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Land am Fluss der bunten Vögel

Noch immer gibt es in Uruguay, dem Land am Fluss der bunten Vögel (so die Übersetzung von Rio Uruguay aus dem Guaraní), die endlosen Graslandschaften, die sprichwörtliche Pampa, noch immer ziehen die Gauchos über die riesigen Estancias. Auf 3,5 Millionen EinwohnerInnen kommen im flächenmäßig zweitkleinsten Land Südamerikas (allerdings immerhin halb so groß wie Deutschland) zwölf Millionen Rinder und 18 Millionen Schafe. Oberflächlich betrachtet scheint die Zeit stehen geblieben im Interior, wie das kaum besiedelte Hinterland außerhalb der Hauptstadt Montevideo genannt wird. Aber gerade seit Antritt der Mitte-Links-Regierung im März 2005 haben sich die Konflikte zwischen GroßgrundbesitzerInnen und internationalen Agrarkonzernen auf der einen Seite und Kleinbauern -und bäuerinnen und ViehhirtInnen auf der anderen Seite verschärft. Immer mehr Land geht in den Besitz von ausländischen Multis über (vor allem brasilianische, argentinische und US-Amerikanische Gesellschaften), jährlich werden viele hunderttausende Hektar fruchtbares Land in Monokulturen umgewandelt: Reis, Mais, Soja, Zuckerrohr sowie Eukalyptusplantagen verdrängen zunehmend die Kleinbauern und kleinen Agrarproduzenten, die hauptsächlich milchwirtschaftliche Produkte herstellen. Und die mit überbordenden Hoffnungen erwartete Regierung der Mitte-Links-Koalition Frente Amplio hat gerade auf dem Land nicht wenige Menschen enttäuscht. Trotz des Wahlslogans „Ein produktives Land“ fühlen sich vor allem die kleinen Milchbauern betrogen. Und einige dieser Enttäuschten besetzen im Dezember 2006 mehrere Hektar brachliegendes Land im Department Artigas, an der Grenze zu Brasilien gelegen. Sie nehmen den alten Kampfspruch der einstigen Stadtguerilla Tupamaros, die heute die größte Fraktion in der Regierungskoalition stellen, ernst: „Das Land denjenigen, die es bearbeiten“. Dieser Slogan war schon in den 1960er Jahren aufgekommen, als die ZuckerrohrarbeiterInnen zusammen mit Raúl Sendic, dem legendären Gründer der Tupamaros, die Enteignung der GroßgrundbesitzerInnen verlangten, um das „produktive Land“ voranzubringen. Diese Forderung wieder auf die Tagesordnung zu setzen und Themen wie Landbesitz, Agrarreform und Arbeitsbedingungen der LohnarbeiterInnen auf dem Land wieder ins Bewusstsein zu rücken, ist auch das Ziel der „Peludos“, der Bärtigen genannten ZuckerrohrarbeiterInnen, die seit Anfang 2006, ebenfalls in Artigas, 34 Hektar besetzt halten, um gegen den Ausverkauf des Landes an ausländische Unternehmen und die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse zu protestieren.
Santiago Flores wurde 1978 in Montevideo geboren. Er studierte Grafik Design an der Universität ORT in Montevideo, seit 2002 arbeitet er als selbständiger Fotograf. Er ist Mitarbeiter der Radiosender Alternativa FM und N‘idea-D FM, gründete 2001 das alternative Mediennetzwerk Indymedia Uruguay und 2006 das Fotojournalismus Kollektiv RebelArte. Seine Fotos stellte er u.a. bei den Weltsozialforen 2002 und 2003 in Porto Alegre, Brasilien aus. Von Juni bis Oktober werden seine Bilder in verschiedenen deutschen Städten gezeigt.

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