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Kurzer Prozess

Guadalupe Espinoza erzählt von der Zeit vor dem 13. Oktober. Sie ist eine der vielen ambulantes, eine Straßenhändlerin. Damals, so erzählt sie, hatte sie wie unzählige andere HändlerInnen ihren Verkaufsstand von vier Quadratmetern mit Kosmetikartikeln direkt vor ihrer Haustür. Zehn Peso Standgebühr musste sie täglich an den Anführer der ambulantes zahlen. Das garantierte ihr ihren Platz zwischen hunderten anderen VerkäuferInnen auf der Straße und vor allem Schutz vor Polizeikontrollen.
Seit dem 13. Oktober dieses Jahres sitzt sie – fast immer auf Kundschaft wartend – in einer trostlosen Halle an der Eje Central. Dorthin wurden sie und weitere ehemalige StraßenhändlerInnen verwiesen – weit vom Herzen der Stadt entfernt. Früher verdiente sie 250 Peso (umgerechnet 16 Euro) am Tag – heute höchstens 30 Peso (rund 2 Euro) – manchmal auch gar nichts.
Espinoza ist wie viele BewohnerInnen des historischen Zentrums direkt von der Stadtsanierungspolitik Marcelo Ebrard Casaubóns betroffen. Ebrard ist Politiker der linken PRD – Partei der Demokratischen Revolution. Es ist keine linke Politik, im Hinblick auf die 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeit zu Lasten der KleinhändlerInnen das Stadtzentrum zu „säubern“. Prestigeträchtige Wolkenkratzer und die Neuordnung der Verkehrswege reichen nicht aus – auch Menschen, die auf den Erlös des traditionellen Straßenhandels dringend angewiesen sind, müssen aus dem historischen Stadtkern weichen.
Fakt ist: Das historische Stadtzentrum muss dringend renoviert und revitalisiert werden. Jedes Jahr läuft es Gefahr, seinen Status als Weltkulturerbe zu verlieren, weil es dem Verfall überlassen bleibt. Selbst für die notwendigsten Reparaturen haben die BewohnerInnen häufig kein Geld – vom Erhalt der Bausubstanz ganz zu schweigen. Die sehr strengen Denkmalschutzauflagen verhindern außerdem jede rentable Investition.
Die wenigsten HändlerInnen können die Miete in den Läden in den Erdgeschossen aufbringen. Die Gebäude stehen leer oder dienen lediglich als Lagerräume für die Waren der GroßhändlerInnen.
Durch das Verbot des Straßenhandels soll das Zentrum für InvestorInnen attraktiver werden. Schon lange hat Carlos Slim Helú, einer der reichsten Männer der Welt und Hauptinvestor im Zentrum, eine größere Attraktivität des Zentrums gefordert. Die Enge, der Lärm des Straßenhandels und das Gefühl von Unsicherheit lassen viele BewohnerInnen Mexikos das Zentrum meiden. Im so genannten Touristenkorridor zwischen dem Zócalo und Alameda Central wurden die StraßenhändlerInnen bereits verdrängt und die Infrastruktur verbessert. Sicherlich kein Zufall, dass dort die attraktivsten Immobilien stehen, fast alle im Besitz von Carlos Slim.
Diese werden aktuell noch vergleichsweise günstig vermietet, vor allem die Lofts und internationale Modegeschäfte sollen junge BewohnerInnen der Mittelschicht anziehen. Dass die Mieten in den nächsten Jahren stark steigen werden, gilt als sicher. Doch auch jetzt schon sind diese Wohnungen für die ehemaligen BewohnerInnen unerschwinglich, ein Prozess der Gentrifizierung hat eingesetzt. Gut für die Bausubstanz, aber die Menschen verlieren ihren Lebensraum.
Dass es auch anders geht, zeigt das Projekt „Brasil 44“. Das mexikanische Architekturbüro Higuera-Sánchez hat ein Projekt vorgestellt, welches die BewohnerInnen eines vom Verfall bedrohten Hauses in der Straße Brasil in die Planung mit einbezog und fast ausschließlich über Mikrokredite des staatlichen Wohnungsbauinstitutes INVI finanziert wird. Das Gebäude wird denkmalgerecht wieder hergerichtet und die Mieten bleiben erschwinglich. Der Mieter des Ladens für Brautmoden im Erdgeschoss ist auch an dem Projekt beteiligt, ist aber kein Bewohner des Hauses. Das einfache aber viel versprechende Konzept wurde wegen seiner Beispielhaftigkeit für die Metropolen Lateinamerikas mit dem Goldenen Löwen 2007 für Städtebau der Biennale von Venedig prämiert – es geht also auch mit den BewohnerInnen und ohne GroßinvestorInnen.
Für viele BewohnerInnen des Zentrums ist der Straßenhandel die einzige Einnahmequelle. Nur dort können sich viele MexikanerInnen die benötigten Waren überhaupt leisten. Nirgendwo ist es günstiger als im Zentrum. Und paradoxerweise ist nach Meinung vieler BewohnerInnen das Zentrum mit den StraßenhändlerInnen sicherer als ohne. DiebInnen wurden meist von den StraßenhändlerInnen direkt dingfest gemacht. Jetzt werden die ehemaligen ambulantes aus der Not heraus zu GelegenheitsdiebInnen und GaunerInnen.
Guadalupe Espinoza weiß noch nicht, wie es mit ihr weitergeht. Lange wird sie mit den geringen Einkünften von nur einigen Peso nicht durchhalten können. Für sie selbst reicht es. Aber sie finanziert auch ihren Sohn, dem noch zwei Jahre bis zum Universitätsabschluss fehlen. Das Geld reicht nicht einmal mehr für die täglichen Fahrten zur Universität. Sie will nicht, dass ihr Sohn arbeiten geht, er soll zügig studieren. Durch die Universitätsausbildung bekommt er die Chance, einen regulären Job zu kriegen. Die Alternative: wie viele andere junge Leute am Stand neben seiner Mutter schwarz gebrannte CDs verkaufen.
Der Mikrokredit von der Regierung reicht kurzfristig zum Überleben, aber nicht, um einen kleinen Laden in ihrem Haus zu mieten. In vier Monaten muss der Kredit getilgt sein – wovon weiß sie noch nicht.
Ähnlich geht es auch Antonio Mariano Felipe, Buchverkäufer und Standnachbar von Señora Espinoza. Vor einigen Jahren ist er aus Oaxaca nach Mexiko Stadt gekommen – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Jahrelang hat er Bücher in der Straße Corregiadora verkauft. Er ist inzwischen verheiratet und Vater eines kleinen Mädchens. Seine Frau muss nun auch Vollzeit arbeiten, das Mädchen schläft meist in einer Pappkiste unter dem Stand. Antonio hofft auf das Weihnachtsgeschäft und darauf, dass die Anführer mehr Werbung für die Markthalle machen, in der sie untergekommen sind. Durch den Verlust der Laufkundschaft ist auch sein Einkommen um 80 Prozent zurückgegangen. Ironischerweise heißt die Markthalle, in der er seinen Stand hat „Plaza Popular Bicentenario“, obwohl es gerade die Programme zum Bicentenario – der 200-Jahrfeier zur Unabhängigkeit – sind, die den StraßenhändlerInnen die Existenz nehmen.
Antonio gewinnt dem Ganzen aber auch etwas Gutes ab: Er hat jetzt einen festen sicheren Platz in einer Markthalle, dort kann ihn niemand mehr vertreiben. Außerdem sind er und seine Bücher geschützt vor dem Regen. Nur die KäuferInnen fehlen noch.
Doch nicht alle StraßenhändlerInnen finden sich mit ihrem Los ab. Einige haben zum Teil noch keine Ausweichräume von der Regierung bekommen. Sie wurden lediglich von der Straße vertrieben, die Ausweichquartiere sind noch nicht fertig gestellt. Um nicht ganz ohne Einkünfte zu sein, haben sie sich zwischen die noch verbliebenen StraßenhändlerInnen außerhalb des Perímetro A gemischt. Doch ab Januar 2008 soll auch der Perímetro B, also das komplette Zentrum, frei von StraßenhändlerInnen sein.
Andere umgehen das Verbot. Vor der Plaza de Computación an der Eje Central, traditionell der Ort wo Raubkopien diverser Computerprogramme angeboten werden, stehen schon wieder die ambulantes mit ihren Pappschildern, auf denen die Programme abgebildet werden. Vertreiben kann man sie nicht, denn sie haben ihre Ware nicht dabei. Die holen sie erst bei Bedarf aus irgendeinem Hauseingang oder Kofferraum.
In weniger kontrollierten Bereichen breiten sich die HändlerInnen auch auf der Straße wieder aus. Wie zu Anfangszeiten des Straßenhandels wird auf Plastikplanen verkauft, die bei einer Razzia schnell zu einem Beutel zusammengezogen werden können. In der Straße Moneda ist ein ganzer Abschnitt schon wieder belegt. AufpasserInnen mit Funkgeräten und auf hohen Leitern überblicken die Straßen und warnen vor den Polizeitrupps, die die Regierung durch das Zentrum schickt.
Besonders in den ersten Tagen nach dem Verbot zogen die PolizistInnen in großen Gruppen in Begleitung von Fernsehteams durch das Gebiet. Sie beschlagnahmten die Ware von StraßenhändlerInnen, die sich dem Verbot widersetzt hatten und verordneten Bußgelder. 300 Peso (rund 19 Euro) sind die Strafe, für viele der Verdienst einiger Tage Arbeit.
Reguläre LadenbesitzerInnen wurden darüber aufgeklärt, inwieweit sie noch Waren an den Fassaden und auf den Gehsteigen anpreisen dürfen. Dabei ging die Polizei sehr besonnen vor und sprach anfangs fast nur Verwarnungen aus. Dass es die Regierung aber ernst meint mit der Durchsetzung des Verbots des Straßenhandels wird an der gewaltigen Polizeipräsenz und gelegentlichen Beschlagnahmungen und Bußgeldern deutlich.
Doch auch die etablierten HändlerInnen sind wider Erwarten nicht zufrieden. Eigentlich sollte man meinen, auch sie seien GewinnerInnen der Situation, aber auch ihre Umsätze gehen zurück. Zwar machen an viel bevölkerten Straßen wie der Eje Central neue Geschäfte auf und der reguläre Handel kommt in Schwung. Aber vor allem im östlichen Bereich des Zentrums hinter dem Regierungspalast bringt der Wegfall der ambulantes auch die Läden in Bedrängnis. Früher haben sie von der Laufkundschaft profitiert, die durch die Straßenstände angelockt wurde – oder die etablierten LadenbetreiberInnen waren GroßhändlerInnen für den Straßenhandel.
Für viele ambulantes bleibt es unverständlich, dass gerade die PRD, die sie jahrelang unterstützt hat, sich jetzt gegen sie wendet. Als der vorherige PRD-Bürgermeister Andrés Manuel López Obrador die Wahl verloren hatte und durch Massenproteste doch noch seinen Sieg reklamieren wollte, wurden die StraßenhändlerInnen noch umgarnt. Sie haben die PRD unterstützt, jetzt fühlen sie sich von der Partei im Stich gelassen.
Durch halbherzige Lösungen wie die schlecht geplante Umquartierung der ambulantes wurde zwar ein erster Schritt für den Erhalt des historischen Zentrums getan. Dabei wurden jedoch die Interessen der ambulantes und der BewohnerInnen völlig aus den Augen verloren. Ein Mikrokreditprogramm für ambulantes, durch das die Verlagerung des Verkaufs in Gebäude am Ort attraktiv gemacht werden würde, hätte sicherlich eine positive Wirkung. Das einzigartige Flair des Zentrums mit seinen diversen Einkaufsmöglichkeiten im Kleinhandel bliebe erhalten. Die VermieterInnen bekämen durch die Miete das Geld, das ihnen zur Instandhaltung der Häuser fehlt. Und auch für multinationale Konzerne wie Zara oder GAP wäre noch ausreichend Platz.

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