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„Im Stillen weiterarbeiten“

Am 11. Mai 2012 besuchte der damalige Präsidentschaftskandidat der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), Enrique Peña Nieto, die Iberoamerikanische Universität in Mexiko-Stadt. Nach Protesten musste Peña Nieto aus der Universität flüchten, der Auftakt für die Entstehung der Bewegung #YoSoy132. Wie entstand der Protest in der privaten Universität?
Ignacio Martínez: Was am 11. Mai 2012 passierte, war von verschiedenen Zellen organisiert worden, die sich erst an diesem Tag vereinten. Mich persönlich hat einfach gestört, dass ein mutmaßlicher Verbrecher Präsidentschaftskandidat für dieses Land ist. Peña Nieto hier in der Universität zu haben, das war eine perfekte Gelegenheit ihm dies ins Gesicht zu sagen. Letztlich erkannten wir, dass diese Wut sehr weit verbreitet war. Bis dahin hatte Peña Nieto praktisch alle unkontrollierten Interviews und Auftritte gemieden, aber hier in der privaten Iberoamerikanischen Universität hatte man wohl gedacht, dass alles ruhig bleiben würde. Am 11. Mai selbst kam Peña Nieto schließlich mit einem großen Aufgebot an Sicherheitspersonal und eigenen Aktivisten, die einen Großteil der Eintrittskarten für das Audimax bekamen.

Genau das war doch eine der Strategien, mit der im Nachhinein die Proteste diffamiert wurden: dass sie von anderen Parteien, wie der PRD, bezahlt worden seien.
IM: Ja, aber das Gegenteil ist der Fall. Die PRI brachte ihre Anhänger und extrem viel Wahlkampfmaterial mit, während Peña Nietos Sicherheitsleute uns die Plakate wegnahmen. Erst das Einschreiten der Sicherheitskräfte der Ibero gab uns die Möglichkeit auch unsere Plakate ins Audimax mitzunehmen. Als Peña Nieto dann die Repression in Atenco verteidigte, brach die Hölle los. Er musste durch die Hintertür fliehen, aber die Universität war komplett voll mit Studenten. So entstanden die berühmten Bilder, auf denen er durch die Uni gejagt wird und letztlich für zirka 20 Minuten Zuflucht auf einer Toilette suchen musste.

Wie ging es nach diesem Tag weiter? Wie entstand die Bewegung aus Ihrer Perspektive?
IM: Alles passierte Schlag auf Schlag. Nach dem 11. Mai wurde in vielen Zeitungen, vor allem denen der Agentur El Sol de México, geschrieben, dass Peña Nietos Besuch der Ibero ein Erfolg gewesen sei und die Proteste von außerhalb gekommen wären. Sogar einer unserer Professoren, José Carreño, jetzt Direktor des Fondo de Cultura Económica (Verlagshaus des mexikanischen Staats; Anm. der Red.), behauptete, die Studenten wären von anderen Gruppen manipuliert worden. Deswegen entstand das Video mit 131 Studenten, die ihre Studentenausweise zeigten. Plötzlich hatten wir mittags schon ein halbe Million Views und wurden in Twitter zum weltweiten Trending Topic. Wir erkannten, dass wir in eine für Mexiko wichtige politische Konjunktur geraten waren und sagten: „Jetzt wo sie uns die Mikrofone geben, müssen wir uns organisieren und etwas sagen.“ So entstand #YoSoy132.

In dieser Zeit wurde schon von #YoSoy132 gesprochen?
IM: Es gab viele, die sagten, es gäbe mehr als 131, die so denken wie wir. Als diese Idee der 132 schon etwas fester war, organisierten wir den Demonstrationszug zu den Büroräumen des Medienunternehmens Televisa in Santa Fé. Das war das erste Mal, dass auch viele andere Universitäten kamen und wir miteinander sprachen und planten, was in Zukunft passieren sollte. In der ersten interuniversitären Versammlung wurde dann unser Hauptziel beschlossen: die Demokratisierung der Medien. Mit diesem Thema konnten wir ein sehr großes Spektrum von Leuten erreichen. Es war außerdem ein großer Erfolg, die Barriere zwischen privaten und öffentlichen Universitäten gebrochen zu haben. Die nächsten Demonstrationen wurden immer größer und die Bewegung wuchs und wuchs, denn uns einte ein Ziel, weniger eine Ideologie.

Was waren die größten Erfolge der Bewegung in dieser Zeit?
IM: Ein großer Erfolg ist sicherlich der politische Reifeprozess, den wir alle durchmachten – diese Dinge hätten wir sonst niemals gelernt. Aber auch jeden Tag weiter zu machen. Ich spreche hier von den riesigen Demonstrationen, die wir organisierten, das Konzert auf dem Zócalo (zentraler Platz in Mexiko-Stadt; Anm. der Red.). Bei diesem Konzert brachten wir 500.000 Personen zusammen und erkannten, dass wir in der Lage sind, etwas in diesem Land zu bewegen. Und natürlich die dritte Debatte der Präsidentschaftskandidaten, die das IFE (Instituto Federal Electoral, die Nationale Wahlkommission; Anm. der Red.) nicht veranstalten wollte. Wir brauchten keine zehn Millionen Pesos dafür; das Internet und drei Kameras – und die Debatte funktionierte! In dieser Hinsicht betrachte ich lediglich als Fehler, dass wir uns als Bewegung klar als „antiPeña“ bezeichnet hatten, denn dies gab ihm ein einfaches Argument, nicht zu unserer Debatte zu erscheinen.

Nachdem sich verschiedenste Gruppen zusammengeschlossen und #YoSoy132 ihren Höhepunkt erreicht hatte – wann fing die Bewegung an, sich aufzulösen?
IM: Ich denke, nach den Wahlen am 1. Juli 2012. Peña Nieto wurde Wahlsieger und auch wenn es sehr schön gewesen wäre – eine Maschinerie, die das Land seit fast 83 Jahren im Griff hat, kann man nicht in zwei Monaten zerstören. Nach den Wahlen war das zweite große Ziel der Bewegung, eben den Wahlsieg Peña Nietos zu verhindern, nicht mehr vorhanden. Jede einzelne Gruppierung innerhalb der Bewegung fing an, nach ihrer Ideologie zu handeln und die Massenmedien nutzten dies aus. Eine ihrer Strategien war es, uns übermäßig in die Öffentlichkeit zu stellen, bis die Menschen uns nicht mehr sehen konnten. Gleichzeitig gaben sie ein extrem verzerrtes Bild der Bewegung wieder. Genau das Problem, welches wir beheben wollten, trug maßgeblich zur Zerstörung der Bewegung bei.

Wie hat die Gewalterfahrung bei Peña Nietos Amtsantritt in Mexiko-Stadt das Auseinanderbrechen der Bewegung beeinflusst?
IM: Für mich gab es, wie gesagt, in der gesamten Zeit zwischen 1. Juli und 1. Dezember kein gemeinsames Ziel mehr. Und dann war bereits vor dem 1. Dezember zu erkennen, dass dies eine gewalttätige Konfrontation werden würde. Die gemeinsame Bewegung brach zusammen und es war klar, dass die Radikaleren an diesem Tag kein Abkommen respektieren würden. Aber die extreme Polizeigewalt, die unrechtmäßigen Verhaftungen am Tag selbst – das hat viele demoralisiert und außerdem den Medien die Möglichkeit gegeben, uns als Vandalen darzustellen.
Julio César Colin Paredes: Ja, der 1. Dezember war das Ende eine Etappe von #YoSoy132. Wir bekamen die Macht zu spüren, mit der die Regierung soziale Bewegungen angreift und auch die neue Haltung des damaligen Bürgermeisters von Mexiko-Stadt, Marcelo Ebrard (Partei der Demokratischen Revolution, PRD). Dies war praktisch der Auftakt für eine Art Hexenjagd gegen uns. Viele Mitglieder der Bewegung waren politisch noch unerfahren. Am 1. Dezember erkannten sie, dass echte Opposition zu sein in Mexiko nicht leicht ist. Leider ging mit der enormen Gewalt auch die Offenheit der Bewegung für alle politischen Gruppierungen verloren, es entstand Misstrauen unter verschiedenen Mitgliedern. Der 1. Dezember ist für uns eine Lektion gewesen, in jedem kritischen Moment auch das schlimmste Szenario zu bedenken.

Wie sieht die Situation heute aus? Nennt sich die Bewegung noch immer #YoSoy132?
IM: Die Massenbewegung #YoSoy132 als solche existiert heute nicht mehr. Es bleiben verschiedene Arbeitsgruppen und das in der Zeit aufgebaute Netzwerk, aber wir repräsentieren niemanden mehr. Außerdem haben wir hier in der Ibero eine eigene Position. Wir sind die 131, dieses Kernstück der Ibero. 132 ist eine viel größere Dimension, zu der sich fast jede Person zählen kann und die so auch an Bedeutung verloren hat. Wir waren eine sehr wichtige Versammlung innerhalb der gesamten Bewegung und ausschlaggebend für das, was bisher passiert ist. Genau jetzt zum Jahrestag der Bewegung fragen wir uns, wer wir sind. Und wir sagen, dass wir eben keine Versammlung mehr sind. Wir repräsentieren ja nicht mal mehr die Ibero, wir sind inzwischen ein Kollektiv und arbeiten vor allem mit Videos, die auf unserem YouTube-Kanal MásDe131 (Mehr als 131) zu sehen sind. Wir sind die Leute, die weiterhin als Aktivisten arbeiten wollen, und die gesamte Bewegung gab uns die Möglichkeit, uns kennenzulernen. Zurzeit sind wir ausschließlich aus der Ibero, aber zum 11. Mai wollen wir das Kollektiv für weitere Personen öffnen und dafür eine neue Internetplattform erstellen.
JCCP: Ich denke, man sollte die Idee nicht aufgeben. Klar, es sind nur noch wenige übrig, aber vor einigen Tagen zum Beispiel trafen sich Mitglieder aus den nördlichen Staaten und beschlossen eine gemeinsame Erklärung. Manche meinen, #YoSoy132 wäre tot, weil es keine großen Mobilisierungen et cetera mehr gibt. Aber im Stillen wird an vielen Stellen weitergearbeitet. #YoSoy132 war während seines Bestehens Ausgangspunkt für viele kleinere Kämpfe und bleibt dies auch weiterhin. Die Regierung sollte nicht glauben, dass dies bloß eine Frage der Wahlen war. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Bewegung in der einen oder anderen Form wieder auferstehen kann.

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