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INSEL PER MAUSKLICK

Es gibt sie wirklich – diese Orte von denen man denkt, es gibt sie gar nicht. Türkisblaues Wasser, weiße Sandstrände aus zerriebenen Korallen, Kokosnusspalmen. Und dazu dieser Name: Pearl Keys. Natürlich Karibik. Und natürlich nicht unentdeckt von westlichen Investor*innen. Die Geschichte der Inselgruppe wenige Kilometer vor der nicaraguanischen Atlantikküste ist eine von vielen, die zeigt, dass genügend US-Dollar eben doch ausreichen, um das Paradies zu kaufen.
Wer es bis auf die Pearl Keys schaffen will, muss ein wenig Zeit mitbringen. Von den großen Städten auf der nicaraguanischen Pazifikseite mit ihrer Tourismusin­frastruktur sind es bei guter Fahrt sechs Stunden bis nach El Rama, Verkehrsknotenpunkt und Tor zur Karibik. Wer bereits frühmorgens in El Rama ankommt, hat die Chance noch am selben Tag den einzigen Bus nach Pearl Lagoon zu nehmen. Ein alter US-amerikanischer Schulbus quält sich fünf Stunden lang und bis zum Überquellen beladen mit Menschen und Versorgungsgütern über steinige Wege in die Fischerstadt Pearl Lagoon. Unterwegs wird Spanisch zu Englisch, aus Reggaeton wird Dancehall und statt der mestizischen Mehrheit im spanischsprachigen Teil Nicaraguas sind schließlich überwiegend Kreol*innen auf den Straßen anzutreffen. Vom Fußballplatz, an dem der Bus hält, sind es nur wenige Meter bis zur Küste und zum kleinen Hafen, von dem die Fischer ablegen, um in der weitläufigen Lagune ihr Glück zu versuchen. Früher ernährten die Perlen, die der Lagune ihren Namen verliehen, einen Großteil der Küstenbewohner*innen. Dagegen verdient heute so mancher sein Geld damit, Tourist*innen mit dem Boot auf eine der Inseln zu bringen. Eine alternative Einnahmequelle, nachdem die noch vorhandenen zwölf Inseln 1997 privatisiert wurden.
Ursprünglich waren es 18 Koralleninseln, die in geringer Entfernung voneinander unweit der Küste lagen. Manche von ihnen bieten gerade Platz für eine Palme, die größten lassen sich in 20 Minuten zu Fuß umrunden. In ihrer Geschichte waren sie Anlaufpunkte für Pirat*innen und Drogenhändler*innen. Die Bewohner*innen von Pearl Lagoon nutzten vor allem die reichlichen Kokosnüsse, um Kokosöl herzustellen. In Folge des Klimawandels sind bereits sechs der Koralleninseln verschwunden, auch die noch vorhandenen sind bedroht. Lieber schnell zuschlagen, dachte sich wohl der griechischstämmige Inselspekulant und US-Bürger Peter Tsokos, als er vor 19 Jahren sieben Inseln für einen Spottpreis von 40.000 US-Dollar kaufte. Das Geschäft bleibt bis heute undurchsichtig, wer daran beteiligt war und mit welchen Mitteln Tsokos es einfädelte, davon existieren verschiedenste Versionen in Pearl Keys. Trotzdem fanden sich die Inseln auf tropical-islands.com wieder, Tsokos Verkaufsseite für Trauminseln. Interessent*innen ließen nicht lange auf sich warten: ein neureicher Franzose, ein neuseeländischer Fischfangfan, ein Playboy-Bunny aus England und weitere finanzstarke Karibikfreund*innen erfüllten sich ihren Inseltraum für sechsstellige Summen.
Die Pearl Keys veränderten sich nach dem Verkauf. Die Eigentümer*innen bauten Häuser oder setzten Affen aus; auf einer Insel steht noch eine von der Zeit gezeichnete „Coconut-Bar“, deren Eigentümerin einst wilde Cocktailpartys feierte und in einem Pool in Herzform badete, alles in pink. Auf einer anderen Insel wurde eine englische Reality-Show gedreht, ein inszeniertes Abenteuerleben samt Affären und Kidnapping.
Gleichzeitig regte sich Widerstand gegen den undurchsichtigen Verkauf und das neue Treiben auf den Inseln. Die Demonstrationen in Pearl Lagoon und die mediale Aufmerksamkeit für die extrovertierten Käufer*innen erzeugten solch großen Druck, dass Ex-Präsident Arnoldo Alemán sich genötigt sah, den Inseln einen Besuch abzustatten und seine gute Absicht zu beteuern, das Land den ursprünglichen Eigentümer*innen zurückzugeben.
Dabei blieb es zunächst, bis sich die nicaraguanische Anwältin María Luisa Acosta des Falls annahm und für die Rückgabe der Pearl Keys einsetzte. Was folgte, liest sich wie aus einem Gangsterroman: Acosta kommt eines Tages in ihr Haus in Managua zurück und findet ihren Ehemann tot auf. Erschossen. Der Mord und die Verbindung zu Tsokos werden zum Lieblingsthema der Presse und verschiedener Verschwörungstheorien. Der vermeintliche Mörder wird nach großem Druck (unter anderem von Amnesty International) in Costa Rica aufgespürt. Angeblich soll er bei der Festnahme gesagt haben, Tsokos habe ihn geschickt. Dieser wiederum tauchte in der Folge unter.
Der Streit um die Pearl Keys wiederum sollte keine Ruhe finden. Immer wieder tauchten die Inseln im Internet auf, immer wieder fanden sich neue Eigentümer*innen, immer wieder kam es zu Streit mit den Bewohner*innen aus Pearl Lagoon, die mittlerweile einige Inseln zurückerobert haben. Andere wiederum sind nach wie vor im Besitz von ausländischen Eigentümer*innen.
Zu Besuch kommen diese nur selten. Auf die Inseln passen derweil Angestellte auf. So wie Stanislavo. Während seine Familie im zwei Bootsstunden entfernten Bluefields wohnt, verbringt er Sommer und Winter alleine auf der Insel, gelegentlich kommt einer seiner Söhne zu Besuch, manchmal auch seine Frau. Das verringert die Langeweile, die ansonsten nur durch die Tourist*innen unterbrochen wird, die hin und wieder die Inseln besuchen oder gar auf ihnen übernachten. „Leider spricht fast keiner von denen Spanisch“, sagt Stanislavo. Wann sein Inselbesitzer das nächste Mal kommt, weiß er nicht, wann er das letzte Mal da war, kann Stanislavo sich auch nicht genau erinnern. Das sei lange her.
Es wird Abend, Zeit sich um ein Lagerfeuer zu kümmern. Die Palmenblätter und getrockneten Kokosnussschalen lassen das Feuer schnell auflodern. Gemütlich. Bei klarem Himmel spendet ansonsten auch der Mondschein ausreichend Licht, um sich auf der Insel zurechtzufinden. Etwas weiter im Osten, über das nun dunkelblaue Wasser hinweg, leuchtet auf einer anderen Insel ebenfalls ein Feuer.
Es ist schön hier, sehr schön. Das findet auch Stanislavo in diesem Moment. Und trotzdem – oder wohl genau darum – wird über das Schicksal von zwölf kleinen Inseln in türkisblauem Wasser irgendwo dort drüben entschieden, auf der anderen Seite des Ozeans, wo andere Kontinente beginnen.

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