich. Ein großes Tier muss es sein. Oswaldo und Ireneu greifen zu Pfeil und Bogen, zielen und schießen gerade noch rechtzeitig, bevor die Kuh im Unterholz verschwinden und flüchten kann. Endlich etwas zu jagen, endlich etwas zu essen für die beiden Jungen und für Ihre Familie vom Stamm der Guarani-Kaiowa. Sie kampieren am Rande eines Feldes, das heute dem Großgrundbesitzer Lucas Moreira gehört und früher ihr Stammesland war. Sie bereiten eine retomada, eine Landbesetzung, der Rinderfarm vor.
Zu Jagen gibt es hier eigentlich nichts. Zu Essen auch nicht. Wasser holen sie sich vom nahen Fluss. Die Indigenen im Camp haben kein fruchtbares Feld, das sie bestellen könnten, wie jenes, auf das sie nun täglich schauen. Doch das gab es ebenso wenig in dem Reservat, aus dem sie hierher gezogen sind. Dort war die Situation so hoffnungslos, dass sich die indigene Gruppe zur Besetzung entschloss.
Nach der Jagd schleppen Oswaldo und Ireneu blutverschmiert und verschwitzt eine riesige Rinderkeule zurück zum Camp. Sie mögen sich zwar freuen, aber es ist zu offensichtlich, dass ihr Glück von kurzer Dauer sein wird, denn ihre Beute war Teil von Moreiras Rinderbestand.
„Von denen hat er mehr als genug“, wird Maria, Moreiras Tochter, später sagen. Und es scheint, als hätte er von allem genug: Vieh, Land, Geld, Arbeit, die richtigen Kontakte und damit Macht und Einfluss wann und wo immer er es braucht. Gegen ihn und sein Auftreten wirken die Guaraní-Kaiowa verloren und ausgeliefert. Verzweiflung und Ohnmacht prägen ihr Dasein ebenso wie Respekt ihren Traditionen und Rechten gegenüber. Über lange Strecken scheint es, als siege die Verzweiflung. Wir erfahren sehr früh, dass Selbstmorde unter jugendlichen Indigenen keine Seltenheit sind. Sie finden im Leben im Reservat zwischen indigenen Traditionen und moderner brasilianischer Gesellschaft keine Perspektive: Gehen sie als ErntehelferInnen zum Arbeiten auf die Felder der LandbesitzerInnen, um wenigstens ein paar Groschen einstecken zu können, verraten sie ihre Familie und den Stolz, sich der Macht derer, die Land besitzen, zu widersetzen. Lassen sie es sein, bleibt ihnen nicht einmal genug Geld für Reis und Bohnen.
Eingesperrt in der Enge und Armut des Lebens im Reservat, verdingen sich die Indigenen als Touristenattraktion. So werden sie Teil unzähliger Erinnerungsfotos von Brasilienreisenden, die in exquisiten Vogelbeobachtungstouren in kleinen Booten „die Wildnis erkunden“. Organisiert und angeboten werden die Touren mit Fernglas und Kamera von Moreiras Frau. Zu einer wirklichen Begegnung und Berührung mit dem indigenen Alltag kommt es nie. Das komfortable Leben der LandbesizterInnen und die kärgliche Existenz der Indigenen könnten unterschiedlicher nicht sein.
Birdwatchers, der in Venedig mit dem UNESCO Filmpreis ausgezeichnet wurde, erzählt, wie weit voneinander entfernt Weiße und Indigene leben, obwohl ihre Welten sich tagtäglich berühren. Ausgelebt wird die gegenseitige Neugier jedoch vor allem von den Jüngeren. In einer Romeo-und-Julia-ähnlichen Nebenhandlung erkunden sich Oswaldo und Maria. Sie als gelangweilte Tochter des Großgrundbesitzers auf Abenteuersuche, die sich herausgefordert fühlt von Oswaldo und seinem bisweilen absonderlichen Gebaren, das ihn auf seinem Ausbildungsweg zum Schamanen auszeichnet.
Doch letztlich scheitert der Kontakt zwischen den beiden Welten. Dies zu zeigen, war auch das Anliegen des italienisch-chilenischen Autors, Regisseurs und Co-Produzenten Mario Bechis. „Seit 500 Jahren gibt es den Kontakt zwischen den Nachfahren von Europäern und Indigenen. Und seit 500 Jahren hat sich der grundlegende Konflikt, der Landkonflikt, kaum gewandelt“, erklärte er gegenüber den Lateinamerika Nachrichten. Auf die gewaltsamen Sequenzen im Film folgt als Kontrapunkt oft eine ruhige Kameraeinstellung, die von barocker Sakralmusik untermalt wird. Diese wirkt meditativ, als stehe sie über den weltlichen Dingen. Die Musik stammt aus der Feder von Domenico Zipoli, einem italienischen Jesuiten, der Anfang des 18. Jahrhunderts auf einer Guaraní-Mission in Paraguay wirkte. Die Werke schrieb Zipoli für die Chöre der Indigenen in den Kirchen der Jesuiten. „Die Musik Zipolis war ein Versuch, die Indigenen in die westliche Kultur zu integrieren. Heute müssen wir feststellen, dass dieser Versuch misslungen ist“, erzählt Bechis weiter. Diese alte Musik schafft ein Gefühl für die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit, mit der die indigene und die weiße Welt nebeneinander existieren. Sie lässt die ZuschauerInnen die archaische Qualität des Konflikts spüren.
Mario Bechis erzählt nüchtern und einfühlsam über Verzweiflung und Ausgrenzung der Guaraní-Kaiowa. Es sind LaiendarstellerInnen, die uns in Birdwatchers den Reichtum ihrer Traditionen und gleichzeitig auch die Würdelosigkeit ihrer heutigen Existenz erzählen. Der Film lebt von scharfen Close Ups, die uns ohne viel Worte, dafür aber mit großer Kraft und Dichte die Charaktere des Films und die ständig wechselnde Spannung zwischen Hoffnung und Verzweiflung nahe bringen.
Der Film bezieht eindeutig politische Stellung für die Indigenen, gegen die Interessen der landbesitzenden Elite Brasiliens. Dementsprechend waren auch die Reaktionen auf den Film in Brasilien. „Der Film wurde vor allem totgeschwiegen“, berichtet Bechis, „Ein Freund erzählte mir, dass die Brasilianer nicht gerne traurige Indigene im Kino sehen und nicht gerne an die Unterdrückung erinnert werden, die in ihrem Land stattfindet.“ Doch Bechis ist dennoch optimistisch: „Ich habe gesehen, dass illegale Kopien des Films bereits auf den Straßen Brasiliens verkauft werden. So wird der Film vielleicht doch noch von vielen Leuten gesehen.“

Marco Bechis // Birdwatchers // 108 Min. // Brasilien 2008 // Pandora Filmverleih // www.birdwatchersfilm.com

Der Survival Fund wirbt mit dem Film für Spenden für die Sache der Guaraní. Mit den gesammelten Geldern sollen retomadas im wirklichen Leben mit Sach- und Lebensmittelspenden unterstützt werden. Mehr Informationen:
www.survival-international.org sowie
www.guarani-survival.org

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