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Jahre zwischen Hoffen und Bangen

Bei seiner Ankunft in Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-Guayana, im Juli 2008 hatte Jorge* eine mehrmonatige Irrfahrt kreuz und quer über den südamerikanischen Kontinent hinter sich. Von einem Bekannten hatte er erfahren, dass es möglich ist, in Französisch-Guayana einen Asylantrag zu stellen und so in der Europäischen Union zu leben. „Hier sind wir soweit wie möglich weg von Peru“, sagt Jorge. Dort hatten er und seine Frau Elena* als Teil der Mittelschicht ein ruhiges Leben geführt, bis Jorge aufgrund seiner Arbeit als Staatsermittler in der Region La Libertad mit einem Drogenhändlerring in Berührung kam. Nachdem er nur knapp einem Mordversuch entgangen war, versuchte er sich mehrmals innerhalb Perus vor seinen Verfolgern zu verstecken, erfolglos. Schließlich entschied sich Jorge, für seine Familie einen sicheren Ort zu suchen. Im November 2008 konnten seine Frau und sein kleiner Sohn ihm nachfolgen. 15 Tage dauerte ihre Reise von Peru über Brasilien nach Französisch-Guayana. „Am Ende haben wir einfach ein Boot über den Fluss Oyapock genommen, und dann waren wir da“, berichtet Elena.

Im Jahr 2007 wurden lediglich acht Prozent aller Asylanträge bewilligt.

Die Geschichte von Elena und Jorge steht exemplarisch für die Situation eines großen Teils der Bevölkerung Französisch-Guayanas. Offiziell leben rund 204.000 Menschen in dem französischen Überseedepartment. Das Nationale Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien gibt außerdem an, dass rund 25.000 sans papiers undokumentiert in Französisch-Guayana leben. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher liegen. Örtliche Nichtregierungsorganisationen (NRO) gehen von 35.000 bis 40.000 Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus aus. Hinzu kommen rund 41.000 Asylsuchende wie Jorge und seine Familie, deren Anträge aktuell der Verwaltungsbehörde vorliegen. Die Chance, längerfristig in Französisch-Guayana bleiben zu können, ist jedoch gering. Im Jahr 2007 wurden lediglich acht Prozent aller Asylanträge bewilligt. Die Asylsuchenden kommen zu je einem Drittel aus den karibischen Staaten, aus Südamerika und vom afrikanischen Kontinent. Ein Asylantrag ist für die Meisten die einzige Chance, legal in Französisch-Guayana leben zu können, auch wenn die Motive für einen Asylstatus oft nicht ausreichen. Die AntragstellerInnen fliehen teilweise vor politischer oder religiöser Verfolgung, oft aber auch vor Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt. Claire Trimaille, Koordinatorin der NRO Cimade (französische NRO, die sich für die Rechte von MigrantInnen in Frankreich einsetzt), sagt insbesondere bezüglich den Asylsuchenden afrikanischer Herkunft: „Die Außengrenzen Europas sind mittlerweile so geschlossen, dass es für viele Menschen einfacher ist, sich auf den Weg über den atlantischen Ozean nach Französisch-Guayana zu machen.“ Die Asylverfahren dauern nicht selten zwei bis drei Jahre, teilweise auch länger. Schnelle Antwort erhalten Menschen, deren Anträge den Behörden unglaubwürdig erscheinen. „Oft reicht es aber auch aus, wenn jemand bei der Antragstellung einfach ein Dokument vergessen hat“, kommentiert Claire Trimaille. Während der Wartezeit beläuft sich die Hilfe des französischen Staates für die Asylsuchenden auf aktuell 10,54 Euro pro Tag und Person, eine drei Monate gültige Empfangsbescheinigung des Asylantrages und kostenfreie Mitgliedschaft im staatlichen Sozial- und Gesundheitsversicherungssystem. Kinder können unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus die Schule besuchen. Im Gegensatz zur Situation auf dem europäischen Festland gibt es in Französisch-Guayana keinerlei Unterkunft für Asylsuchende. Es existieren lediglich ein Zentrum für Unterkunft und Wiedereingliederung mit 30 Betten und einige von verschiedenen NRO unterhaltene Notwohnungen. Die überwiegende Mehrheit der Asylsuchenden ist bei der Suche nach einer Unterkunft komplett auf sich selbst gestellt. Diese Suche gestaltet sich mit nur 300 Euro zum Leben im Monat als nahezu aussichtslos, da Zimmer kaum unter 400 Euro pro Monat zu haben sind. Die Weigerung vieler VermieterInnen, an Asylsuchende zu vermieten, lassen den Menschen kaum Möglichkeiten, legalen und menschenwürdigen Wohnraum zu finden. „Diese Situation steht ganz klar im Widerspruch zur Direktive 2003/9 des Rates der Europäischen Union, welche Asylsuchenden Nahrung, Unterkunft und Kleidung garantiert“, sagt Claire Trimaille.

Es werden keine Unterkünfte geschaffen, gleichzeitig aber immer mehr squats abgerissen.

Auch Jorge und Elena leben täglich mit den Konsequenzen dieser Regelungen. Wie ein Großteil der Asylsuchenden leben sie in einem sogenannten squat, wie die Elendsviertel in Französisch-Guayana genannt werden. Unmittelbar nach seiner Ankunft fand Jorge über den Tipp eines Bekannten zunächst Unterkunft im squat La Matinha. Dieser squat ist einer der größten in Cayenne. Hier leben etwa 500 Personen, größtenteils brasilianischer Herkunft, in aus Wellblech gezimmerten Unterkünften. Während der Regenzeit überschwemmt der vorbeifließende Fluss regelmäßig das gesamte Viertel. Die Wege sind dann nur über provisorische Trittsteige begehbar und viele der oft fensterlosen Unterkünfte stehen unter Wasser. Es gibt kein Trinkwasser, Strom zapfen die BewohnerInnen über zumeist gefährliche Konstruktionen vom städtischen Stromnetz ab. Krankheiten wie Dengue und Malaria treten unter diesen Bedingungen gehäuft auf. „Ich wollte hier von Anfang an raus“, sagt Jorge. Seit einem Vierteljahr lebt er mit seiner Familie in einem ehemaligen Schulgebäude am Rande des Zentrums von Cayenne. Zu dritt bewohnen sie ein ungefähr 15 m2 großes Zimmer. Es gibt keine Elektrizität. Gekocht wird auf einem Campingkocher. Wasser holen Elena und Jorge aus dem Garten des Nachbarn. Um das Haus herum stehen alte Elektrogeräte, Fahrräder und andere Gebrauchsgegenstände. „Es ist unglaublich, was die Leute alles wegwerfen“, sagt Jorge erstaunt. Für ihn und seine Familie sind all diese Gegenstände, die sie überall in der Stadt aufgesammelt haben, ihr einziger Besitz: „Mit nur ein paar Handgriffen kann man das alles wieder reparieren“, so Jorge. Es sind seine handwerklichen Kenntnisse, die ihm immer wieder zu überlebenswichtigen Gelegenheitsjobs verhelfen. Viele Männer arbeiten auf Baustellen oder schleppen Kisten auf dem Markt. Die Frauen betreuen privat Kinder, arbeiten als Reinigungskräfte oder verkaufen Essen und andere kleine Waren auf dem Markt und bei Festen. Auch die in Frankreich offiziell verbotene Prostitution spielt als Einkommensquelle eine Rolle. Die Arbeitsbedingungen sind dabei sehr unterschiedlich und immer abhängig vom guten Willen der ArbeitgeberInnen, denn ohne offizielle Arbeitserlaubnis haben Asylsuchende keine Möglichkeit, auf ihre Rechte als ArbeitnehmerInnen zu bestehen. Gleichzeitig wissen die ArbeitgeberInnen um die verzweifelte Situation ihrer Angestellten, in der jeder Euro zählt, und nutzen diese nicht selten aus. „Die Bezahlung ist von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle sehr unterschiedlich“, sagt auch Jorge, „aber wir brauchen das Geld, selbst wenn es nur 20 Euro am Tag sind. Und wenn ich den ganzen Tag zu Hause herum sitze und nichts für meine Familie tun kann, ist es noch schlimmer. Da ziehe ich es vor, für wenig Geld zu arbeiten.“ Die Reaktion der Verwaltungsbehörde verschlimmert eher die Lebensbedingungen der Asylsuchenden. Es werden für sie keine Unterkünfte geschaffen, gleichzeitig werden immer mehr squats abgerissen. Aktuell ist auch der Abriss von La Matinha im Gespräch.
Noch schwieriger werden die Lebensbedingungen, wenn der Asylantrag abgelehnt wird. Nach Monaten oder Jahren des Wartens und der Versuche, sich ein Leben in Cayenne aufzubauen, werden alle Hoffnungen von einem Tag auf den anderen zerstört. Doch die Ablehnung hat auch handfeste materielle Konsequenzen: Die staatliche Unterstützungszahlung von rund 300 Euro monatlich fällt weg. Hinzu kommt die Gefahr, auf der Straße von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben zu werden oder zumindest für mehrere Tage in Haft zu kommen.

Seit der Abschaffung der Rückkehrhilfe zu Beginn des Jahres 2008 hat sich die Situation verschärft.

José* ist einer der bis zu 40.000 sans papiers, die tagtäglich mit dieser Situation umgehen müssen. Vor zwei Jahren kam er aus Guinea-Bissau nach Französisch-Guayana. Die Behörden lehnten seinen Asylantrag in erster und zweiter Instanz ab. Seit einem Jahr lebt José in einem überwiegend afrikanischen squat im Zentrum Cayennes. Schon von außen sieht das Haus heruntergekommen aus. Das ganze Ausmaß der Schäden offenbart sich, wenn man durch einen schmalen Durchgang den Hinterhof des Hauses betritt. Die komplette Rückwand des dreistöckigen Hauses ist weggebrochen und auch das Dach ist stark beschädigt. Ohne Strom und fließend Wasser leben hier dennoch zahlreiche Menschen. José arbeitet wie viele seiner MitbewohnerInnen auf dem Markt. Die Bezahlung reicht gerade zum Überleben. „Die Polizei kommt fast jede Woche hierher, um uns zu sagen, dass wir das Haus verlassen müssen, weil es einstürzen wird“, sagt José. „Wir wollen hier auch nicht wohnen. Es gibt überall Mücken und wir leben mit der ständigen Gewissheit, dass das Haus einstürzen könnte. Aber die meisten von uns wissen nicht wohin, wenn das Haus abgerissen wird.“ Die PolizistInnen fragen die BewohnerInnen nie nach den Papieren. José sagt dazu: „Vielleicht denken sie, dass wir alle Asylsuchende sind. Aber wahrscheinlich wissen sie, dass viele von uns keine Papiere haben. Und sie können ja sowieso nichts machen. Also fragen sie erst gar nicht.“ Aber normalerweise führt die Polizei regelmäßig Identitätskontrollen auf offener Straße durch. Menschen nicht französischer Herkunft, die sich dabei nicht ausweisen können, werden anschließend in eines der beiden Abschiebegefängnisse gebracht, in dem sie bis zu 32 Tage festgehalten werden können, bevor sie abgeschoben oder wieder freigelassen werden. „Obgleich es die Aufgabe der Polizei wäre, zu überprüfen, ob der oder die Festgenommene tatsächlich keine Papiere hat, und zu diesem Zwecke Familienangehörige oder die Cimade zu benachrichtigen, sieht die Realität anders aus. Es dauert oft Tage, bis die Cimade von einer Festnahme erfährt und mit dem oder der Festgenommenen sprechen kann“, berichtet Claire Trimaille. Abgeschoben werden zumeist Menschen aus Brasilien oder Surinam, zunehmend auch Staatsangehörige Haïtis und Guyanas. Im Jahr 2007 wurden insgesamt 10.094 Menschen abgeschoben, 30 Prozent von ihnen bereits zum wiederholten Male. Abschiebungen nach Afrika werden nicht vorgenommen, da sich die Kosten auf rund 20.000 Euro pro Abschiebung belaufen. „Ich lebe hier unter weit schlimmeren Bedingungen als in meinem Heimatland. Nichts ist so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wenn ich könnte, würde ich zurückgehen, aber ich kann es mir einfach nicht leisten. Tiefer rutschen als jetzt kann ich unmöglich“, sagt José. Französisch-Guayana ist für ihn und viele weitere Menschen zur Falle geworden. Seit der Abschaffung der Rückkehrhilfe zu Beginn des Jahres 2008 hat sich die Situation verschärft. Während abgelehnte Asylsuchende, die in ihr Herkunftsland zurückkehren, auf dem französischen Festland ein Flugticket und 2000 Euro Starthilfe erhalten, gibt es für Rückkehrwillige in Französisch-Guayana nichts von alledem. Claire Trimaille von der Cimade bezeichnet die Abschaffung dieser Unterstützung als klar gesetzeswidrig und fordert eine Wiedereinführung der Rückkehrhilfe ein, bisher jedoch ohne Erfolg.
*Namen von der Redaktion geändert

Kasten:

Französisch-Guayana oder Guyane liegt im Norden Südamerikas und ist eine von vier ehemaligen französischen Kolonien, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Status von französischen Überseedepartements erhielten. Französisch-Guayana bildet somit einen regulären Bestandteil der Französischen Republik und Teil der EU. Offizielle Währung ist der Euro. Wichtigster Wirtschaftfaktor ist der Weltraumbahnhof Centre Spatial Guyanais in Kourou, der von der Europäischen Raumfahrtagentur und der Französischen Raumfahrtbehörde betrieben wird. Weitere Wirtschaftszweige sind Forstwirtschaft, Krabbenfischerei und Goldabbau. Das ungefähr 84.000 km2 große Territorium grenzt an den Atlantischen Ozean, Surinam und Brasilien. Das Landesinnere ist von tropischem Regenwald bedeckt. Aufgrund der Unüberschaubarkeit der im Amazonasgebiet liegenden Grenzgebiete ist eine durchgängige Kontrolle der Grenzen unmöglich. Sowohl wirtschaftlich als auch politisch grenzt sich Französisch-Guayana stark vom Rest Lateinamerikas ab. Aufgrund hoher Einfuhrzölle werden fast alle Produkte aus Frankreich importiert. Dies führt zu Lebenshaltungskosten, die mit denen in Paris vergleichbar sind, obgleich Französisch-Guayana das ärmste Departement Frankreichs ist und jedes Jahr Subventionen in Millionenhöhe erhält. Die Einreise nach Französisch-Guayana ist für die Angehörigen sämtlicher südamerikanischer Staaten nur unter Vorlage eines gültigen Visums speziell für das Departement Französisch-Guayana möglich.
// Thorsten Schulz

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