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„Mein Körper ist mein Material“

Sie haben ihre künstlerische Laufbahn als Autorin begonnen. Wie und warum vollzogen Sie den Schritt hin zur visuellen Kunst?
In Guatemala gibt es keine reguläre Kunstausbildung. Ich wollte aber schöpferisch tätig sein. Ich begann mit dem automatischen Schreiben: Dann fing ich an, ernsthafter in einer Lyrik-Gruppe mitzumachen. Danach wollte ich eine richtige Arbeit. Ich trat in eine Werbeagentur ein. Nach fünf Uhr machte ich weiter Gedichte. Ich traf in der Agentur aber auch auf ganz andere kreative Menschen. Wir taten uns zusammen. Allmählich fand ich heraus, auf welche Weise ich etwas erschaffen wollte.

Inwieweit steckt noch das Wörtliche in Ihrem Werk?
Jedes Werk beginne ich damit, mir Notizen zu machen, mir Sachen aufzuschreiben. Dabei klären sich die Dinge immer mehr, um schließlich zu der Idee einer möglichst reinen, gut durchgestalteten visuellen Form zu gelangen.

Verstehen Sie Ihre Kunst und Ihre Performances als Martyrium? Oder anders gefragt: Gibt es einen religiösen Hintergrund in Ihrem Werk oder in Ihrer Biografie?
Das wäre wirklich eine irrtümliche Leseweise meines Werks. Der ist höchstens implizit gegenwärtig, zum Beispiel durch die Allgegenwart von Heiligenbildern in meinem Land. In einer religiösen Familie bin ich nicht aufgewachsen. Im Gegenteil. Mein Werk ist in einem weiterer gefassten Kontext zu verstehen, mehr mit der Politik verbunden als mit der Religion. Die Religion habe ich in meinem Diskurs eher als Hindernis und als Gegenstück empfunden. Meine Kunst hat mit Begriffen wie Schuld und Strafe nichts zu tun. Es geht mir um die soziale und politische Wirklichkeit. Darum, was in meinem Land geschieht, und in anderen Ländern. Denn, was woanders geschieht, hat Folgen für uns, schließlich sind wir alle miteinander verbunden.

Haben Sie niemals Angst vor dem Leiden?
Nein. Nein. Dazu bin ich vielleicht viel zu kühl veranlagt. Jeder hat eine andere Schmerzgrenze. Meine liegt wohl sehr hoch. Mich kümmert nur die Visualisierung von etwas. Dabei bearbeite ich meinen Körper wie ein Wort oder einen Text, der ja auch einmal Teil meines Körpers war, als er im Mund entstand. Der Körper ist mein Material. Ich überlege, welches Körperteil ich als nächstes zum Gegenstand nehme, ob ich von außen oder von innen an ihn herangehen soll. Das sind die Fragen, die ich mir stelle. Mein Schmerz ist das Wenigste. Eher geht es mir um einen kollektiven Schmerz. Ich möchte mein Werk an meinem Körper nicht persönlich gedeutet sehen. Vielmehr als Metapher eines überpersönlichen Schmerzes, einer über 100 Jahre oder mehr währenden Geschichte. Ich habe Angst um die Welt, mehr noch, seit ich Mutter bin.

In Ihrer Kunst sehe ich Sie die Wirklichkeit noch einmal erleben, ein Wiederdurchleiden der Wirklichkeit. Gibt es Grenzen des Realen in der Kunst, und ist die ideale Kunst die realistischste Kunst? Oder wollen Sie das Unsichtbare sichtbar machen, besser noch: die Unsichtbaren?
Das Leben und die Kunst sind verschiedene Gebiete. Das Leben kann nicht dargestellt werden. Ich modifiziere lediglich die Realität meines eigenen Ausdrucks. Ich will so die Balance von Macht in Frage stellen. In meinen Vorstellungen erscheine ich als Opfer, bin aber – zum Beispiel in den Folterszenarios – diejenige, die Anordnungen trifft. Und so werden die Täter, die sich freiwillig zur Verfügung stellen, wiederum selbst zu Opfern. Sie werden zu Protagonisten und haben klar die mühsamere Rolle, ich bleibe passiv. Trotzdem bin ich der makabere Geist, der über beider Kräfte verfügt und auf diese Weise miteinander vereint. Das zeigt, einseitige Diskurse haben keinen Sinn, es gibt viele Grauzonen. Als Opfer komme ich dabei immer glänzend aus der Sache heraus, das ist im Leben nicht so.

Ihr eigener Körper wird zum Gegenstand der Autoaggression – bedeutet dies eine Selbstreferenz auf das Einzige, ohne das niemand sein kann, oder wird so die – bescheidene – Freiheit der Kunst demonstriert, in dem Sinne, dass einzig der eigene Körper absolut beherrscht werden kann?
Niemand hat die volle Kontrolle über seinen Körper. Alles, was irgendwo geschieht, beeinflusst irgendwie den Körper. Das ist die berühmte Geschichte mit dem Schmetterlingsflug und dem Wirbelsturm. Ich habe keine Kontrolle über mich. Nicht über die Vergangenheit, nicht in der Gegenwart, nicht über die Zukunft.

Wie haben die Mächtigen in Ihrem Land auf Ihre Kunst reagiert, besonders am Anfang, als Sie die Gewalt in Ihrem Land thematisierten?
Mein Land ist immer am Rand des Chaos, am Rande von etwas, was sich jederzeit ereignen kann. Wir leben in einer völlig verwahrlosten Gesellschaft. Alles passiert, aber alle tun so, als ob nichts passiert wäre. Das hat mit Jahrhunderten der Repression zu tun. Die Menschen in Guatemala werden nicht dazu erzogen, sich mit einem Problem auseinanderzusetzen, sie unterdrücken es. Die Kunst, so radikal sie auch sein möge, berührt die Klasse der Mächtigen nicht. Wie kann das auch anders sein in einem Land, in dem man kaum versteht, dass Kunst nicht nur Bilder bedeutet? In den Siebzigern, Achtzigern, der Zeit des kalten Krieges, gab es einen Kampf um Ideologien. Heute kämpfen wir gegen Luft. Wir Künstler sind keine Aktivisten, wenn wir das wären, so wäre das wirklich gefährlich für uns.

Sie haben drei Jahre in Italien gelebt, hat Sie das verändert?
Ich habe noch heute eine Galerie in Italien, und ein Mal im Jahr fahre ich dorthin. Aber ich ziehe es nun vor, auf meiner Seite der Welt im Chaos zu leben. In meiner Gesellschaft, mit meinen familiären Wurzeln. Die haben zu meinem Erfolg draußen beigetragen. Der hat nichts mit der Künstlerpersönlichkeit zu tun. Es gibt viele, die besser sind als ich. Erfolg ist immer eine Sache des Zufalls. Er war auch nie meine Absicht. Heute gehe ich viel weniger Risiken ein als früher, schon weil ich über den finanziellen Hintergrund verfüge, sie zu vermeiden. Mir stehen etwa immer die besten Ärzte bei meinen Vorstellungen zur Seite, die sehr kontrolliert ablaufen.

Macht es für Sie einen Unterschied als Künstlerin, heute Mutter zu sein?
Früher war ich voller Wut, gegen alles. Seit ich Mutter bin, kanalisiere ich das ausschließlich in meiner Kunst. Meine Arbeit hat sich dadurch nicht geändert, aber meine Sicht auf die Welt. Die hat sich erweitert. Dafür bin ich dankbar. Ich schätze es heute sehr, Mutter zu sein, obwohl es nicht geplant war.

Wollen Sie mit Ihrem Werk den Betrachter oder die Welt verändern?
Die Welt nimmt ihren eigenen Lauf. Ich bin darin nur ein Sandkorn. Das Einzige, was das Leben rechtfertigt, ist, sein Leben zu ändern und Mitgefühl hervorzurufen, sich selbst auszusetzen, den Sympathien, der Empathie – nicht dem Mitleid – damit in dem Anderen etwas aufbricht, dieses: „Ich bin ich. Der ist der.“ Ich will dabei kein Bedauern, sondern ein Mitgefühl dafür, dass der andere arm dran ist. Ich spiele ein Spiel, der Betrachter spielt mit mir, nur so wirkt der Künstler.

KASTEN:

Regina José Galindo

scheut sich nicht, sich auszusetzen – dem Schmerz und dem Betrachter. 2003 erregte sie international Aufsehen, als sie in ihrem Heimatland Guatemala ihre nackten Füße in eine Schüssel menschlichen Blutes tauchte und mit ihren regelmäßigen Spuren zwischen Kongresszentrum und Nationalpalast gegen die Präsidentschaftskandidatur des Ex-Diktators José Efraín Ríos Montt protestierte. Sie lieferte sich freiwillig Folterungen, wie Stromstößen oder dem Waterboarding, aus. Auf der Biennale in Venedig 2005 schlug sie sich in einem Kubus für das Publikum nicht sichtbar – aber hörbar – 279 Mal, um an alle vom 1. Januar bis 9. Juni jenes Jahres in Guatemala ermordeten Frauen zu erinnern. Im selben Jahr wurde sie mit dem Golden Lion Award der Biennale ausgezeichnet für ihr Werk „Himenoplastia“, in dem sie sich 2004 einer Wiederherstellung des Jungfernhäutchen unterzog. In der Berliner Ausstellung „Über Wut“ ist bis zum 09.05.2010 ein Video zu betrachten, in dem zu sehen ist, wie sie sich ihre Goldimplantate der Backenzähne extrahieren ließ. Eine doppelte Anspielung an die Ausbeutung der Indigenen in der Neuen Welt, um an das begehrte Gold zu gelangen, und an die Nazizeit, als von den KZ-Opfern das Zahngold gesammelt und wieder verwertet wurde.

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