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Lieber Brot als Spiele

Geplant war das alles anders. Ganz anders. Als Brasilien am 30. Oktober 2007 dazu auserkoren wurde, nach der gefühlten Ewigkeit von 64 Jahren wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten, erwartete die Welt einen kollektiven Freudentaumel. Äußerungen wie die des früheren Schalke-Profis Marcelo Bordon, das Land sei „rettungslos fußballverrückt“ und man werde „einen Monat lang ein Riesenfest durchfeiern“ nährten die Hoffnungen der Funktionäre der FIFA, dem Weltfußballverband. Eines der ältesten Versprechen des Fußballs sollte erneut für ihre alle vier Jahre perfekt inszenierte Illusionskunst instrumentalisiert werden: Die Alltagssorgen eines ganzen Landes – und auch die durchaus vorhandenen organisatorischen Bedenken bei der Vergabe – in einem Rausch aus Emotion und Weltvergessenheit zumindest für eine kurze Zeit ins Abseits zu stellen. Brasilien schien die perfekte Wahl dafür. Was beim Karneval alljährlich klappt, müsste doch auch auf ein Sportturnier übertragbar sein – um diese Gedankengänge des FIFA-Exekutivkomitees nachvollziehen zu können, bedurfte es keiner Wikileaks-Enthüllungen. FIFA-Präsident und Chefmissionar Joseph Blatter ließ es sich dann wie schon zuvor in Südafrika 2010 auch nicht nehmen, den Beitrag des Fußballs zur Entwicklung eines Landes in bunten Farben auszumalen. Die WM werde „einen riesigen sozialen und gesellschaftlichen Einfluss“ auf Brasilien haben, verkündete er auf der Homepage der FIFA. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er vermutlich nicht im Entferntesten, wie recht er damit behalten sollte.
Blatters in zwei Richtungen interpretierbares Statement ist mittlerweile zu einer Wahrheit geworden, die niemand in der FIFA in dieser Form für möglich gehalten hätte. Sicher, schon am Tag der WM-Vergabe mischten sich erste kritische Stimmen in den Jubelsturm der offiziellen Feiern. Altstar Sócrates, schon zu Zeiten der Militärdiktatur für seine kritischen politischen Ansichten bekannt und geschätzt, prognostizierte polternd, das werde wohl wieder „eine große Klauerei. Steuergelder werden verschwinden und ein Großteil der geplanten Kosten wird aus der Tasche des Volkes fließen“. Auch die MTV-Moderatorin und Abgeordnete des Stadtparlamentes von São Paulo, Soninha Francine, kritisierte sehr zum Ärger Blatters die Entscheidung für ihr Land als „verwegen. Unsere Korruption ist ja bekannt.“ Der FIFA-Boss, von solcherlei Vorwürfen ebenfalls nicht gänzlich unberührt, blaffte den Kritiker_innen zu diesem Zeitpunkt noch entgegen, er verlange „mehr Respekt gegenüber der FIFA und ihren Mitgliedern“. Sechs Jahre später, als der WM-Testlauf Confederations Cup in Brasilien Station machte, hatten sich sowohl die Lage als auch sein Tonfall dramatisch verändert. Der Turnier-Gigantismus des Weltverbands und der eigenen Regierung rief angesichts drängender sozialer Probleme im Land massive Proteste der brasilianischen Bevölkerung hervor. Blatter selbst wurde bei der gemeinsamen Turniereröffnung mit Staatspräsidentin Dilma Rousseff in Brasilia von einem ganzen Stadion gnadenlos ausgepfiffen und äußerte daraufhin im Juli 2013 gegenüber der Presse spürbar nervös, man müsse „überlegen, ob man bei der WM-Vergabe falsch gewählt habe“. Dass es gar nichts zu wählen gegeben hatte – Brasilien war der einzige Bewerber für die Ausrichtung – durfte da gerne unter den Tisch fallen. Vor allem angesichts des mit „dubios“ noch freundlich umschriebenen Demokratieverständnisses, das die Kür der WM-Gastgeberländer seit geraumer Zeit umweht. Zu Tage trat allerdings das, was aufmerksame Beobachter seit Jahrzehnten bei WM-Turnieren verfolgen können: Die so gerne zur Schau getragene politische Neutralität der FIFA gilt nur, solange die Investitionssicherheit nicht in Frage gestellt wird. Blatters für seine Verhältnisse extrem undiplomatisches Statement gegenüber einem Ausrichter belegt diese These nur zu deutlich. Ebenso wie den Eindruck, dass die Mächtigen des Weltverbands die Mobilisierungskräfte von Brasiliens sozialen Bewegungen mindestens so sehr unterschätzt hatten, wie Brasilien das Team Uruguays vor der Niederlage im entscheidenden Spiel der letzten Heim-Weltmeisterschaft 1950.
Sport und Sportturniere werden seit der Antike als völkerverbindender, friedlicher Wettstreit proklamiert. Von seinen Funktionär_innen wird die Notwendigkeit der politischen Neutralität des Sports gerühmt, durch die er erst seine „positive Wirkung entfalten“ könne, wie der frisch gewählte Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der Deutsche Thomas Bach, erst kürzlich wieder kundtat. Bewerbungen für große Sportevents sind jedoch nicht selten für sich schon ein Politikum, wie sich besonders bei den Fällen beobachten lässt, bei denen die Bevölkerung darüber abstimmen darf (so verhinderten Volksentscheide eine Kandidatur Münchens für die Winterspiele 2022). Zudem war die häufige Unterstützung der Sportverbände für den politischen Status Quo in autoritär geführten oder diktatorischen Ausrichterstaaten von Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften durch die Bereitstellung der größten Bühne der Welt für Selbstdarstellung und Propaganda schon immer das Gegenteil von unpolitisch. Gemeinsam mit ihrer Missachtung der dortigen oppositionellen Bewegungen entlarvt sie die These von der Neutralität des Sports als bloße Rhetorik.
Die FIFA hat in dieser Beziehung eine besonders unrühmliche Geschichte. Markantestes Beispiel ist die skandalöse Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Drei Jahre vor dem Turnier war die Sorge vor unruhigen sozialen Verhältnissen unter der Regierung Isabel Peróns in den Gängen der Zentrale des Weltverbandes greifbar. Nach dem rechten Militärputsch 1976 jedoch bekannte ein erleichterter FIFA-Präsident João Havelange: „Jetzt ist das Land in der Lage, die Weltmeisterschaft auszurichten!“ Die Welt könne nun „das wahre Argentinien kennenlernen“. Damit gemeint war eine Militärdiktatur, die in den folgenden Jahren mehr als 30 000 Oppositionelle verhaften, foltern und ermorden ließ. Eine Entschuldigung für Havelanges Aussagen gab es nie. Auch nicht von Joseph Blatter, der damals seine Premiere als FIFA-Generalsekretär feierte. Im Gegenteil, der heutige FIFA-Boss war und ist mit seinem früheren Chef politisch voll auf einer Linie, wie er erst kürzlich wieder bekannte: „Ich bin glücklich gewesen, dass Argentinien gewann. Zwischen der Bevölkerung und dem politischen System hat es eine Art Aussöhnung gegeben.“
Weltfremder Zynismus à la FIFA, den auch Blatters heutiger Nachfolger als Generalsekretär pflegt. Der heißt Jerôme Valcke und arbeitet fleißig daran, blattersche Werte in der nach unten offenen Unbeliebtheitsskala zu erreichen. Unter anderem wegen eines Statements, das eine erschreckende Kontinuität mit Havelanges Aussagen zu Argentinien ´78 erkennen lässt. Auf einer öffentlichen Pressekonferenz im März 2013 äußerte er unverblümt: „Ich werde Ihnen etwas sagen, das verrückt klingen mag. Aber weniger Demokratie ist manchmal besser für die Organisation des World Cup. Wenn ein starkes Staatsoberhaupt da ist, das Entscheidungen treffen kann, wie etwa Putin 2018 (Russland ist WM-Ausrichter 2018, Anm. d. Red.), das ist einfacher für uns Organisatoren als in einem Land wie Deutschland, wo man auf verschiedenen Ebenen verhandeln muss.“ Danach kritisierte er in noch deutlicheren Worten die föderalen Strukturen Brasiliens.
Weniger politische Neutralität ist kaum möglich. Aus der Sicht eines Weltverbandes, der das Profitstreben längst weit über das – sowohl sportliche als auch soziale – Fair Play gestellt hat, ist das allerdings ebenso logisch wie nachvollziehbar. Stabilität, eine öffentliche Darstellung ohne zu laute Störgeräusche und ein sicheres Investitionsklima für die milliardenschweren FIFA-Sponsoren sind die Rahmenbedingungen, die für einen reibungslosen Ablauf der größten Show der Welt mehr als alles andere nötig sind. Allerdings spricht einiges dafür, dass die FIFA ihren Willen diesmal nicht so leicht bekommen wird, obwohl ihre Auflagen wie üblich so exakt vom Ausrichterland erfüllt werden mussten, als sei der Fußballweltverband ein „Internationaler Währungsfonds des Sports“. Denn der Katalog der Unzufriedenheit in der Bevölkerung näherte sich dadurch der Länge der brasilianischen Küstenlinie an: Sparmaßnahmen, die das öffentliche Gesundheitswesen amputierten, während das separate Budget für wenig nachhaltige Luxusprojekte wie Hotels und Stadien unangetastet blieb. Ein versprochener Ausbau der öffentlichen Infrastruktur, vor allem des Verkehrsnetzes, der im Korruptionssumpf verschwand. Eine Sicherheitslage, die durch Einsatz öffentlicher Sicherheitskräfte in Favelas eher verschärft als verbessert wird – zumindest für diejenigen, die ohnehin schon unter prekären Verhältnissen zu leiden haben. Die Verzögerungen von Bauarbeiten in den Stadien, die zu Terminnot und in der Folge zu unwürdigen Bedingungen für die Arbeiter_innen führten, die mehrere Todesopfer forderten. Und schließlich das, was viele am Härtesten trifft: Die massenweisen Zwangsumsiedlungen, teils von einem Tag auf den anderen, oft ohne stabile rechtliche Grundlage, meist einhergehend mit Erhöhungen der Mietpreise auch für die, die in ihren Wohnungen bleiben konnten. Die FIFA hingegen hat sich völlige Steuerfreiheit auf ihre Gewinne zusichern lassen. Die Konsequenz: Brot und Obdach, Bildung und Gesundheit sind für die meisten Brasilianer_innen aktuell deutlich wichtiger als eine Sportveranstaltung, für deren explodierende Kosten sie aufkommen müssen.
Dass man mit diesen Maßnahmen nicht nur Freund_innen gewinnen wird war dem Weltverband und auch der brasilianischen Regierung vermutlich früh klar. Überraschend aber war die Wucht, mit der ein ganzes, zu Recht als fußballbegeistert bekanntes Land begann, sich gegen die Organisation FIFA zu solidarisieren. Die Proteste nahmen Ausmaße an, die Brasilien seit Jahrzehnten nicht erlebt hat, zur WM könnten sie wieder heftig aufflammen. „Não vai ter Copa“ („Es wird keine WM geben“) wurde zu einem der geflügelten Worte einer vielfältigen Bewegung, die auch Zuspruch von aktiven und ehemaligen Fußballern erfährt. Der bekannteste Kritiker unter ihnen ist der frühere Superstar und heutige Abgeordneten des brasilianischen Parlamentes, Romário de Souza Faria, der FIFA-Präsident Blatter im März 2014 als „Dieb und korrupten Hurensohn“ bezeichnete und Generalsekretär Valcke als „größten Erpresser im Weltsport“. Das Vorgehen des Weltverbandes analysierte der frühere Torjäger des FC Barcelona wie folgt: „Die Fifa kommt hierher, baut den Zirkus auf, hat keine Auslagen und nimmt alles mit.“
Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da. Selbst die aktuellen Nationalspieler der brasilianischen Seleção zeigen Verständnis für die Demonstrant_innen auf den Straßen, wenn auch mit deutlich gemäßigterer Wortwahl: „Viele glauben, dass Fußballer nur an Fußball denken. Aber wir wissen, was gerade passiert. Wir wissen, dass die Demonstranten Recht haben mit ihren Protesten“, sagt etwa Stürmerstar Hulk von Zenit St. Petersburg. Probleme wird er deswegen keine bekommen, denn eine (Selbst-)Zensur wird nicht stattfinden: „Meine Spieler haben alle Freiheit, sich zu den Protesten zu äußern“, erteilte Nationaltrainer Luis Felipe Scolari bereits politische Meinungsfreiheit. Diese Linie war in vergangenen Jahren für die Spieler der Seleção nicht immer selbstverständlich.
Und so sprechen in Brasilien zwei Monate vor Beginn der WM völlig überraschend weniger Menschen von der Form des Nationalteams als vom Sinn und Zweck eines fußballerischen Heimvorteils, durch den viele ihr eigenes Heim verloren haben, und werden politisch aktiv. Eine soziale Bewegung, wie sie vor einem Jahr fast aus dem Nichts entstand, kann mit Fug und Recht als Alptraum der FIFA-Funktionäre bezeichnet werden. Sie ist nicht greifbar, weil sie keine klaren Führungspersönlichkeiten hat. Sie ist nicht kontrollierbar, weil sie sich spontan und dezentral organisiert. Und sie ist noch nicht einmal käuflich, weil sie von zu vielen verschiedenen und komplexen Aspekten der Benachteiligung gespeist wird, als dass sie einfach zu befrieden wäre. „Não vai ter Copa“ ist die ultimative Horrorshow für Blatter und die Sponsoren des erwünschten „Jogo Bonito“ („Schönen Spiels“). Vielleicht ist es ein Glück, dass sich die FIFA lange vom fröhlich-feiernden Image Brasiliens blenden ließ und die Sprengkraft seiner sozialen Bewegungen übersah. Dieser wird bei der WM nun eine einzigartige Möglichkeit geboten, auf nationale und globale Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, zu denen der organisierte Fußball seinen Teil beiträgt. Allerdings sollte diese Gelegenheit auch genutzt werden, denn es könnte für längere Zeit die letzte bleiben. Die nächsten Weltmeisterschaften sind in Russland und Katar geplant.

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