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Jamaica feiert seine Herkunft

One Love. Nicht selten wird die Rastafari-Bewegung mit diesem Friede-Freude-Eierkuchen-Slogan gleichgesetzt. Schließlich hat die BBC den gleichnamigen Song von Bob Marley zum Lied des 20. Jahrhunderts gekürt – und wer, wenn nicht Bob Marley steht global für Rastafari. „Mit Bob Marley und Reggae begann der Niedergang von Rastafari“, sagt Pauline „Sista P” Petinaud, eine der prominentesten Frauen in der Bewegung. Das ist keineswegs ein persönlicher Vorwurf gegen die Reggae-Ikone als vielmehr ein Hinweis darauf, dass die Rastafari-Bewegung zuvorderst für die Befreiung der AfrikanerInnen von realer und mentaler Sklaverei angetreten ist – für gleiche Rechte und Gerechtigkeit. Für diese Inhalte steht auch das 1990 von Sista P. aus der Taufe gehobene Fi Wi Sinting Festival. Fi Wi Sinting heißt in der jamaicanischen Patois-Sprache „Es gehört zu uns“ und spielt auf das afrikanische Erbe Jamaicas an.
Getreu dem Motto des jamaicanischen Freiheitskämpfers Marcus Mosiah Garvey, „Wenn Du nicht weißt, woher Du kommst, dann weißt Du auch nicht, wohin Du gehst“, wird mit dem Festival die Erinnerung an das afrikanische Erbe wachgehalten. Mit One Love geht das nur zusammen, wenn sich wie beim Fi Wi Sinting mehr oder weniger Gleichgesinnte treffen – Menschen mit Interesse an afrikanischer Geschichte, Tradition und Lebensweise. Menschen, für die die Hautfarbe so unwesentlich ist wie die Augenfarbe. Ist dieses vom äthiopischen Kaiser Haile Selassie bei seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung 1968 benannte und von Bob Marley in seinem Song „War“ vertonte Kriterium für einen Weltfrieden gegeben, steht One Love nichts entgegen. Ansonsten gilt: Schwarzen und weißen UnterdrückerInnen wird gleichermaßen der Kampf angesagt – „mit allen erforderlichen Mitteln“. Jene Parole des US-amerikanischen Freiheitskämpfers Malcolm X ist den Rastafaris bestens vertraut, Malcolm X gilt ihnen als einer der Ihren. Schließlich haben sich auch die Vorfahren der schwarzen JamaicanerInnen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das unvergessene Verbrechen der Sklaverei gewehrt: Millionen erlebten durch die Versklavung unermessliches Leid und die Postsklavereigesellschaft ist weit entfernt von gleichen Rechten und Gerechtigkeit. Bescheidene Reparationen haben bisher nur die Maroons erhalten, die Nachkommen einst entlaufener SklavInnen, die aus den Bergen Jamaicas den Engländern, die 1655 die Spanier vertrieben, schwer zusetzten. Erst der Friedensvertrag von 1739 verschaffte den KolonialherrInnen relative Ruhe und den Maroons ein Ende des Lebens auf der Flucht.
Und so finden sich auf den zahlreichen Bücherständen auf dem malerischen Gelände an den Somerset-Wasserfällen Bücher über den Freiheitskampf der Maroons neben Biographien von Malcom X bis hin zu Barack Obama. Ist der neue US-Präsident etwa ein verkappter Rastafari, frage ich die Buchhändlerin? Nein – aber er hat zweifellos schwarzes Bewusstsein, er weiß um die afrikanische Geschichte, er weiß um die Diskriminierung Schwarzer in den USA und darüber hinaus, antwortet die Rastafrau überzeugt. Obama ist auch für viele Rastafaris und JamaicanerInnen ein Hoffnungsträger, obwohl den meisten durchaus klar ist, dass dem Menschen Barack Obama vom System politisch enge Grenzen gesetzt werden. Die weiße US-Amerikanerin und Festival-Besucherin Patsy Crocker kennt Barack Obama aus seinen Zeiten als Community Worker in Chicago gar persönlich. An seiner persönlichen Integrität und an seiner Intelligenz hat sie keine Zweifel. Aber er sei nun Teil des Systems und damit stelle sich die große Frage, wie nachgiebig er sein werde, wie viele Kompromisse er eingehen müsse. Nichtsdestotrotz blickt sie erwartungsvoll in die Zukunft: Obamas Ideen umzusetzen, sei gleichermaßen eine große Herausforderung wie ein spannendes Experiment.
So finden sich unter den von nah und fern am 15. Februar in dem nahe Hope Bay gelegenen Festivalgelände eintreffenden BesucherInnen auch welche mit Barack Obama-T-Shirts. Sonst überwiegt afrikanische Kleidung, die im jamaicanischen Alltag eher selten auszumachen ist. Die Sonne strahlt, was in Portland, der regenreichsten Provinz Jamaicas im „Winter“ durchaus nicht selbstverständlich ist. An der großen Bühne wird noch gebastelt und vorzugsweise mit Bob-Marley-Songs der Soundcheck geprobt. In der Nähe der Bühne haben einige BesucherInnen Zelte aufgebaut. Mit Kind, Kegel und Kühlbox treffen Familien auf dem Gelände ein. Selbstversorgung spart Kosten. Die Preise an den vielen Essensständen entsprechen zwar normalen jamaicanischen Verhältnissen, doch wäre das Budget einer Familie bei Vollverpflegung schnell gesprengt.
Die meisten Stände bieten I-tal-Food. I-tal steht im Rasta-Slang für vital: Gemüse und Salate aller Art, meist mit Reis und Bohnen oder Linsen. I-tal ist indes kein Dogma. Insbesondere das jamaicanische Nationalgericht Ackee und Saltfish findet sich im Angebot vieler Stände. Ackee ist eine heimische Baumfrucht, als Fisch wird meist Kabeljau gereicht. Und es ist Nationalgericht, obwohl der Saltfish fast ausschließlich importiert wird. Gleichermaßen ein Zeichen für die extreme Importabhängigkeit der Insel und die bunt gemischte jamaicanische Küche, in der sich neben afrikanischen und europäischen auch asiatische Einflüsse finden. Ein anderes Nationalgericht ist Jerk – gegrilltes und scharf gewürztes Hühner- oder Schweinefleisch, deren Ursprünge auf die Maroons und ihre Wildschwein- und Hühnerzubereitungen zurückgehen. Der Jerk-Stand, an dem dieses Mal die Hühnervariante gebrutzelt und feilgeboten wird, wurde unter Protest von Sista P. zugelassen. Sie selbst isst weder Fleisch noch Fisch und legt damit das I-tal Prinzip recht strikt aus. Zwar gehört Fleischverzehr unbestritten zum afrikanischen Erbe, aber dieses Erbe zu bewahren heißt nicht, unkritisch alles weiter zu pflegen, sondern das Positive weiter zu entwickeln, meint Sista P. So denken viele, aber nicht alle Rastafaris. Während nur wenige von ihnen Fleisch essen, steht Fisch schon häufiger auf dem Speisezettel. Was für die Ernährung gilt, ist auch für die Rastafari-Bewegung generell gültig: Die Einheitlichkeit ist relativ und Uniformität wird nicht angestrebt. So ist Alkohol eigentlich nicht angesagt, was Bob Marley vom mäßigen Konsum freilich nicht abhielt. Seine Begründung: Hanf und Hopfen hätten dieselben botanischen Wurzeln. Mehr als ein Stand umfasst das Angebot alkoholischer Getränke bei Fi Wi Sinting allerdings nicht und das reicht problemlos aus. Zur friedlichen Atmosphäre dürfte der geringe Alkoholkonsum ebenso seinen Teil beitragen wie der verbreitete Genuss von Marihuana. Geraucht wird überall – auch jenseits des als smoking section ausgewiesenen Raucherbereiches, unter dessen Schild es sich zeitweise eine Polizistin gemütlich macht, ohne von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, einem fünf Meter entfernten Rasta mit einer nicht unerheblichen Menge des nach wie vor illegalen Ganjas habhaft zu werden.
Auch wenn die Rastafaris unter den BesucherInnen weitaus stärker als mit den fünf Prozent repräsentiert sind, auf die ihr Anteil an der jamaicanischen Gesellschaft grob geschätzt wird, ist Fi Wi Sinting kein explizites Rastafari-, sondern ausdrücklich ein Afrika-Festival. 1990 wurde es als Fundraiser für die Content Model School gestartet, einer an afrikanischen Inhalten orientierten privaten Rasta-Grundschule in den Bergen von Portland. Die dortige Trommelgruppe erhielt in den 90er Jahren ob ihrer virtuosen Künste zwei Mal von der Harlem School of Arts Einladungen nach New York.
30 BesucherInnen kamen zum ersten Treffen, 2009 waren es rund 3.000 an den Somerset Falls, wo das Festival nach mehreren Standortwechseln in diesem Jahr erstmals stattfand. Damit ist Fi Wi Sinting die größte Veranstaltung des Black History Months in Jamaica. Und während der gleichzeitig von der Regierung ausgerufene Reggae Month 2009 wegen der Wirtschaftskrise nur auf Sparflamme läuft, erfreut sich Fi Wi Sinting weiter wachsenden Zulaufs. Zur Zufriedenheit von Sista P., die darin die Philosophie Marcus Garveys bestätigt sieht, sich niemals in staatliche Abhängigkeit zu begeben.
Das Interesse an Afrika ist generationenübergreifend: Aus allen Colleges und der Universität der West Indies kommen Delegationen, erzählt Sista P. stolz über die Verankerung des Festivals im Bildungssektor. Geboten wird ohnehin für alle was: Die Kleinen lauschen gebannt den Geschichten beim Story Telling, wo Ananzi im Mittelpunkt steht. Ananzi ist ein Spinnengott in der Götterwelt der westafrikanischen Akanvölker, der sich in Gefahrensituationen in eine Spinne verwandelt und durch „List und Schlauheit“ gegen weitaus Stärkere durchsetzen kann. Die spannenden Geschichten über die kleine Spinne, die sich mit allen erdenklichen Tricks gegen Löwen, Schlangen und Elefanten durchsetzt, entsprechen dem Lebensgefühl aus der Sklaverei ebenso wie dem eines Großteils der heutigen Bevölkerung, der sich im täglichen Überlebenskampf zu behaupten hat. Auch wenn die Anfänge der Sklaverei Jahrhunderte zurückliegen – sie sind im
Bewusst- und Unterbewusstsein bis heute präsent. Nahezu panisch und mit Angstschreien flüchtet eine junge Frau vor dem Maskentänzer einer Trommelgruppe, der sich einen Spaß daraus macht, ihr immer wieder nachzusetzen. Scheinbar echte Angst, obwohl es doch offensichtlich nur ein Spiel ist, die Sonne scheint, Dutzende Menschen das Schauspiel belustigt verfolgen und keinerlei objektive Gefahr besteht. Die Tanzperformance auf der Hauptbühne über die Geschichte der Sklaverei wird hingegen von Jugendlichen immer wieder mit amüsiertem Gelächter quittiert, das die extrovertierte schauspielerische Darstellung von SklaventreiberInnen und SklavInnen goutieren. Beklemmung, die die Beschäftigung mit diesem düsteren Kapitel der Menschheit normalerweise auslöst, ist allenfalls bei manchen älteren ZuschauerInnen wahrnehmbar. Beklemmung ist aber auch nicht das, was das Gedenken an das afrikanische Erbe bei den BesucherInnen auslösen soll. Der Blick zurück soll Wege in eine bessere Zukunft weisen, denn die Gegenwart in Jamaica ist bitter genug: Ein Viertel der Bevölkerung lebt in Elendssiedlungen, und bei der Mordrate pro 100.000 Einwohner ist Jamaica weltweit führend. Ein Erbe von Sklaverei, Kolonialismus und Politikversagen. Fi Wi Sinting setzt dem ein Zeichen für gleiche Rechte und Gerechtigkeit dagegen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
// Martin Ling

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