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Jazz-Effekt sorgt für Missklänge

Der Optimismus von Brasiliens Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva hatte eine kurze Halbwertszeit: „Was für eine Krise? Fragen Sie doch den Bush“, bekundete Lula noch Mitte September auf Fragen nach den Folgen der Finanzkrise für die südamerikanische Regionalmacht. „In den USA ist das ein Tsunami. Hier wird das, wenn es überhaupt ankommt, eine schwache Welle sein.“ Längst zeigen die auch jenseits der Zentren abstürzenden Börsen, dass sich Lula getäuscht hat. In den sogenannten Emerging Markets wie China, Indien, Russland und Brasilien brachen die Börsenwerte seit Jahresbeginn um rund 70 Prozent ein – ein Verfall, der über die Kursstürze an der Wall Street, in London, Frankfurt oder Tokio hinausgeht. Und das, obwohl die Banken der Schwellenländer so gut wie nicht am Handel mit Schrottpapieren beteiligt sind und viele von ihnen Fundamentaldaten aufweisen, die alles andere als eine Krise indizieren. Dazu gehört Brasilien: Seit Jahren fallen hohe Wachstumsraten mit hohen Leistungsbilanz-Überschüssen zusammen, die die Devisenreserven auf die Rekordhöhe von über 200 Milliarden US-Dollar schnellen ließen. All das bietet in normalen Zeiten optimale Rahmenbedingungen: Der Devisenüberschuss reduziert die Abhängigkeit von internationalem Kapital und Zinsdiktat. Die heimische Zentralbank hat so die Möglichkeit, eine stärker an den Bedürfnissen und Gegebenheiten der Binnenwirtschaft ausgerichtete Zinspolitik zu betreiben.
Doch die normalen Zeiten sind auf unabsehbare Zeit vorbei. Erst vor wenigen Monaten hatten die Ratingagenturen das Land am Zuckerhut mit dem Gütesiegel „Investment Grade“ als sichere Anlage ausgezeichnet. Schließlich hatte Brasilien unter Lula alles dafür getan, um seine Wirtschaft und seine Finanzen zu konsolidieren. Jetzt moniert Lula zu Recht, dass der Crash in den Industrieländern Brasilien das Wachstum kaputt mache. Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Krise Lateinamerika trifft, sondern wie stark. Die Börsen stehen dabei nur am Anfang. Ausländische FinanzanlegerInnen verkaufen brasilianische Aktien, weil sie Liquidität brauchen, um auf dem heimischen Finanzmarkt Löcher zu stopfen. Dabei realisieren sie noch die Kursgewinne aus den letzten Boomjahren. Ausländische Banken streichen die Kreditlinien für brasilianische Unternehmen, und multinationale Konzerne transferieren ihre Gewinne mehr denn je in die Mutterländer, um den dortigen Liquiditätsengpass zu mildern. Die Folgen für die brasilianische Realwirtschaft zeichnen sich bereits ab: Die Bau- und Konsumfinanzierung trocknet bereits aus und bei Bau und Konsum handelt es sich um tragende Säulen der Binnenkonjunktur. Auch die Exportunternehmen spüren schon die Auswirkungen: Kredite gibt es bestenfalls noch als teure, kurzfristige Handelskredite und die Kreditklemme bremst die Aussaat in der Landwirtschaft. Und die sich im Sinkflug befindlichen Preise für Soja, Zucker und Getreide tun ein Übriges, um die Aussichten für Brasiliens Konjunktur kräftig einzutrüben. Selbst die drei Prozent Wachstum, die Brasilien zuletzt noch für 2009 prognostiziert wurden, scheinen hoch gegriffen.
Auch mit der relativen Stabilität des Real ist es vorbei. Nachdem die Währung in den letzten Jahren dank der anhaltenden Leistungsbilanzüberschüsse gar an Wert gegenüber dem US-Dollar gewinnen konnte, geht die Reise nun unverhofft in die andere Richtung: Der Real verliert an Wert. Einmal, weil die einstige Weltleitwährung Dollar in der Krise trotz der schlechten Fundamentaldaten der US-Ökonomie als sicherer Hafen erachtet wird, und zum anderen, weil Brasilien aufgrund der sinkenden Nachfrage nach seinen Produkten im Zuge der sich ausbreitenden Weltrezession mit einer deutlichen Verschlechterung seiner Handels- und Leistungsbilanz rechnen muss. Was letztere betrifft, auch deswegen, weil der dort erfasste Schuldendienst an Gewicht gewinnt, denn durch die Abwertung des Real steigt die Auslandsverschuldung in US-Dollar automatisch. Die gut 200 Milliarden Dollar Devisenreserven sind für Brasilien jedoch ein gewisser Schutz vor einer Spirale aus Abwertung und Kapitalflucht, die das Land im Extremfall bis in den Staatsbankrott treiben könnte. Davon ist Brasilien allerdings noch weit entfernt.
Wenn im Zuge der Finanzkrise das Wort Staatsbankrott fällt, ist Argentinien nicht weit. Bei Lichte betrachtet hat das mehr mit der jüngeren Geschichte des Landes zu tun als mit seinen Fundamentaldaten, wiewohl diese nach fünf Jahren Boom zweifelsohne einen Abwärtstrend aufweisen. Seit Argentinien zur Jahreswende 2001/2002 einen veritablen Staatsbankrott hingelegt hat, ist das Land ein Paria auf den internationalen Finanzmärkten. Zudem kam der harte Kurs des von 2003 bis 2007 amtierenden Präsidenten Néstor Kirchner gegenüber den privaten Gläubigern nicht gut an. Nach dem sonst nur vom Internationalen Währungsfonds (IWF) bekannten Motto „Friss oder stirb“ bot er den privaten AnlegerInnen an, entweder auf 75 Prozent ihrer sich insgesamt auf 104 Milliarden US-Dollar belaufenden Forderungen zu verzichten oder ganz leer auszugehen. Die Rechnung ging für Argentinien zu 80 Prozent auf, nur Gläubiger in Höhe von insgesamt 20 Milliarden Dollar verweigerten sich der Zwangsumschuldung und versuchen bis heute juristisch ihre Forderungen zu realisieren. Die Paria-Stellung schneidet Argentinien de facto vom internationalen Kapitalmarkt ab. Das war bisher kein größeres Problem, schließlich kam das beträchtliche Wirtschaftswachstum seit 2003 mit jährlichen Raten von über acht Prozent ohne Zufluss ausländischen Kapitals zustande. Allerdings basierte es auf günstigen Agrar-, Erdöl- und Erdgaspreisen, die sich nun durch die Weltrezession im Tiefflug befinden. Allein der Preis für Soja, dem wichtigsten Exportgut Argentiniens, stürzte gegenüber den Höchstständen im April um 45 Prozent ab. Argentiniens Staatshaushalt steht nun mehrfach unter Druck: Sinkende Preise für die Exportgüter senken die bedeutenden Einnahmen durch die Exportabgaben. Das sinkende Wirtschaftswachstum, das 2009 auf gerade noch ein Prozent geschätzt wird, reißt ein weiteres Loch in den Staatshaushalt, der seit 2003 Überschüsse zu verzeichnen hatte. Und zu schlechterletzt führt der Wertverfall der argentinischen Währung wie schon im Falle Brasiliens zu einem Anstieg der Auslandsverschuldung, die allerdings durch die Umschuldung relativ stark gesunken ist. Betrug sie 2003 noch 127 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, so liegt sie inzwischen bei rund 50 Prozent und konnte zuletzt mit rund 15 Prozent der Exporterlöse bedient werden, auch das weit von einem Krisenniveau entfernt. Dennoch führen die absehbar sinkenden Exporterlöse wieder zu einer höheren relativen Belastung und insgesamt wird Argentiniens Bedarf an frischem externen Kapital für 2009 auf mindestens 10 Milliarden Dollar geschätzt. Als Zeichen guten Willens hat die Ehefrau und Nachfolgerin von Néstor Kirchner, Cristina Fernández de Kirchner, vergangenen September den Finanzminister angewiesen, mithilfe der Devisenreserven der Zentralbank die Schulden beim Pariser Club, des gewichtigsten Zusammenschlusses von Gläubigerstaaten, auf einen Schlag zu begleichen. Dabei geht es weniger um die gut sechs Milliarden US-Dollar, die bei Währungsreserven von 45 Milliarden Dollar zu verkraften sind, als vielmehr um die Hoffnung, künftig wieder an internationales Kapital heranzukommen. Zuletzt bekam Argentinien nur noch von Venezuela Kredit, und das zu horrenden Zinsen von 15 Prozent, denn in Zeiten rasant sinkender Ölpreise muss auch Hugo Chávez den Gürtel seiner Spendierhosen enger schnallen.
Und so ist auch der Verdacht nicht unbegründet, dass Fernández de Kirchner mit der geplanten Verstaatlichung der privaten Rentenfonds nicht nur, wie sie sagt, die RentnerInnen schützen, sondern sich den Zugriff auf die dort verwalteten Rücklagen von fast 100 Milliarden Peso (rund 23 Milliarden Euro) sichern will, um bevorstehende Liquiditätsengpässe besser handhaben zu können. Zumal Fernández de Kirchner offenbar in die Gesetzesvorlage nicht explizit als Verwendungszweck der Rücklagen ausschließlich die Altersvorsorge festschreiben will. Fernández de Kirchner weist die Kritik freilich zurück: „Die wichtigsten Staaten beschützen Banken. Wir beschützen die Rentner und Arbeiter.“ Grundsätzlich zeigt nicht zuletzt der Blick in die USA, dass kapitalgedeckte private Rentenversicherungen wegen ihrer Abhängigkeit von der Börsenentwicklung riskanter sind als ein umlagegestützes System: Dort haben die Pensionskassen von Juli 2007 bis Oktober 2008 zwei Billionen US-Dollar (1,47 Billionen Euro) verloren, so Peter Orszag, Leiter der Rechnungsbehörde im Kongress. Auf alle Fälle wird der Jazz-Effekt, wie Fernández de Kirchner die von den USA ausgehende Finanzkrise noch vor wenigen Monaten mit spöttischem Blick auf den ungeliebten Bush bezeichnete, auch in Argentinien weiter für Missklänge sorgen.
Dass die Lage ernst ist, zeigt auch das Verhalten von Hugo Chávez. Normalerweise lässt der venezolanische Präsident keine Gelegenheit aus, um seinem Intimfeind George Bush verbal einen vor den Latz zu knallen. Doch selbst Chávez sprach sich für das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket aus, mit dem Washington einer Kernschmelze des Finanzsystems gegensteuern will. Mit einem Begraben alter Feindschaft hat das freilich nichts zu tun, vielmehr weiß Chávez, dass der von den USA ausgehende Abwärtssog auch an Venezuela nicht spurlos vorbeigeht. Noch im Juli trieben Spekulationen den Erdölpreis auf über 120 US-Dollar, dass sich die Finanzkrise schnell zur Weltrezession ausweiten würde, mutmaßten damals nur wenige Analysten. In Erwartung der sich ausweitenden Weltrezession sinkt inzwischen der Ölpreis mit ähnlicher spekulativer Übertreibung wie er vorher gestiegen war. Mit realer Nachfrageänderung hat das über den Ursprungsimpuls hinaus nur im Ansatz etwas zu tun. Eben deshalb hat Chávez Grund, mit einiger Besorgnis in die Zukunft zu blicken. Die weltwirtschaftliche Talsohle wird derzeit auf ein bis drei Jahre prognostiziert. Auf alle Fälle wird damit die reale Ölnachfrage weiter sinken und das lässt auch Raum für weitere Spekulationen nach unten. Auch wenn Caracas sinnigerweise seit Jahren den Haushalt mit einem vorsichtigen Ölpreis kalkuliert – so mit 60 US-Dollar jenen für 2009 – könnte selbst diese bewährte Vorgehensweise in Zeiten sinkender Preise nicht aufgehen. Und davon unabhängig: Die Zeit der sogenannten Windfall Profits – Gewinne, durch eine allgemeine Änderung der Marktlage, von denen Venezuela seit Jahren auf dem Weltölmarkt profitieren konnte – ist zumindest solange vorbei, bis die Weltkonjunktur wieder zum Steigflug ansetzt Und das kann dauern. Auch wenn Venezuela genügend Reserven hat, um seine Sozialpolitik auch über eine internationale Durststrecke hinweg zu finanzieren, Kapital für den Revolutionsexport wird knapper werden.
An der Weltwirtschaftskrise kommt in Lateinamerika keiner vorbei, schon gar nicht Mexiko, schließlich ist das Land durch das seit 1994 existierende Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) endgültig zum Wurmfortsatz der US-amerikanischen Volkswirtschaft verkommen. 85 Prozent des mexikanischen Handels wird mit den USA abgewickelt. Wenn die USA hustet, dann bekommt Mexiko eine Lungenentzündung. Und nun befinden sich die USA selbst auf dem Wege zu einer Lungenentzündung. Auch wenn Mexikos Finanzsystem nach dem Zusammenbruch im Zuge der Tequila-Krise 1994/95 auf Vordermann gebracht wurde und als relativ stabil gilt, will das im Zweifel nicht viel heißen. „Nichts ist unmöglich“, sagt Enrique Castillo, der Präsident der mexikanischen Bankenvereinigung ABM und er denkt dabei sicher nicht an die Toyota-Produktion im Lande. Neben dem Rückgang der Exportmöglichkeiten auf den schrumpfenden Markt USA wird vor allem der Rückgang der Überweisungen mexikanischer MigrantInnen aus den USA das mittelamerikanische Land ins Mark treffen. War die Summe 2007 noch auf den Rekord von 25 Milliarden US-Dollar gestiegen, so wird 2008 mit einem deutlichen Rückgang von mehreren Milliarden gerechnet. Was für Mexiko gilt, gilt für viele mittelamerikanische Länder. Bis auf Costa Rica und Panama sind die sogenannten remesas in allen zentralamerikanischen Ländern längst zum unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor avanciert, der die Entwicklungshilfe bei weitem übertrifft.
In der aktuellen Krise zeigt sich, dass in den letzten Boomjahren in allen lateinamerikanischen Ländern mehr oder weniger versäumt wurde, die Weichen in Richtung einer langfristigen Entwicklungsstrategie zu stellen, die unter anderem weit mehr als Rohstoffe die Ressource Bildung und Ausbildung in den Vordergrund stellen und versuchen müsste, ökologische mit ökonomischer Nachhaltigkeit zu verbinden. An letztgenannter Herausforderung sind freilich bisher noch alle Staaten gescheitert, allen voran die Industriestaaten, die nun Auslöser für die erste Weltwirtschaftsrezession seit 1945 sind, wie der Internationale Währungsfonds postuliert. Sicher auch im eigenen Interesse, denn Krisenzeiten waren noch allemal Hochzeiten für den IWF, der längst einer Generalüberholung bedürfte wie das gesamte Weltwirtschaftssystem insgesamt.
// Martin Ling

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