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„Keine Angst: das Scheitern ist das einzige, was ich vollendet beherrsche“

Die Gefahr des Scheiterns als Poet dürfte Floridor Pérez als Angehörigem der „Generación del 60“, der Generation chilenischer Dichter, deren literarisches Leben durch die Militärdiktatur jäh abgebrochen wurde, vertraut sein. Der 1937 in Südchile geborene Autor, der bereits 1965 erste Gedichte publiziert hatte, bezeichnet seinen Weg daher auch gerne als „desarrollo frustrado“, als verhinderte Entwicklung. Seit 1990 veröffentlicht er aber wieder und erlangte mit seinem neuesten Band Tristura große Aufmerksamkeit in Chile. Mit dem Sammelband „Für einen Fisch ein Flügel zuviel“ wird er nun erstmals auch dem deutschen Publikum vorgestellt.
„Nach Neruda Dichter in Chile zu sein ist eine solch schwierige Aufgabe, dass die Lyrik sich in einer Art antirhetorischer Revolution radikalisiert hat, die Antipoesie genannt wird“, schreibt der chilenische Autor Antonio Skármeta in seinem Vorwort zu Floridor Pérez‘ spanisch-deutschen Gedichtband. Pérez jedoch ist weder Antipoet noch versucht er sich darin, Neruda als großen nationalen Dichter nachzuahmen. Sein Blick auf die Dinge bleibt offen und frei. Er steht zwischen den zwei Hauptströmungen der chilenischen Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – der Antipoesie und der klassischen nach Neruda – und schafft es, beide zu verbinden.
Seine Poesie als Landlyrik zu bezeichnen würde Floridor Pérez nicht gerecht werden. Dennoch wird sie häufig als solche, nämlich als poesía rural klassifiziert, spiegelt sie doch zunächst das ländliche Paradies des südlichen Chiles wider. Oberflächlich betrachtet zeichnet Pérez in Gedichten wie Algunas tardes oder El alba eine verzauberte, in sich geschlossene Welt. Dass der Autor aber kein idealisiertes Bild vom ländlichen Chile zeichnen will, wird beim zweiten Blick sofort klar. Ironisch-humorvoll spricht er von der Schlichtheit und den Unwegsamkeiten des Landlebens, von abgewrackten Kleinbussen in En un bus rural oder bitterkalten Winternächten in La casa muy vieja.
Bereits in Gedichten wie diesen wird aber auch deutlich, dass für Floridor Pérez Themen wie Liebe, Tod, Verlust immer zentral sind. Sie lassen auch eine enge Verbindung zwischen der eigenen Biographie des Dichters und seinen Texten entstehen: In dem vorgezogenen Grabgedicht Pre-Epitafio resümiert er vorab sein eigenes Leben.
Die großen Themen der Lyrik bilden auch die Basis der politischen Lyrik, welche der Dichter seit 1973 schreibt. Nicht nur die Herausgerissenheit aus dem ländlichen Leben, sondern vor allem die unmenschlichen Bedingungen einer acht Jahre dauernden Inhaftierung unter der chilenischen Militärdiktatur fließen in die weiterhin nostalgisch geprägten und doch subtil anklagenden Gedichte ein. Floridor Pérez spricht in dem Band Cartas de prisonero die schreckliche Realität an, ohne zu plakatieren oder zu polemisieren; seine Werke sind von einer Ruhe gezeichnet, durch die der Schrecken, die Grausamkeit erst recht zur Geltung kommen. Dabei schafft der Autor zudem die schwierige und unerwartete Verbindung von Liebesdichtung mit politischer Lyrik und deutet damit an, wie sehr ihn die Liebe zu seiner Frau Natacha positiv gestärkt hat. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Gedicht „La victoria“, das nach kurzer prägnanter Beschreibung der Angst vor Folter und Tod in der Haft mit den Worten schließt: „Nach Steintagen Mauermonaten erwartetest mich du am Tor der Kaserne und das war mein Sieg!“
Das von Friederike von Criegern de Guiñazú übersetzte Buch ist eine Sammlung von Gedichten aus verschiedenen Bändern, teilweise in veränderter und überarbeiteter Fassung. Dieses Vorgehen ist typisch für Pérez, der immer wieder bereits Publiziertes aufgreift, verändert und in neue Zusammenhänge stellt. Wie man das schwierige Unterfangen, Lyrik adäquat zu übersetzen meistern kann, demonstriert de Guiñazú eindrucksvoll. Die deutschen Texte vermitteln wunderbar den Grundton der Gedichte und bleiben dabei dem Stil des Originals treu. Der spielerische Umgang mit der Sprache, die graphische Gestaltung mancher Texte, fast im Stile einer konkreten Poesie wie die Gedichte „Mariposa, ¿…?“, und „Velero“ sowie viele der genialen Wortspiele und Doppeldeutigkeiten funktioniert auch in der sehr lesenswerten deutschen Übersetzung.

Floridor Pérez: Für einen Fisch ein Flügel zuviel. Spanisch-deutsch, Übersetzung von Friederike Criegern de Guiñazú. Satzwerk Verlag, Göttingen 2006, 188 Seiten, 15 Euro.

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